Vater und Sohn haben Rasierschaum um den Mund und lachen in den Spiegel
Väter sind wichtig! Wissenschafter haben längst herausgefunden, dass Kinder intellektuell und sozial davon profitieren, wenn nicht nur Mama da ist – wenn sie unterschiedliche Bezugspersonen haben.
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In Österreich geht nur ein Prozent aller Väter länger als sechs Monate in Karenz. Laut Arbeiterkammer nimmt der Männeranteil beim Bezug von Kinderbetreuungsgeld sogar wieder ab. Viel zu jubeln gibt es am 9. Juni, am Vatertag, demnach nicht. Die Hauptlast der Care- und Familienarbeit tragen schließlich die Frauen. Sie sind es, die die Familie managen, die beruflich zurückstecken.

Gleichberechtigte Elternschaft existiert in Österreich nahezu nicht. Dabei wäre sie so wichtig. Expertinnen und Experten betonen schon lange, dass Väter entwicklungspsychologisch eine wichtige Rolle für ihre Kinder spielen. Zudem: Würden mehr Männer – vor allem länger – in Karenz gehen, könnte das Einkommens-, Karriere- und Pensionsunterschiede zwischen den Geschlechtern verringern.

Dieter Breitwieser-Ebster, Sozialarbeiter beim Verein Papainfo, berät Väter und leitet Workshops für werdende Papas und Elternpaare. Der zweifache Vater kennt die Aufgaben und Herausforderungen des Papaseins gut. Seine Klienten berichten regelmäßig von dem Dilemma, den Spagat zwischen klassischer Ernährerrolle und aktivem Vater zu schaffen. Ein Gespräch über faire Elternschaft, Väter auf Social Media und fehlende Vorbilder.

STANDARD: Herr Breitwieser-Ebster, warum sollten sich Väter aktiver in der Familie einbringen?

Breitwieser-Ebster: Weil vielen Väter gar nicht bewusst ist, wie wichtig sie als Bezugsperson für ihre Kinder sind. Aber es gibt auch Vorteile für die Männer selbst: Durch gelebte Gleichstellung verbessert sich die gesamte Lebenssituation. Gewalt in der Familie wird nachweislich reduziert, wenn Väter von Beginn an mehr Zeit mit der Familie verbringen, aber auch das Risiko, an einer Depression zu erkranken. Wenn sich Väter aktiver in der Familie einbringen, stärkt das meist auch die Partnerschaft.

STANDARD: Das sind viele Vorteile. Warum gehen Väter dennoch so selten in Karenz und dann in Elternteilzeit?

Breitwieser-Ebster: Es gibt unterschiedliche Studien, die besagen, dass zwischen 60 und 80 Prozent der Väter mehr Zeit zu Hause mit den Kindern verbringen wollen. Machen sie dann aber nicht. Meist weil es sich für sie finanziell nicht ausgeht oder weil die Kinderbetreuung nicht gewährleistet wird.

"Jeder Vater, dem es wichtig genug ist, könnte zumindest ein paar Monate in Karenz gehen." – Dieter Breitwieser-Ebster, Väterberater

STANDARD: Ist ja oft wirklich so, nicht?

Breitwieser-Ebster: Natürlich, ich verstehe das finanzielle Argument. Männer verdienen meist mehr als Frauen. Und da muss die Politik sicher noch viel nachholen. Aber ich behaupte: Jeder Vater, dem es wichtig genug ist, könnte zumindest ein paar Monate in Karenz gehen. Da müssen Männer Prioritäten setzen und sich fragen: Ist mir Zeit mit meinem Kind wichtiger als andere Dinge?

Dieter Breitwieser-Ebster ist Kindergartenpädagoge, studierter Sozialarbeiter und engagiert sich im Verein Papainfo, der Männer berät und Workshops für werdende Väter und Elternpaare bietet, bei denen es um gleichberechtigte Elternschaft geht.
Dieter Breitwieser-Ebster.
Privat

STANDARD: Sie haben zwei Kinder, waren Sie in Karenz?

Breitwieser-Ebster: Ja, ich war 14 Monate in Väterkarenz und dann in Teilzeit. Ich hatte da zum Glück einen Arbeitgeber, der Väter darin bestärkt. Letztlich profitieren ja auch die Unternehmen davon, wenn sich Männer mehr um die Kinder kümmern.

STANDARD: Inwiefern?

Breitwieser-Ebster: Die Väter von heute möchten mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen, es aufwachsen sehen, sich einbringen. Wenn ein Unternehmen ihnen das leicht ermöglicht, erhöht das die Mitarbeiterzufriedenheit enorm. Und zufriedene Arbeitgeber sind weniger krank, loyaler und produktiver. Außerdem kommen die Väter mit weiteren Skills zurück: Flexibilität, Empathie, Zeitmanagement, Geduld wären nur einige. Diese Stärken sind in jedem Job gut brauchbar, ob im Büro oder am Bau.

STANDARD: Mittlerweile gibt es ja sogar Unternehmen, die die Arbeitszeiten von Vätern bei vollem Gehalt kürzen.

Breitwieser-Ebster: Der deutsche Softwarekonzern SAP reduziert die Arbeitszeit für Väter in den ersten acht Wochen nach der Geburt um 20 Prozent ohne Gehaltseinbußen. Andere Firmen gehen ähnliche Wege. Warum? Weil wir einen Fachkräftemangel haben und weil es sich monetär rechnet, wenn kompetente Mitarbeiter lange im Unternehmen sind.

STANDARD: Der Verein Papainfo richtet sich mit seinen Workshops auch an Unternehmen. Was wird da vermittelt?

Breitwieser-Ebster: Gemeinsam mit Führungskräften werden Bedarfsanalysen erhoben und gezielte Angebote erarbeitet, wie Väter in Betrieben besser unterstützt werden können. In Workshops für werdende Väter werden diese etwa auf Herausforderungen wie Mehrfachbelastung, Schlafmangel und innerfamiliäre Schwierigkeiten vorbereitet. Papainfo forciert den Aufbau von innerbetrieblichen Väternetzwerken. Wir arbeiten hier bereits mit Unternehmen wie Wien Energie, Unicredit oder auch der Stadt Wien zusammen.

STANDARD: Was sind denn die größten Herausforderungen für Väter?

Breitwieser-Ebster: Der Spagat zwischen Ernährer- und Vaterrolle fällt vielen schwer. Sie wissen oft gar nicht, wie sie ein aktiverer Vater werden können. Deswegen bieten wir Angebote für Väter oder Paare, die von Beginn an entlasten: Geburtsvorbereitungskurse, Papa-Baby-Cafés, Kurse zu gleichberechtigter Elternschaft oder Babyhandling. Wissen baut Unsicherheiten ab und stärkt vor allem das Selbstbewusstsein, sich mehr zu involvieren.

STANDARD: Welche Rolle spielen dabei andere Väter als Vorbilder?

Breitwieser-Ebster: Dazu möchte ich sagen: Väter brauchen keine Helden als Vorbilder. Männer sind auch ja auch mit den ganzen perfekten Papas auf Social Media konfrontiert. Die gutgelaunten und entspannten Papas, die ihren Kindern Baumhäuser bauen und mit der Familie tolle Ausflüge machen. Dieses ideale Bild eines Vaters macht Druck und führt bei Vätern dazu, es erst gar nicht zu probieren.

"Väter brauchen Vorbilder im eigenen Unternehmen, vor allem in höheren Positionen, die ihnen signalisieren, dass es okay ist, sich Zeit für die Familie zu nehmen." – Dieter Breitwieser-Ebster, Väterberater

STANDARD: Wer könnte denn sonst ein gutes Vorbild sein?

Breitwieser-Ebster: Väter brauchen Vorbilder im eigenen Unternehmen, vor allem in höheren Positionen, die ihnen signalisieren, dass es okay ist, sich Zeit für die Familie zu nehmen. Väter im Freundeskreis, die eine gleichberechtigte Elternschaft vorleben. Ansonsten greift unser Gehirn auf Bekanntes oder Erlebtes zurück. Wenn der eigene Vater abwesend und passiv war und es sonst keine Vorbilder gibt, ist es schwierig, eine andere Vaterrolle zu leben.

STANDARD: Was macht denn eine gleichberechtigte Elternschaft mit der Paarbeziehung?

Breitwieser-Ebster: Sie führt dazu, dass man als Paar in Kontakt bleibt, weil man sich alles ausmachen muss. Ich bin aber kein Fan davon zu sagen, dass es immer eine 50:50-Aufteilung sein soll. Vielmehr geht es darum, Aufgaben bewusst zu verteilen. Wenn diese verlässlich erledigt werden, schafft das Entlastung für die Eltern. Entlastete Eltern sind zufriedener, und damit wird auch das Risiko für Konflikt verringert. Es ist also eine gute Investition in die Beziehung.

STANDARD: Der hauptsächliche Mental Load liegt ja bei den Müttern. Ist den Vätern das überhaupt bewusst?

Breitwieser-Ebster: In unseren Beratungen und Workshops haben wir viele Männer, die sagen: "Ich bringe ja eh immer den Müll raus und gehe am Wochenende mit den Kindern auf den Spielplatz." Wenn man ihnen dann sagt, was es sonst noch alles zu erledigen und zu denken gibt, dann erleben sie einen regelrechten Wow-Effekt. Der erste Schritt ist immer das Bewusstsein dafür, was Mütter da eigentlich alles schupfen. Der zweite ist dann die faire Aufgabenverteilung. Und ja, es ist auch möglich, in Vollzeit zu arbeiten und dennoch Arzttermine mit den Kindern wahrzunehmen, sich um die Winterkleidung zu kümmern oder Kindergeburtstagsfeiern zu organisieren.

STANDARD: Wird in den Vater-Baby-Gruppen über solche Alltagsthemen gesprochen? Sitzen die Väter da zusammen und reden über Kinderarzttermine?

Breitwieser-Ebster: Ja, auch! Meist sind es aber viel größere Sorgen und Probleme, die dann zum Vorschein kommen. Wir fragen da schon weiter: Wie geht es den Männern mit Karriere und Kind? Mit dem permanenten Schlafmangel? Mit Sexualität und Partnerschaft? Oft sind das Väter, die nach außen stabil wirken, aber eigentlich sind sie hochbelastet. Nur gibt es niemanden, der ihnen hilft oder sie ernst nimmt. Viele Väter fühlen sich im Stich gelassen. In der Gruppe haben sie die Möglichkeit, sich Belastungsthemen genauer anzuschauen.

STANDARD: Ist es noch immer ein Zeichen von Schwäche, sich Hilfe zu suchen?

Breitwieser-Ebster: "Ein starker Mann jammert nicht." Das ist geschichtlich und kulturell bedingt noch in den Köpfen vieler Männer verankert. Das sehen wir ja auch bei der Annahme von psychologischer Hilfeleistung. Daher sind solche homogenen Vätergruppen so wichtig. Die jungen Männer merken dann, dass sie nicht allein sind mit ihren Problemen. Ich bin ja dafür, Familienfotos auf Social Media abzuschaffen. Wo die glückliche Familie im Zoo in die Kamera lächelt. Dass es davor zwei Wutanfälle und einen Streit gab, wird ja nicht gezeigt. (Nadja Kupsa, 9.6.2024)