Zwei Frauen bauen Gewehre zusammen
Ukrainische Zivilistinnen lernen den Umgang mit Waffen – und sind mit diesem Bild im Gegensatz zu den allermeisten Frauen in den Medien repräsentiert.
AFP/ROMAN PILIPEY

Wie es Frauen in Krisenregionen geht, ist klar: Sie sind Opfer von sexueller Gewalt, haben weniger Zugang zu medizinischer Hilfe und werden weiter aus der öffentlichen Wahrnehmung gedrängt. Das stimmt – aber eben nicht nur. Ein Bericht der internationalen Hilfsorganisation Care mit dem Titel "Women in War" (zu Deutsch: "Frauen im Krieg") zeichnet nach Interviews mit mehr als 13.000 Frauen in 15 Konfliktgebieten ein vielfältigeres Bild. Denn Frauen übernehmen in Kriegssituationen Verantwortung – zusätzlich zur Kinderbetreuung und zur Altenpflege werden sie zu den Ernährerinnen ihrer Familien und den Entscheidungsträgerinnen in ihren Gemeinschaften.

Die Autorinnen des Berichts haben nicht nur Frauen interviewt, sondern auch 7,8 Millionen Medienberichte seit dem Jahr 2013 über die jeweiligen Konflikte untersucht und sind zu dem Schluss gekommen, dass Frauen de facto nicht vorkommen – nämlich in 95 Prozent der Fälle gar nicht. Und nur in weniger als 0,04 Prozent der Fälle wird über Frauen in Führungsrollen berichtet. Selbst in entwickelten Staaten, in denen gesellschaftlich weitgehend Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herrscht, ist der Unterschied deutlich: In ukrainischen Medien ist die Zahl der Berichte über Frauen zwischen 2014 und 2021 stetig gewachsen, seit dem russischen Überfall auf das Land kam es zu einem starken Rückschritt. Unter anderem sind in Onlinemedien erwähnte Held:innen zu 22,5 Prozent weiblich und zu 77,5 Prozent männlich. "Frauen sind nicht nur Opfer. Wenn man sie im schlimmsten Fall als unsichtbar oder im besten Fall als Opfer behandelt, setzt man nur ihr Trauma fort und verstärkt es", heißt es in dem Care-Bericht.

Ersthelferinnen und Ernährerinnen

Im Krisenfall sind Frauen Ersthelferinnen. Mehr als 90 Prozent der für den Bericht Interviewten gaben an, Gruppen, die in der Not helfen, zu leiten oder bei ihnen mitzuwirken. Sei es mit Mahlzeiten, Unterkünften oder Informationen – sowohl für Betroffene aus der eigenen Gemeinschaft als auch für Geflüchtete aus anderen Regionen und Ländern. Eine Frau aus dem bürgerkriegsgebeutelten Sudan sagte im Interview: "Wir heißen Menschen aus Khartum willkommen, die (...) aufgrund der langen Reise und der schwierigen Route erschöpft ankommen. Manche werden auf dem Weg überfallen. Sie leiden unter einem Mangel an Nahrungsmitteln und Wasser. (...) Wir geben ihnen eine fertige Mahlzeit bei ihrer Ankunft, egal ob in der Früh, am Nachmittag oder in der Nacht."

Drei Frauen bauen ein Zelt
Frauen bauen in Mali Unterkünfte für Geflüchtete.
Studio Fulany/CARE

Selbst Hilfsorganisationen sind nicht davor gefeit, Frauen falsch einzuschätzen. Emily Janoch, eine der Studienautorinnen, erzählt im Telefongespräch mit dem STANDARD von Frauen im Jemen. Man sei davon ausgegangen, dass sie sich inmitten der bewaffneten Krise nicht sicher genug fühlen würden, um Programme für Unternehmensführung zu besuchen, die Care auch im Repertoire hat. Doch das Gegenteil war der Fall: "Die Frauen wollten unbedingt eine kaufmännische Ausbildung und haben Unternehmen gegründet", sagt Janoch. Dass solche Schulungen prinzipiell Frauen – und ihren Gemeinschaften – in Krisensituationen helfen, zeigt unter anderem ein Beispiel aus Äthiopien. "Während des Konflikts (...) konnten wir sogar Geld an die reichen Menschen in unserem Dorf verleihen, weil diese ihr Geld nicht in der Bank abheben konnten", erzählt eine Frau den Care-Mitarbeiterinnen. "Also haben wir ihnen Kredite gewährt, aber wir haben keine Zinsen verlangt." Solche Entscheidungen treffen die Frauen nicht aus Unwissenheit, sondern bewusst, sagt Janoch. Damit würden sie oft gewährleisten, dass die Gemeinschaft insgesamt wirtschaftlich stärker bleibe.

Änderungen vonnöten

Um die Situation von Frauen in Konflikten zu verbessern, müssen auch mehr weibliche medizinische Fachkräfte ausgebildet werden, sagt die Studienautorin. Denn in Kriegssituationen seien sowieso viele medizinische Einrichtungen zerstört oder ohne Personal – und in vielen Konfliktregionen sei es Frauen unmöglich, männliche Fachkräfte aufzusuchen, da sie zu solchen Terminen von Männern aus der Familie begleitet werden müssten. Diese würden aber oft in Armeen oder bewaffneten Gruppierungen kämpfen. Es gebe keine "rasche Lösung" für das Problem, sagt Janoch, doch könnte man Schritt für Schritt Versorgungslücken beheben, etwa indem man Frauen in Entscheidungspositionen bringt. "Das Gesundheitspersonal an vorderster Front besteht in der Regel zu 70 bis 75 Prozent aus Frauen. Aber die Menschen, die in den Gesundheitssystemen Entscheidungen treffen, sind in 70 bis 75 Prozent der Fälle Männer."

Eine Frau steht mit einem Wasserkanister vor ihrem Haus in Äthiopien
In Äthiopien konnten Frauen ihre Gemeinschaften mit zinsfreien Krediten unterstützen.
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Ob die geänderte Rolle der Frauen in den Gesellschaften auch nach dem Ende der bewaffneten Konflikte bestehen bleibe, hänge von der Art der Auseinandersetzung ab und davon, wie lange diese gedauert habe. Laut Janoch gebe es Beispiele in Syrien und in Somalia, wo Frauen erzählen, dass sich ihre Rolle dauerhaft gewandelt habe. Um tatsächlichen Wandel zu bewirken, benötigen Frauen aber vor allem einen Platz am Tisch der Entscheidungsträger:innen. Friedensverträge, an denen weibliche Stimmen beteiligt waren, halten zudem länger – in der Regel ist es um 35 Prozent wahrscheinlicher, dass sie mindestens 15 Jahre halten. Und die Zeit für Veränderungen drängt. Denn die Zahl der Frauen, die innerhalb von 50 Kilometern um einen bewaffneten Konflikt leben, steigt: 600 Millionen waren es im Jahr 2022. Das sind mehr als doppelt so viele wie noch in den 1990er-Jahren. (Bianca Blei, 10.6.2024)