Getty Images/iStockphoto

Zahllose Frauen plagen sich mit der Frage: Bin ich eine gute Mutter? Muss mein Kind zu lange im Kindergarten sein? Habe ich vorhin zu ungeduldig reagiert? Ist die Jause gesund genug? Das Hadern und Zweifeln von Müttern hallt von überall her. Durch Gespräche, soziale wie klassische Medien oder Literatur, die sich in den vergangenen Jahren viel mit empowerter, wütender oder erschöpfter Mutterschaft befasste.

Kein Wunder, denn traditionell waren sie stets für das Wohlbefinden der Kinder zuständig und sind es faktisch noch immer vorrangig. Nur ein Prozent der Väter in Österreich gehen sechs Monate oder länger in Karenz, acht von zehn Vätern gehen gar nicht in Karenz und verbringen vor allem in den ersten Jahren kaum Zeit allein mit ihren Kindern.

Und trotzdem treibt Männer die Frage "Bin ich ein guter Vater?" weit weniger um als Mütter. Das beobachtet auch der Psychologe Hubert Steger, der Väter sowohl bei der Männerberatung als auch beim Verein Papa-Info berät. Väter zweifeln weniger intensiv an ihrer Vaterschaft, sagt er. Sie haben nicht gleich das Gefühl, ein schlechter Vater zu sein, wenn sie das Kind später als andere Eltern vom Kindergarten abholen.

Vorzeigepapas

"Das entspricht bei vielen nicht dem inneren Bild von Männern, wie sie als Vater denn sein sollten", sagt Steger. Eine engagierte Vaterrolle ist nicht selbstverständlich und muss oft erst entwickelt werden; dabei können Männer kaum auf gute Vater-Vorbilder zurück greifen.

Für sie bedeute gute Vaterschaft oft nach außen sichtbares Engagement, vielen reicht das. Ihr Umfeld bestätigt ihnen das auch oft. Väter bekommen rasch Lob, wenn sie sich über das normale Ausmaß engagieren, meint Steger. "Definitiv werden Männer für Dinge gefeiert, die für Frauen Alltag sind", sagt auch Jonas Kozi. Er ist im wahrsten Sinne ein Vorzeigepapa.

Auf Instagram lebt der zweifache Vater seine hohen Ansprüche an seine Vaterrolle vor und scheint "perfekt" ziemlich nahe zu kommen. Allerdings hat er anderen etwas voraus: Er ist gelernter Erzieher und war früher Leiter einer Kita. Kuscheln, Einfühlsamkeit, Fürsorge und viel Zeit für seine Kinder, so gestaltet Kozi seine Vaterrolle auf Instagram. Trotzdem beantwortet er dem Spiegel die Frage, was einen guten Vater ausmacht, sehr locker: Das ist ganz individuell.

Zwischen den zahllosen Momfluencerinnen, die mehr oder weniger subtil die hohen Ansprüche an Mütter aufrechterhalten, ist der Account des 31-jährigen Kozi tatsächlich eine Abwechslung. Wenngleich auch bei ihm alles hübsch, sauber und cosy aussieht – was mit einem Alltag mit Kindern wenig zu tun hat.

Wenn nur die Mama zählt

Der einzige Dadfluencer ist Kozi auch längst nicht mehr. Große Reichweite hat etwa auch Sebastian Tigge, Partner der Schauspielerin Marie Nasemann, mit der er auch einen gemeinsamen Eltern-Podcast betreibt. Gleichberechtigung und Vaterschaft sind seine zentralen Themen auf Instagram, und er legt auch ambivalente Vatergefühle auf den Tisch.

In einem Video erzählt Tigge etwa von seiner "Wut" und "Traurigkeit", wenn seine Kinder manchmal nur die Mama wollen. Wenn sie sich nur von ihr trösten lassen, nur von ihr angeschnallt werden möchten und beide Kinder auf ihren Schoß wollen, während er allein gegenübersitzt. Für manche Väter bedeutet das tatsächlich, dass ihre Kinder sie einfach nicht so sehr brauchen wie ihre Mutter.

"Es braucht durchaus einen bewussten Kraftakt, um als Vater in einem ähnlichen Ausmaß präsent zu sein wie die Mutter", sagt Steger aus eigener Erfahrung. Es sei anstrengend, immer darauf zu schauen, dass beide Elternteile gleich viel leisten, Job und Zeit für die Kinderbetreuung zu organisieren und Nein zu beruflichen Anfragen zu sagen, weil gerade das Kind krank ist.

Angst vor Kontaktverlust

Quälend wird die Frage nach ihrer Vaterrolle für viele Männer bei strittigen Trennungs- oder Scheidungsfällen, sagt Steger. "Sie laufen schneller Gefahr, den Kontakt zu den Kindern zu verlieren." Wenn sie vor einer Trennung deutlich weniger Kinderbetreuung gemacht haben, heißt das auch, dass sie weniger darüber wissen, was die Kinder brauchen. Vielen werde in Trennungsphasen bewusst, dass sie da keine gute Basis haben, "der drohende Verlust macht ihnen sehr zu schaffen", weiß Steger aus seiner Beratungspraxis.

Die Politik müsste jedenfalls viel mehr für Väter tun als bisher, kritisiert Steger, "und sie handelt auch nicht evidenzbasiert". Studien zeigen, dass durch Kinderbetreuung erworbene Sozialkompetenz etwa auch für Unternehmen nützlich ist. Engagierte Väter können besser mit Mitarbeiter:innen umgehen, sie planen vorausschauender und bleiben auch länger im Betrieb, sagt Steger, der sich bereits vor 20 Jahren mit Väterkarenzen befasst hat. "In Schweden zum Beispiel sieht man die Erfahrungen durch eine Karenz positiv, und Väter haben dadurch größere Chancen, in eine Führungsposition zu kommen", sagt Steger.

Sowohl in Wien als auch in den anderen Bundesländern gebe es von staatlicher Seite keinen Ansprechpartner für Väter. Steger: "Daran merkt man, dass es keine Agenda dafür gibt." Auch dass Väter deutlich länger in Karenz gehen als derzeit, müsse die Politik starker fördern – etwa durch finanzielle Anreize.

Es braucht Zeit

Denn es brauche viel Zeit, um ein präsenter Vater zu werden. Steger beschreibt es als besonderes Erlebnis, zur primären Bezugsperson für ein Kind zu werden. "Die Erfahrung, dass man rund um die Uhr zuständig und der wichtigste Ankerpunkt für das Kind ist, das war auch für mich ganz wichtig", erzählt Steger. Man spüre den Druck der Verantwortung und dass das Kind auf einen angewiesen sei – und man auch nicht ausfallen dürfe. (Beate Hausbichler, 8.6.2024)