Mannschaftsfoto
Der letzte Test vor der Euro ist Geschichte.
EPA/PETER KLAUNZER

Die Einzelspielerkritik zum 1:1-Test gegen die Schweiz.

Heinz Lindner: Kennt die Schweizer Strafräume wie seine Westentasche und kann nach dem Spiel dennoch auf eine maximal undankbare Partie zurückblicken. Denn unterm Strich steht eine Aktion, ein Moment in der 26. Minute, als der Keeper den nicht übermäßig komplexen Flachschuss von Vargas nur vor die Füße von Widmer abklatschen lassen konnte. Das 1:1 geht nicht ausschließlich auf sein Konto, in weiterer Folge der Partie konnte sich der 33-Jährige aber nicht mehr auszeichnen, weil es schlicht nichts zu tun gab. Beim Kurzpassspiel mit seinen Verteidigern unaufgeregt, im weiten Spielaufbau etwas ungenau.

Flavius Daniliuc (bis 45.): Wurde rechts in der Kette statt Posch aufgeboten und dürfte sich während der Partie in die Lockdownzeit zurückgesehnt haben, als er auf dem Bayern-Campus mit nur drei weiteren Spielern vereinsamte. Oder anders: hatte mächtig viel zu tun, weil bei der Schweiz wirklich jeder Angriff über seine Seite lief. Hatte Probleme mit Ndoyes Tempo und hatte auch Probleme mit Vargas' Tempo. Der 23-Jährige wirkte trotz aller Robustheit im Zweikampf zeitweise überfordert und im Offensivspiel etwas hastig und ungenau.

Philipp Lienhart (bis 67.): Spielte nach einem Cut im Training mit blauem Stirnschutz, das war's dann aber auch mit Aufregung. Lienhart zeigte eine abgeklärte, trockene Partie, die Abstimmung mit Nebenmann Trauner passte, die Abstimmung mit den Vorderleuten ließ in Halbzeit eins manchmal Lücken aufgehen. Der Freiburger fand nach anfänglichem Schluckauf im Spielaufbau aber immer besser in die Partie, wurde in der 67. vom Platz genommen.

Gernot Trauner (bis 67.): Der Feyenoord-Apotheker (so nennen sie ihn unter anderem in Rotterdam) zeigte, dass er eine absolute Option für die Innenverteidigung ist, bewies Übersicht, Ruhe und Instinkte fürs Timing in den Zweikämpfen. Obwohl er seit über einem Jahr kein Spiel mehr im Teamdress absolvierte, passte die Abstimmung mit seinen Mitspielern reibungslos, er schnellte immer wieder wie ein U-Hakerl vom Gummiringerl an den ballannehmenden Gegner, war ungemein lästig und disruptiv. Sehr starkes Spiel.

Trauner lauert auf Schweizer Gegenspieler
Kaum hat man den Ball an den Füßen, hat man Trauner im Rücken.
AFP/FABRICE COFFRINI

Philipp Mwene: Der Mainz-Legionär vereinsamte völlig, weil bei der Schweiz alles über die gegenüberliegende Seite angerollt kam, und könnte wohl noch einmal 90 Minuten spielen. Offensiv immer wieder mit Lichtblicken und Vorstößen, in der 28. Minute sorgte er gar für den zweiten, gar nicht ungefährlichen Torschuss der Österreicher, den Sommer aber aus dem St. Gallener Himmel pflückte.

Nicolas Seiwald: Muss Teamchef Ralf Rangnick nichts beweisen, tat es aber dennoch, der Streber. War von Beginn an sehr gut im Spiel, zweikampfstark, umsichtig, gute Entscheidungen im Aufbau. Nahm aber mit Fortdauer der ersten Halbzeit etwas Abstand zum Nebenmann, den die Gastgeber immer wieder nutzten, um den Ball passend durchzuschieben. Kann aber genauso gut neben Grillitsch spielen und fand mit ihm zu gewohnter Kompaktheit. Die Form stimmt.

Romano Schmid: Etwas aktiver und dynamischer als gegen die Serben, aber noch nicht so dynamisch und aktiv wie gegen die Türkei. Man kann erahnen, was gehen würde, wenn dem Werder-Spieler alles aufgeht, irgendwie fehlte aber immer der letzte entscheidende Pass, die letzte perfekte Ballannahme, der letzte geglückte Haken. Ist dennoch ins Spiel eingebunden und sorgt für Impulse, auch wenn sie nicht die ausschlaggebenden sind.

Konrad Laimer (bis 76.): Übernahm von Arnautovic die Kapitänsbinde, war also Mannschaftsführer und genoss diese Rolle sichtlich. Leitete immer wieder lautstark und gestikulierend Österreichs immens wichtige Pressingmomente ein: Defensiv giftig und eifrig, brachte der Bayern-Spieler seine Dynamik zunächst neben Seiwald auf den Platz, rückte nach der Pause eine Reihe weiter vor. Auch die offensivere Rolle liegt ihm, so kann er noch früher Ball und Gegner attackieren. Dass Laimer es auch offensiv kann, zeigte er, als er nach schönem Laufweg und Gregoritsch-Pass nur an der Ballannahme scheiterte.

Baumgartner treibt Ball an zwei Gegnern vorbei.
Energielevel: ausreichend.
APA/KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER

Christoph Baumgartner (bis 46.): Verschlief den Start der Partie komplett, weil er dieses Mal fünf Minuten für ein Tor benötigte. Aber im Ernst: Es wird schon schön langsam unheimlich. Der Leipzig-Legionär trifft und trifft und trifft und läuft und läuft und läuft. Baumgartner hat offensichtlich 20 PS mehr unter der Haube und bringt diese in den richtigen Momenten auch an den Ball und ins Tor. Sorgte kurz für einen Herzkasperl bei Fans und Fußballmäusen, als er andeutete, dass er sich verletzt haben könnte. Blieb zur Pause draußen, weil er "nicht auf dem Energielevel wie gewohnt war", wie er selbst sagte. Hat gereicht.

Florian Kainz (bis 46.): Hatte insgesamt in den Anfangsphasen ein besonderes Gespür für den freien Raum, ließ er doch schon bei der Hymne sein zugewiesenes Einlaufkind gnadenlos mutterseelenallein stehen. Zog aber auch nach dem Anpfiff immer wieder gut in die Passlinien der Schweizer und gewann so oft den Ball. Nach der Balleroberung war dann aber meist Schluss, denn der Köln-Legionär konnte sich wohl nicht so in Szene setzen, wie er es gewollt haben dürfte, was sicher auch am österreichischen Spiel der ersten Halbzeit lag. Sein Pech: Er wurde zur Pause ausgewechselt.

Gregoritsch holt zum Schuss aus.
Gregoritsch vergab einen Sitzer, holte aber viele Bälle.
EPA/PETER KLAUNZER

Michael Gregoritsch: Der Stürmer fand in den ersten 45 Minuten wenig bis gar nicht statt, wurde aber auch nicht gefunden, weil er nicht gesucht wurde. Und dennoch: Gregoritsch ist und bleibt in den Zweikämpfen und der Rückwärtsbewegung besonders auffällig und wertvoll, kratzt also an der These, dass ein Stürmer ausschließlich an seinen Toren gemessen wird. Nach der Pause setzte er sich auch offensiv besser in Szene und lieferte einen schicken Assist für Laimer, der aber an Laimers Ballannahme ein Ende fand. Hatte nach einem Wimmer-Traumpass das 2:1 auf dem linken Fuß, scheiterte aber an Sommer.

Stefan Posch (ab 46.): La macchina di Bologna, die Maschine aus Bologna, kam zur Pause ins Spiel und zeigte gleich, warum er rechts hinten wohl unverzichtbar ist. Kann Zweikämpfe, kann den Haken nach innen, kann den Pass im Spielaufbau und weiß, wo er hinzulaufen hat. Allesamt Attribute, die einem Fußballspieler zugutekommen. Der Bologna-Legionär entschärfte die Probleme rechts, also auf der linken Schweizer Angriffsseite, zunehmend, wurde zum Dank von den Eidgenossen gut abgeklopft.

Florian Grillitsch (ab 46.): Kam zur Pause ins Spiel und schob sich statt Laimer auf den Regisseurstuhl neben Seiwald. Der Hoffenheimer leitete und lenkte, was es zu leiten und zu lenken gab. Und das war in Halbzeit zwei deutlich mehr, was auch an Grillitsch lag, der das Tempo des Spiels bestimmte und es in manchen Momenten auch anzog.

Kevin Danso und Maximilian Wöber (ab 67.): Das dynamische Innenverteidigerduo ersetzte gemeinsam das nicht minder dynamische Duo Lienhart/Trauner und machte da weiter, wo man gegen Serbien aufhören musste. Trockene, gute, sichere Partie der beiden Verteidiger.

Patrick Wimmer (ab 46.): Wimmer ist eine Erscheinung, vor allem dann, wenn er auf dem Platz erschienen ist. Der Wolfsburg-Legionär ist und bleibt der Mann für die Überraschungsmomente, für das Unerwartete, sowohl spielerisch als auch im Diskurs mit Gegenspielern und Unparteiischen. Ein großer Lochpass auf Gregoritsch steht auf der nackten Habenseite, die Dynamik, Robustheit und Tempovorstöße sind im Kleingedruckten.

Matthias Seidl (ab 76.): Hat sich auch nicht verletzt. (Andreas Hagenauer, 9.6.2024)