Feliz Anne Reyes Macahis integriert altehrwürdige Vokalelemente.
Marie-Luise Calvero

Es hatte etwas von Wien Modern, jenem Festival, das sich dem Zeitgenössischen widmet. Allerdings war da ein geweiteter Blick, und er betraf nicht nur die stilistische Breite. Selbige verschmolz mit dem Vorhaben, ausschließlich Komponistinnen zu präsentieren. Beim Projekt "Akademie zweite Moderne" nehmen die Festwochen insofern Bezug auf die "vergessenen und ungehörten 50 Kompositionsschülerinnen Arnold Schönbergs" und präsentieren in den nächsten fünf Jahren ebenso viele Protagonistinnen.

Aktuelle Themen sind inbegriffen: Am ersten der zwei Abende im Radiokulturhaus wird es dunkel, wenn etwa Lullaby der Weißrussin Marina Lukashevich mit elektronisch generierten Sounddetonationen Kriegsassoziationen weckt. Eine Männerstimme haucht, zuerst fragmentiert, dann erkennbar wehmütig, ein Wiegenlied, während es bedrohlich donnert. Angst und Sehnsucht nach Geborgenheit auch in Du Yuns Where We Lost Our Shadows. Zu filmischen Episoden, die syrische Flüchtlinge auf ihrem Weg Richtung Europa zeigen, klagen zwei Stimmen schwermütig an. Wie das expressiv solierende Schlagwerk werden sie vom Klangforum Wien unter Katharina Wincor umrahmt.

Integration von Tradition

Ein roter Faden ist gleichsam die Integration von lokalen Traditionen in ein avantgardistisches Klangbild. Monthati Masebe integriert in ihr Stück Merato, das dem Klangforum repetitiv-perkussive Reflexe abverlangt, als Interpretin südafrikanische Vokal- und Tanztechniken. Feliz Anne Reyes Macahis verarbeitet wiederum philippinische Gesangselemente in ihre insistive, subtil energetische Komposition Tinig.

Konzeptuell einprägsam 401 Blows von Shasha Chen, inspiriert von François Truffauts Film The 400 Blows. Es geht um Gewalt gegen Frauen. Anhand von Folterwerkzeugen, die zur Klangerzeugung herangezogen werden, wird die Brutalität akustisch spürbar. Peitschen und Gürtel werden zu Schlagwerken. Zangen mutieren zu Mitteln der Klangverfremdung einzelner Instrumente, welche vom Klangforum akribisch eingesetzt wurden. (Ljubiša Tošić, 9.6.2024)