Dakota Fanning in "They See You".
Warner Bros.

Filme zum Fürchten haben es nicht leicht. Endlos ist die Zahl der Schocks, der Monster, der schrecklichen Tode, die es bisher im Kino und in Schmökern schon gegeben hat. Wer heute noch Grusel erregen will, muss entweder eine besonders abgefahrene Fantasie haben – oder begnügt sich damit, geläufige Motive geschickt neu zu kombinieren. Diesen zweiten Weg wählt Ishana Shyamalan mit They See You.

Das erste Motiv ist der Wald. Im Westen Irlands stehen die Bäume so dicht, dass man sich leicht rettungslos verirren kann. Dass nun ausgerechnet eine Amerikanerin mit einem Papagei in den Wald fährt und ihr natürlich das Auto abstirbt, muss man halt akzeptieren – irgendwie muss eine Geschichte ja beginnen, wenn sie auf etwas Ungewöhnliches hinauswill.

Sehr tiefes Erdloch

Mina (Dakota Fanning) findet sich also bald in einer exponierten Situation und stößt auf eine Zuflucht, mit der alles noch seltsamer wird. Mitten im Wald steht nämlich ein Bunker, in dem ein paar Leute hausen. Eine Wand dieses Gebäudes besteht aus Glas. Man kann hineinschauen, die Leute drin sehen sich in einem Spiegel. Wenn es finster wird, hört man es rumoren. Dann sind die Wesen da, die "dich sehen". They See You. Horch, was schaut von draußen rein.

Warner Bros. Pictures

Vorlage für den Film ist der Roman The Watchers von A. M. Shine. Neben der enterischen Landschaft in Galway kommen weitere Motive ins Spiel: zudringliche Blicke, an die wir uns vor allem durch das Reality-Fernsehen gewöhnt haben. In dem Bunker findet sich eine einzige DVD, auf der in knisternden Bildern eine Big Brother-Variante gespeichert ist. Und eine Videokamera, die in einem sehr tiefen Erdloch gefunden wird, spielt eine wichtige Rolle bei den Versuchen, einen Weg aus dem Wald zu finden.

In die erste Reihe

Ishana Shyamalan ist die Tochter von M. Night Shyamalan, einem der wichtigsten amerikanischen Regisseure im Grenzbereich zwischen Horror, Psychothriller und Phantastik (The Sixth Sense, zuletzt Old). Sie hat bei der Serie The Servant ihre Grundausbildung gemacht, nun tritt sie in die erste Reihe und zugleich in die Fußstapfen des Vaters. They See You ist einerseits eine typische Low-Budget-Angelegenheit, andererseits eine Spielwiese für ein eher unbekümmertes Spiel mit Ideen. Im Hintergrund ist immer auch eine Mediensatire mitzudenken, zugleich ruft Shyamalan ungeniert auch irisch-keltische Mythologie auf, um den Watchers-Wesen eine irgendwie nachvollziehbare Geschichte zu geben. Da reimt sich dann plötzlich Elfe irgendwie auf Alien.

Wer sich über They See You lustig machen wollte, hätte genügend Ansatzpunkte. Allerdings kann man den Film auch als einen kecken Remix von vielerlei schrecklichem Schabernack sehen, und ganz auszuschließen ist es nicht, dass er eine Fangemeinde jenseits Goldener Himbeeren findet. (Bert Rebhandl, 9.6.2024)