Harald Vilimsky hat geschafft, was vor ihm noch kein Blauer geschafft hat: Der 57-Jährige hat die FPÖ erstmals auf den ersten Platz einer bundesweiten Wahl gehoben. Laut vorläufigen Ergebnis inklusive Wahlkartenprognose holten die Freiheitlichen bei der EU-Wahl 25,5 Prozent der Stimmen. Damit lagen sie doch deutlich knapper als am späten Nachmittag prognostiziert vor dem Zweitplatzierten. FPÖ-Parteichef Herbert Kickl bezeichnete das Ergebnis nach der ersten Prognose als "Einleitung einer neuen Ära in der Politik in Österreich und Europa". Der erste Schritt sei laut Kickl gegangen, nun stehe der zweite bevor. Die "nächste Stufe heißt Bundeskanzleramt", sagte der blaue Parteichef.

Harald Vilimsky und Herbert Kickl wurden auf der Wahlparty der FPÖ gefeiert.
@Christian Fischer

Obwohl die FPÖ bereits seit mehr als einem Jahr die Umfragen – auch jene zur EU-Wahl – anführt, gab sich Vilimsky bei seiner Stimmabgabe in Wien am Sonntagvormittag noch zurückhaltend. Als blaues Wahlziel nannte er "möglichst viele Stimmen". Außerdem strebe er die Einbettung in ein möglichst großes Mitte-rechts-Bündnis an sowie eine große Zahl an FPÖ-Abgeordneten im EU-Parlament. Zumindest letzter Wunsch dürfte in Erfüllung gegangen sein. Vilimsky, der 2014 das erste Mal als blauer Spitzenkandidat bei einer EU-Wahl angetreten ist, dürfte die FPÖ-Delegation von drei auf sechs Mandatarinnen und Mandatare verdoppelt haben. Vilimsky sah darin ein "starkes rot-weiß-rotes Zeichen". Die Menschen würden sich "weniger Brüssel" und "mehr Österreich" wünschen, erklärte er im ORF. Der "stringente Kurs", unter anderem von Bundesparteichef Kickl, habe sich laut Vilimsky ausgezahlt.

Knappes Rennen um Platz zwei

Um den Rang hinter der FPÖ lieferten sich ÖVP und SPÖ bis zum Schluss ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Am Ende fiel die Entscheidung im Match zwischen dem türkisen Spitzenkandidaten Reinhold Lopatka und dem roten Listenersten Andreas Schieder zugunsten der Volkspartei aus. Mit 24,7 Prozent lag die ÖVP vor der SPÖ mit 23,3 Prozent.

Das türkise Ergebnis ist für die Kanzlerpartei jedenfalls ein herber Verlust. Bei der EU-Wahl 2019 fuhr die ÖVP – kurz nach dem Erscheinen des Ibiza-Videos – mit 34,6 Prozent noch ein Rekordergebnis ein. Die Türkisen lagen damals mehr als zehn Prozentpunkte vor der zweitplatzierten SPÖ – in etwa so viel haben sie nun verloren. Lopatka sagte nach der ersten Trendprognose zum STANDARD: Sein Wahlziel, mandatsstärkste Partei zu werden, habe die ÖVP "leider verfehlt". Lopatka ging aber davon aus, dass die Volkspartei die prognostizierten fünf Mandate erhalten werde. Das tat sie auch. Die SPÖ stagnierte ebenfalls bei fünf Sitzen.

Karl Nehammer applaudierte Reinhard Lopatka bei der ÖVP-Feier.
Regine Hendrich

Dass es nach der EU-Wahl personelle Konsequenzen in der ÖVP geben wird, glaubte Lopatka nicht. Kanzler Karl Nehammer werde "selbstverständlich" Spitzenkandidat für die Nationalratswahl. Dieser nannte das Wahlergebnis seiner Partei als "überhaupt nicht erfreulich". Er versicherte den Wählerinnen und Wählern, dass die Botschaft angekommen sei und daran gearbeitet werde, aus Fehlern zu lernen. "Wir werden die Unzufriedenheit aufnehmen und in Politik gießen", sagte Nehammer. "Wir wollen gestalten, nicht spalten".

SPÖ-Chef Andreas Babler freute sich mit Spitzenkandidat Andreas Schieder: Der Abstand zur FPÖ sei "packbar".
APA/MAX SLOVENCIK

SPÖ-Chef Andreas Babler erklärte bei der Wahlfeier der SPÖ: Die FPÖ sei zwar vorne – aber sie sei "packbar" im Hinblick auf die Wahl im Herbst. Der Abstand sei marginal. Ja, es wäre erfreulicher gewesen, wenn die SPÖ stärker wäre, erklärte Babler. Aber es sei eine schwierige Ausgangslage im gesamten Europa gewesen – rechte Parteien seien auf dem Vormarsch, sagte der Parteichef. Er wolle nun dafür sorgen, dass die Menschen wüssten, dass die SPÖ die einzige Partei sei, die an den Lebensumständen etwas ändere.

Warten auf die Nummer vier

Besonders eng war auch die Entscheidung um Platz vier. Hier rangelten sich die Grünen mit Spitzenkandidatin Lena Schilling mit den Neos unter Helmut Brandstätter. Denn die Pinken konnten von ihren 8,4 Prozent bei der vergangenen EU-Wahl im Jahr 2019 auf 10,1 Prozent und von einem auf zwei Mandate zulegen. Letzten Endes reichte das jedoch nicht, die Grünen zu überholen. Die Grünen mussten zwar Verluste einstecken – sie rutschten von 14,1 Prozent auf 10,9 Prozent und von drei auf zwei Mandate ab. Trotzdem schafften es die Grünen auf den vierten Platz.

Die pinke Numme eins Helmut Brandstätter und Nummer zwei Anna Stürgkh feierten mit der Parteivorsitzenden Beate Meinl-Reisinger die Zugewinne der Neos.
APA/TOBIAS STEINMAURER

Der grüne Gesundheitsminister Johannes Rauch hielt es für bemerkenswert, dass sich viele trotzdem für die Grünen entschieden haben, "obwohl sie sich heuer schwergetan haben". Nach dem turbulenten Wahlkampf, in dem Vorwürfe gegen Schilling bekannt wurden, dürfte das Ergebnis auch für Erleichterung bei Spitzenkandidatin Schilling sorgen. So wurde auch darüber spekuliert, ob es überhaupt für den Einzug der grünen Nummer zwei, Thomas Waitz, reichen werde. Schilling erklärte, bei der Wahlparty der Grünen angekommen: "Die letzten Wochen waren turbulent, emotional und manchmal schwierig." An die Grünen gerichtet: "Ihr seid diejenigen, mit denen ich in Zukunft Seite an Seite stehen will, ihr seid unfuckingfassbar." Und weiter: "Ich will mit euch gemeinsam kämpfen."

Die Grüne Parteispitze versammelte sich erneut hinter Lena Schilling.
Helena Lea Manhartsberger

Vizekanzler und Grünen-Chef Werner Kogler bediente die Metaphorik vom "Gegenwind" und rief: "Wir lassen uns nicht umblasen." Zwar habe auch er kommunikative Fehler im Umgang mit der Causa Schilling gemacht, doch letztlich sei der Zusammenhalt gestiegen: "Wir sind daran gewachsen." Die Kür der 23-Jährigen sei die richtige Entscheidung gewesen.

Vilimsky kritisiert Van der Bellen

Um Schilling ging es auch bei der Stimmabgabe von Bundespräsident Alexander Van der Bellen in Wien. Vor Journalisten erklärte er danach nicht nur, dass er "erwarte, dass eine Mehrheit zustande kommt, die sich der Notwendigkeit eines vereinten Europas bewusst ist". Sondern, nach den Problemen bei den Grünen gefragt, auch: "Die Frage ist nur, wer die Probleme verursacht hat." Außerdem hob er das Engagement Schillings im Klimabereich hervor. Die Aussagen Van der Bellens ärgerten am Sonntag auch den blauen Kandidaten Vilimsky: "Ich zähle zu seinen schärfsten Kritikern", sagte der Freiheitliche und erklärte weiters: "Er hat nie sein grünes Mäntelchen abgelegt."

Bundespräsident Alexander Van der Bellen erwartete bei seiner Stimmabgabe, dasseine Mehrheit zustande kommt, die sich der Notwendigkeit eines vereinten Europas bewusst ist.
AFP/JOE KLAMAR

Obwohl die Anzahl der österreichischen Abgeordneten im EU-Parlament heuer von 19 auf 20 erhöht wurde, haben den Einzug beide Kleinparteien verpasst. DNA verfehlte mit 2,7 Prozent ein Mandat, auch die KPÖ konnte mit Spitzenkandidat Günther Hopfgartner und mit 2,9 Prozent nicht an die lokalpolitischen Erfolge in Salzburg und Graz anschließen.

Gesunken ist auch die EU-Wahlbeteiligung. Nur 55,8 Prozent gaben ihre Stimme ab – das ist ein Minus von vier Prozentpunken. (Oona Kroisleitner, Sebastian Fellner, Theo Anders, Jan Michael Marchat, Sandra Schieder, Martin Tschiderer, 9.6.2024)