Der zypriotische Youtuber Fidias Panagiotou steht in grauem T-Shirt und weißen Shorts auf einer erhöhten Position, umringt von Unterstützern und Mikrofonen.
Der zyprische Youtuber Fidias Panagiotou feierte am Wahlabend in Nikosia mit Unterstützern seinen Wahlerfolg.
Reuters/Yiannis Kourtoglou

Auf Youtube hat er 2,6 Millionen Abonnenten. Auf der Plattform, auf der er nach eigenen Angaben "Liebe verbreiten" will, postet er Videos wie "Ich habe sieben Tage ohne Geld am Flughafen gelebt" oder "Ich habe die 100 berühmtesten Prominenten der Welt umarmt". Sogar dem Tech-Milliardär Elon Musk (Tesla, X) konnte er eine Kuscheleinheit entlocken. Nun ist er ins Europäische Parlament gewählt worden: Mit 19,4 Prozent der gültigen Stimmen schaffte es der Zyprer Fidias Panagiotou (24), der von sich selbst sagt, er verstehe nichts von Politik, wolle aber lernen, auf den dritten Platz.

Im Mittelmeerstaat ist damit erstmals ein unabhängiger Kandidat ins EU-Parlament gewählt worden, wie zyprische Medien berichten. Und das mit einem Paukenschlag: Noch eine Woche vor der Wahl sahen Umfragen den Überraschungskandidaten bei 8,7 Prozent der Stimmen, wie Politico im Vorfeld berichtet hatte. Seine Kandidatur im Jänner hatte Panagiotou laut dem Medium wie folgt begründet: "Ich bin 23 Jahre alt und habe noch nie in meinem Leben gewählt, und eines Abends habe ich mir gesagt, wenn ich nie wähle und mich nicht interessiere, werden immer die gleichen Nerds an der Macht sein. Ich habe gesagt: 'Genug'".

Politikneuling mit vagem Programm

In seinem Wahlkampf setzte der Politikneuling auf Lehrbuch-Populismus. Eingängige Phrasen und simple Lösungen gehörten zu Panagiotous Parolen. So sprach der Sohn eines Pfarrers etwa über die Bedeutung Künstlicher Intelligenz oder die dringend nötige Erneuerung des Bildungssystems, konkrete politische Vorschläge musste man allerdings mit der Lupe suchen. Auch bei seiner Feier am Wahlabend, bei der er sich in kurzer Hose und grauem Hemd bodenständig und jugendlich zeigte, war ihm nicht viel Konkretes zu entlocken. Vielleicht, weil er sich lange keine ernsthaften Chancen ausgerechnet hatte: "Mein Ziel ist es nicht, gewählt zu werden, sondern mehr Menschen für Politik zu begeistern, vor allem junge Leute", hatte er noch bei Verkündung seiner Kandidatur erklärt, bei der er mit Anzug und Fliege durch eine für ihn untypische Kleiderwahl auffiel.

Leere Sitzplätze im Plenarsaal des Europäischen Parlaments in Straßburg.
Dürfte bald zum neuen Arbeitsplatz des Youtubers werden: der Plenarsaal des Europäischen Parlaments in Straßburg (hier auf einem Archivbild).
APA/AFP/FREDERICK FLORIN

Dass der Youtuber sein Nicht-Ziel mit über 71.000 Stimmen dennoch erreicht hat, erklärt der Beobachter Jannis Mavris in einem Gespräch mit der Agentur CNA mit dessen Persönlichkeit. Der Zyprer habe viele Menschen mobilisiert, die sonst nicht zu den Urnen gehen: "Mehr als ein Drittel seiner Stimmen kamen von dort", so Mavris. In die gleiche Kerbe schlägt die größte zyprische Zeitung O Fileleftheros. Panagiotou habe es geschafft, sich gegen das etablierte System zu positionieren. Für Frustrierte sei der "unpolitische" und "irrelevante" Panagiotou perfekt gewesen, um "den Parteien einen Schlag in die Magengrube zu versetzen", so das Blatt. Die Zeitung Politis sieht das jedoch anders: Panagiotou sei nicht unpolitisch, immerhin habe er in dem kleinen Staat mehr als 15.000 Unterstützungserklärungen gesammelt.

Ob sich Panagiotou als "politischer" Politiker entpuppen wird, bleibt abzuwarten. Auch, ob er seine legeren kurzen Hosen und Hemden für Straßburg gegen Eleganteres eintauschen wird. Wenn nicht, wird er sich vielleicht den scheidenden Abgeordneten Nico Semsrott aus Deutschland zum Vorbild nehmen: Im schwarzen Kapuzenpulli ließ sich der sogar für das offizielle Parlamentsporträt ablichten. (Noah Westermayer, 10.6.2024)