Herbert Kickl, das Gesicht ist teilweise von seiner Hand verdeckt
Will "Volkskanzler" werden: Herbert Kickl.
Foto: AFP / Alex Halada

Das Elternhaus von Herbert Kickl steht keine zehn Kilometer von meinem Elternhaus entfernt. Luftlinie. Von Tür zu Tür geht man trotzdem fünf Stunden – zwischen uns liegt der tiefste See von ganz Kärnten. 141 Meter, so tief ist der Millstätter See. Das hat mir mein Onkel Herbert beigebracht, und der weiß es wahrscheinlich von seinem Vater Herbert, dem das Wasser immer zu kalt war. Wir Kinder konnten betteln, wie wir wollten, ganz reingekommen ist der Opa nie.

Eine von uns Kleinen ist heute regionale Obfrau der FPÖ und mein einziger Kontakt in die Parteipolitik. Sie würde ich um Hilfe bitten, sollte mein Name, der nicht Herbert ist, jemals auf einer Fahndungsliste für Andersdenkende landen. Und ich weiß, sie würde mir helfen. Umgekehrt werde auch ich sie verteidigen, sollte ihr Charakter jemals unter Anklage stehen. Aber in diesem Prozess geht es um die FPÖ. Und da gibt es für mich nur die Gegenposition.

Drei Anliegen

Seit 40 Jahren regiert die FPÖ dieses Land auf allen Ebenen mit, und wohin man schaut, hat sie beim Regieren drei vorrangige Anliegen: die Privatisierung von öffentlichem Eigentum, den Abbau von sozialen Ansprüchen und die Pflege volksdeutscher Identität. Ja, der Volkskanzler, den sie neuerdings an die Wand malt, würde einem deutschen Volk vorangehen, weil Österreicher gibt es für die FPÖ nur auf dem Papier.

Viele meiner Freunde sind Deutsche, ich will aber nicht Deutscher werden und auch sonst nach keinem Design des 19. Jahrhunderts leben. Mit Privatisierung bin ich nicht blindlings einverstanden, mit Sozialabbau nie, aber bei diesen Entwicklungen hatten auch andere Parteien ihre Finger im Spiel, da schwimmt die FPÖ im politischen Mainstream mit. Ein Gegner der SPÖ, von ÖVP, Grünen oder Neos bin ich trotzdem nicht. Zur Gegnerschaft zwingt mich nur die FPÖ. Und ich nehme diese Rolle an.

"Das ist es offenbar, was die FPÖ den ganzen Tag macht. Propaganda."

Parteipropaganda ist keine Hilfe, wenn man nach Wahrheit sucht. Nein, die Armen sind nicht alle gleich, die Reichen sind nicht alle gleich, und ja, viele Autofahrer engagieren sich für Klimaschutz. Dieses Mindestmaß an Komplexität ist ein Grundbaustein meiner guten Laune. Trotzdem habe ich mir in Vorbereitung auf diesen Text einen Haufen FPÖ-Parteipropaganda angesehen. Denn das ist es offenbar, was die FPÖ den ganzen Tag macht. Propaganda. Weil sonst macht sie wenig.

Wie bei allen Parteien finden sich auch auf der Website der FPÖ einige Links zu Vorfeldorganisationen für Frauen, Arbeitnehmende, Familien oder Jugendwohlfahrt. Hinter diesen Links warten aber großteils Fehlermeldungen. Der Austausch mit Menschen ohne Parteibuch braucht dringend ein Update. Am Geld scheitert es nicht. Für ihre politische Arbeit bekommt die FPÖ zig Millionen öffentliche Förderungen und private Spenden. Den Löwenanteil investiert sie offenbar in Aufbau und Ausbau von Kommunikationskanälen, auf denen sich ihre eigenen Parteileute gegenseitig befragen, als gäbe es jenseits von "FPÖ TV" keine Welt.

Alle sind Gegner

Keine andere Partei koppelt sich so konsequent ab. Und je weiter sich die Parteifunktionäre beim Nachrichtenspielen von der Realität entfernen, desto glaubhafter erscheint ihnen die Fantasie, dass da draußen keine Öffentlichkeit ist, die überzeugt werden kann, sondern ein Gegner, der bekämpft werden muss, eine weltweite Verschwörung, ein System, wobei jeder belastbare Hinweis auf Zweck oder Struktur dieses Systems fehlt.

Die großen Puppenspieler bleiben anonym, ihre Namen müsste man erfinden, denn es gibt sie offensichtlich nicht. Aber welches System kommt denn ganz ohne große Puppenspieler aus? Da gibt es nur eine Antwort. Und die ist so naheliegend wie beklemmend. Dieses System, das die FPÖ in der selbstauferlegten Bedrängnis ihrer eigenen Propaganda zum Gegner erklärt, ja, dieses System heißt Demokratie.

Ich hoffe, das ist ein Irrtum. Aber wenn man den Parteibonzen zuhört, dann sind wir alle ihre Gegner, Medien, Zivilgesellschaft, Parteien, und man will uns nicht überzeugen, sondern auflisten, abwatschen, herprügeln, zerschnippeln, ja, bei FPÖ-Veranstaltungen kann man neuerdings seine Messer und Scheren mitbringen und schleifen lassen, das ist kein Witz.

Ihr eigener Feind

Alles muss zerschnippelt werden, sogar die FPÖ selbst. Denn sie ist Teil der Demokratie und damit ihr eigener Feind. Man will gewählt werden, damit man sich selbst abschaffen kann. Der Volkskanzler soll dann den Willen der Massen verkörpern, als seinen alleinigen Willen, während die Partei ganz zur Fehlermeldung verkümmert. Anders ist diese Propaganda beim besten Willen nicht zu verstehen.

Die FPÖ ruft als Ziel unmissverständlich die totale Selbstzerfleischung demokratischer Strukturen aus, durch Fleischwolf Herbert, den strahlenden Krieger. Sie will dieses Land faschieren. Den beträchtlichen Anteil Lächerlichkeit dieser Inszenierung hält sie gut aus, kein Problem, der Humor ist vom Fasching geeicht, das ist zehn Kilometer Luftlinie weiter nicht anders. Beim Sprung ins kalte klare Wasser erfrischt sich aber die Besinnung darauf, wie schnell jedes Kokettieren mit totalitären Dynamiken zum Selbstläufer werden kann. Ist der Zug zur Gewalt erst aus dem Bahnhof, kann zivilisierte Auseinandersetzung nur mehr vor Gericht stattfinden. Den notwendiger werdenden Prozess inszenieren wir schon heute, noch bevor alles völlig entgleist. So sieht gereifte Demokratie aus.

Ich bin sicher, auch Menschen, die auf weitere Entfesselung von Märkten und gründlichere Pflege deutscher Kultur hoffen, die also mit der Politik der FPÖ sympathisieren, sehen unsere Bemühungen mit Zuneigung. Denn wir fragen uns alle: Wie konnte es so weit kommen? Was ist da aus dem Ruder gelaufen? Und kann man das überhaupt noch einfangen? Ja, man kann. Als zu Beginn des Jahres berichtet wurde, dass völkische Extremisten aus Österreich und Deutschland Pläne für ethnische Säuberungen wälzen, traten in wenigen Wochen bis zu 8000 Menschen der AfD bei.

8000, das klingt entmutigend, aber der Vergleich macht sicher. Im kleinen Österreich sind nämlich 15.000 Menschen der SPÖ beigetreten, als die über ihren Vorsitz abstimmen ließ. Ja, wir erleben hier einen Systemkonflikt. Aber wir werden das aushalten. Die Zugkraft der Demokratie stellt jene des Faschismus deutlich in den Schatten. Mehr Demokratie wagen. Das bleibt die Siegerformel. Und für heute waren wir mutig genug. (Hosea Ratschiller, 11.6.2024)