"Was scheinbar noch nicht durchgedrungen ist, ist die Gefährdung unserer Demokratie, unserer Menschenrechte und unserer Werte, all dessen, was wir uns in den 80er-Jahren aufgebaut haben", sagt Ariel Muzicant.
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Ariel Muzicant und die Wiener Festwochen – dieses Verhältnis war zuletzt gehörig angespannt. Der frühere Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde war verärgert, weil die Festwochen Israelkritiker wie Annie Ernaux und Yanis Varoufakis als Ideengeber aus der Ferne in ihren Reihen haben. Die Gemüter dürften sich mittlerweile abgekühlt haben, denn nun folgte Muzicant der Einladung, bei der Festwochen-Produktion Wiener Prozesse teilzunehmen. Dabei wurde am Wochenende die Demokratiegefährdung durch die FPÖ verhandelt. Am Rande der Veranstaltung entstand dieses Interview.

STANDARD: Sie haben soeben bei den sogenannten Wiener Prozessen, einer Veranstaltung der Wiener Festwochen, wo es um die Gefahr für die Demokratie durch den Rechtsruck in Europa geht, gesprochen. Sie sagten, dass Sie sich mehr fürchten in Österreich, aber auch in Europa, vor der Tendenz zu autokratischen Regimen. Sie fürchten sich mehr vor der Degradierung der Demokratie als vor dem Antisemitismus. Was bewegt Sie zu dieser Aussage?

Muzicant: Ich möchte unter keinen Umständen die Gefährlichkeit des Antisemitismus reduzieren. Ich weiß, wie sehr die jüdischen Gemeinden gegen Antisemitismus kämpfen. Aber ich glaube, dass sich die europäische Gesellschaft inzwischen bewusst ist, wie sehr der Antisemitismus bekämpft werden muss. Was aber scheinbar noch nicht durchgedrungen ist, ist die Gefährdung unserer Demokratie, unserer Menschenrechte und unserer Werte, all dessen, was wir uns in den 80er-Jahren aufgebaut haben.

STANDARD: Gefährdung durch wen?

Muzicant: Durch den Drall nach rechts, die Orbánisierung, durch den Versuch, die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit abzuschaffen. Hier ist etwas, das eben unser Europa, wie wir es heute kennen, unser Österreich, wie wir es heute lieben und schätzen, kaputtmachen kann. Wenn wir jetzt nicht aufstehen und dagegen ankämpfen ...

STANDARD: Ist es richtig, wenn man sagt, zu diesen antidemokratischen, rechtsextremistischen Tendenzen gehört der Antisemitismus sowieso automatisch dazu?

Muzicant: Wenn ich in Österreich lebe, ist der Antisemitismus halt nicht so lebensbedrohend für mich, wie wenn man hier die Meinungsfreiheit und die Pressefreiheit nimmt. Es ist wie Sauerstoff, den man uns wegnimmt. Und wenn man uns das wegnimmt, dann ist es für uns Juden, die diese Art der liberalen Demokratie einfach brauchen, um existieren zu können, nicht mehr möglich, hier in Europa zu leben.

STANDARD: Sie haben einen historischen Vergleich gewählt bezüglich Österreich. Sie sagten, nach dem Krieg habe es 75 Prozent Antisemiten gegeben. Jetzt gebe es nur, unter Anführungszeichen geschrieben, 25 Prozent. Also sind Sie altersmilde geworden?

Muzicant: Wir haben seit der Waldheim-Diskussion und der dann entstandenen Zivilgesellschaft doch eine innere Entwicklung durchgemacht. Ich habe in der weiteren Diskussion massiv gegen die ÖVP, damals Vertreter der ÖVP, geschimpft und gewettert. Das wäre heute undenkbar, da die ÖVP, die Neos, eine ganze Reihe von Linken, also eine ganze Reihe von Kräften im Land, die man Zivilgesellschaft nennt, heute meiner Meinung nach die Mehrheit in Österreich sind. Ich denke, dass Antisemitismus, wie er in den Achtzigerjahren noch gang und gäbe war, im heutigen Österreich in der Form nicht mehr möglich wäre, nämlich der offizielle, von der Regierung, von den Machthabenden ausgehende.

STANDARD: Während der Waldheim-Affäre gab es offenen Antisemitismus auch in der Bevölkerung, in Leserbriefen usw.

Muzicant: So etwas wäre heute undenkbar. Und da hat sich doch Gott sei Dank in Europa und vor allem auch in Österreich sehr viel geändert. Und deswegen lebe ich ja so gern in diesem Land. Auch weil die Jungen sich einfach nicht mehr mit irgendwelchen Lügen abschasseln lassen, sondern wissen wollen, was da war und wie das alles entstanden ist, und dementsprechend auch kritisch die Vergangenheit sehen. Wir haben in den 50 Jahren, wo ich politisch tätig bin, einen richtigen Wandel erlebt in diesem Land. Und es ist Österreich heute unter Anführungszeichen eine Insel der Seligen in Europa. Wobei der Antisemitenanteil unter den Anhängern der FPÖ natürlich überproportional hoch ist.

STANDARD: Sie haben die jungen Leute erwähnt. Da kommen wir zu einem heiklen Thema. Viele demonstrieren für Palästina und gegen den israelischen Krieg in Gaza. Manches davon kann man als antiisraelisch interpretieren, manches als antisemitisch.

Muzicant: Also ich habe selbst auch in Tel Aviv auf der regelmäßig am Samstag stattfindenden Demonstration demonstriert und habe mich mehrfach gegen Verfehlungen der dortigen Regierung geäußert. Auch gegen die Rechtsextremen in der Regierung. Sie sagen, man solle Gaza wieder jüdisch besiedeln und die Palästinenser in den Kongo deportieren. Also das sind Naziparolen, wie ich sie von jüdischen Menschen und noch dazu von israelischen Ministern absolut nicht hören möchte. Ich glaube, dass eine Kritik an Israel durchaus zulässig ist und dass es vieles zu kritisieren gibt, was geschieht. Auf den Uni-Campus ist das aber oft eine gesteuerte und von Katar und anderen arabischen Ländern finanzierte Kampagne. Andere schreien dort "From the River to the Sea" und haben keine Ahnung, wovon sie reden. Ich muss aber auch sagen, wenn ich nicht Jude wäre und mich nicht an den 7. Oktober erinnern würde, dann würden mich die Bilder, die ich aus Gaza sehe, auch schockieren. Es ist einfach nicht auszuhalten, dass seit acht Monaten Frauen und Kinder auf beiden Seiten der Grenze getötet werden. Die Antwort darauf ist aber immer wieder: Würden die Hamas die verbliebenen Geiseln freilassen, wäre es anders.

STANDARD: Kann ich dem entnehmen, dass Sie die Art der Kriegsführung, ich sage jetzt nicht der Israelis, sondern der Regierung Netanjahu, für unverhältnismäßig halten?

Muzicant: Nein, ich traue mir nicht zu, in Wien zu sitzen und einer Regierung in Israel Ratschläge zu erteilen. Wie führt man einen Krieg gegen eine Hamas, die sich hinter den Zivilisten in Schulen und Spitälern versteckt? Und wie verhindert man, dass unschuldige Menschen dabei Opfer sind? Eines kann ich Ihnen sagen: Viele in der israelischen Bevölkerung hätten den Einmarsch in Rafah nicht jetzt, sondern schon vor sechs oder sieben Monaten verlangt, weil die ganzen Waffenlieferungen an die Hamas über Rafah liefen. Und viele Israelis wünschen sich seit neun Monaten, dass man endlich mit der Hisbollah aufräumt, die mittlerweile 1000 Raketen und Geschosse auf israelische Dörfer abgeschossen hat. Wo sind die Demonstranten, die gegen die Hisbollah demonstrieren?

STANDARD: Dennoch haben Sie anklingen lassen, dass die israelischen Gemeinden in Frankreich, Deutschland und Österreich zerrissen sind, was diesen Krieg in Gaza betrifft. Habe ich das richtig verstanden?

Muzicant: Na ja, es gibt eine wirklich massive Solidarität mit der israelischen Bevölkerung, mit den Familien der Opfer, mit den Familien der Geiseln. Und 90 Prozent der Menschen sind dafür, dass man jetzt mit der Hamas aufräumt. Aber wenn Netanjahu sagt, man würde jetzt die Hamas ein für alle Mal zerstören, dann ist das Blödsinn. Eine Idee kann man nicht zerstören. Man hätte sich überlegen sollen, was man sagt und wie man diesen Krieg führt. (Hans Rauscher, 11.6.2024)