In Tim Etchells Stück "How goes the world" wechseln die Kostüme am laufenden Band, die Szenen aber wiederholen sich seriell.
Michiel Devijver

Zwei Männer und zwei Frauen in einem Wohnzimmer. Erst klingelt das Telefon, einer hebt ab, es ist aber niemand dran. Dann klopft es an der Tür, eine verlässt den Raum und kommt durch eine andere Tür wieder herein. An dieser läutet dann aber die Türglocke, wieder muss jemand laufen, und wieder kommt derjenige durch die andere Tür zurück. Dazu muss beständig am Klavier geklimpert werden, minutenlang gießen sich die Darsteller Drinks ein, ehe sie sich im Sekundentakt gegenseitig über den Haufen schießen, immer wieder aufs Neue will theatralisch gestorben werden. Die Soundeinspielungen vom Band kommen in zunehmend konfuser Abfolge daher, zwingen den Schauspielern einen irrwitzigen Performancedruck auf.

TANDEM Scène nationale

Als wäre das nicht genug, müssen die Leidgeplagten – Aurélie Alessandroni, Neil Callaghan, Aurélie Lannoy und John Rowley – noch am laufenden Band ihre Kostüme wechseln. Sie müssen dieselben wenigen Stehsätze immer und immer wieder aufsagen, dieselben Szenen immer und immer wieder durchspielen. Die Wiederholung, eine der ältesten Methoden der Slapstick-Kunst, sie wird beim britischen Künstler und Theaterautor Tim Etchells in der Halle G im Museumsquartier auf die Spitze getrieben. How goes the world heißt sein Stück, das nun bei den Wiener Festwochen läuft. Die Produktion, deren Dramaturgie Matthias Lilienthal verantwortet, hat Intendant Milo Rau vom Theater Gent mitgebracht.

Erst lachen, dann leiden

Etchells Repetitionsorgie sorgt zunächst für die üblichen Lacher, fünf bis zehn Minuten setzt man sich der Lächerlichkeit einer auf Endlosschleife geschalteten, nur scheinbar banalen Szene gerne aus. Irgendwann kommt aber der Punkt, an dem es wehtut, wo es beklemmend wird oder wo einen der Schlaf die Augen zudrückt. Und genau da will Etchells hin: "Das Theater hat fast etwas Grausames", sagt dieser über seine Auffassung der Bühnenkunst. In Gent lief sein Stück in der Reihe "Histoire(s) du Théatre", in der methodische Zugänge zum Theater exemplarisch durchexerziert wurden. Bei den Festwochen ist Etchells auch mit dem kleinen, kabarettartigen Zweipersonenstück Die Rechnung vertreten, wo die Handlung darin besteht, dass sich ein Kellner und sein Gast beständig zu viel Wein eingießen, bis dieser überläuft.

Was uns Tim Etchells damit sagen will: Spätestens seit dem Industriezeitalter sind wir Menschen von maschineller Repetition durchdrungen, die sich bis in die banalsten Alltagsszenen einschleicht. Man denke nur an das Smartphone und die eintrudelnden Messages. How goes the world aber will das Publikum mit klassischen Versatzstücken des Theaters und des Films nerven: Gelächter und Geweine, Babygeschrei, Hundegebelle, der pathetische Monolog und vieles mehr.

Überhöhtes Stresslevel

Das beständig überhöhte Stresslevel, ein Kennzeichen der kapitalistischen Moderne, spielt Etchells in How goes the world durch kleinste Abweichungen in seinen Endlosschleifen, die sich meist nur in Äußerlichkeiten unterscheiden, in verschiedenen gesellschaftlichen Schichten durch: Die Szenerie beginnt in einer biederen Mittelschichtsatmosphäre, pendelt dann zwischen Upperclass und Workingclass und endet bei den Obdachlosen auf der Straße.

Klug und spannend sind Etchells Überlegungen, auch berührend, wenn man durchhält. Genießen können muss man die eineinhalbstündige Hamsterrad-Metapher aber nicht. Es darf wehtun, und man darf auch früher gehen. Spätestens bei der 47. Wiederholung einer Szene hätte man die Idee dann ja begriffen. (Stefan Weiss, 10.6.2024)