Gegen das Establishment: So lässt sich prinzipiell das Wahlverhalten der jungen Wahlberechtigten in Europa zusammenfassen. Die Unsicherheiten während der Corona-Krise, die hohen Lebenserhaltungskosten und der Krieg auf dem Kontinent lassen die jüngste Wählergruppe nach Alternativen zu den etablierten Parteien suchen, die bereits länger an der Macht sind.

Gegen das Establishment: So lässt sich prinzipiell das Wahlverhalten der jungen Wahlberechtigten in Europa zusammenfassen.
DER STANDARD / Köstinger

In Frankreich schaffte es Jordan Bardella, Spitzenkandidat der rechtspopulistischen Partei Rassemblement National (RN), 32 Prozent der Wählerinnen und Wähler zwischen 18 und 34 Jahre für sich zu begeistern. Dem 28-Jährigen gelang das unter anderem mit einem Wahlkampf, der auf die sozialen Medien und insbesondere Tiktok zugeschnitten war. Ein Drittel aller Jugendlichen informierte sich nur via die App über die EU-Wahl.

In Deutschland gab es bei dieser Wahl ein Novum. Erstmals durften 16- und 17-Jährige wählen. Und offensichtlich gehören für viele von ihnen auch die Grünen inzwischen zum Establishment. Bei den 16- bis 24-Jährigen verlor die Ökopartei 23 Prozentpunkte und kam nur noch auf elf Prozent Zustimmung. Besser schnitten die Union (CDU/CSU) und die AfD mit 17 beziehungsweise 16 Prozent ab. "Das ist einfach auch dem Zeitgeist geschuldet", sagt Thorsten Faas, Politologe an der Freien Universität Berlin. Schließlich seien Union und AfD ja auch insgesamt in Deutschland die stärksten Parteien geworden. Es wäre aber zu einfach, zu sagen, der Erfolg der AfD gehe auf junge Menschen zurück. Generell würden schon die älteren, vor allem männlichen Wähler die AfD tragen.

Video: Europa rückt nach rechts - EVP bleibt stärkste Kraft.
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Kleinparteien bei jungen Deutschen beliebt

Doch die tatsächlich "stärkste Kraft" ist eine aufgesplitterte bei den jungen Menschen in Deutschland. Die allermeisten zwischen 16 und 24 Jahren entschieden sich nämlich für eine der vielen Kleinparteien. Volt, "Die Partei", die Tierschutzpartei oder andere bekamen von 28 Prozent der Jungwählerinnen und Jungwähler ihre Stimmen. Zum Vergleich: Wenn man alle Wählerinnen und Wähler anschaut, dann entschieden sich nur 14 Prozent für Kleinparteien. "Das zeigt, dass sich die Jungen von den etablierten Parteien nicht abgeholt fühlen und daher auf der Suche nach Alternativen sind", sagt Meinungsforscher Mathias Rohrer vom Wiener Zielgruppenbüro zum STANDARD. Eine solche Alternative hätten früher die Grünen dargestellt, doch mittlerweile sei das anders, da sie bereits in mehreren Ländern in Regierungsfunktionen waren.

Am stärksten unter den Kleinparteien schnitt in Deutschland Volt ab. Die Partei, die sich für Klimaschutz und Gerechtigkeit einsetzt, kam bei den 16- bist 24-Jährigen auf neun Prozent. "Junge Wählerinnen und Wähler sind nicht so festgelegt wie ältere, sie haben weniger Bindung an Volksparteien. Oft treffen sie ihre Entscheidungen auch aus einem Impuls heraus. Damit sind auch deutliche Stimmungsumschwünge innerhalb kürzester Zeit möglich", sagt der Berliner Politologe Faas. Er betont auch: "Volt ist gestern bei den jungen Menschen in die Fußstapfen der Grünen getreten. Der Frust der Jüngeren dort dürfte wirklich groß sein, und Volt scheint genau in diese Lücke hineingestoßen zu sein."

Aufgeteilt auf rechts und links

Der Ruf nach Wandel unter den Jungen ist laut – und half auch linken Parteien. So war die sozialdemokratische PD in Italien die beliebteste Partei der Wählerinnen und Wähler zwischen 18 und 29 Jahren mit 20 Prozent der Stimmen, gefolgt von der Fünf-Sterne-Bewegung mit 17 Prozent. Die rechten Brüder Italiens landeten in dieser Altersklasse nur auf Platz vier mit 14 Prozent. Umweltthemen und soziale Gerechtigkeit waren wohl die wichtigsten Gründe für das Abstimmungsverhalten.

Italiens Jungwählerinnen und -wähler haben eher links gewählt.

Ebenso in Schweden: Auch dort konnten die Sozialdemokraten und Grünen unter den jüngsten Wählerinnen und Wählern zwischen 18 und 21 Jahren gut abschneiden (20 bzw 19 Prozent), wobei die Konservativen knapp die Nase vorn hatten (21 Prozent). Wenn es um die stärksten Zugewinne geht, dann waren aber auch hier die Jungen auf links und rechts aufgeteilt: Denn im Gegensatz zum großen Wahlergebnis konnten die rechten Schwedendemokraten 15 Prozent der jüngsten Stimmen erreichen – über alle Altersklassen hinweg waren es "nur" 13,2 Prozent.

Österreichs Junge nicht rechter als andere Jahrgänge

Doch zeigt sich dieser Trend auch in Österreich? Ist Österreichs Jugend nach rechts gerückt? Nein. In Österreich waren unter jungen Erwachsenen in Österreich am Sonntag drei Parteien so gut wie gleich stark: In der Gruppe der 16- bis 29-Jährigen kamen die ÖVP und SPÖ laut vorläufigem Endergebnis auf je 20 Prozent der Stimmen, die FPÖ auf 19. Verglichen mit der EU-Wahl vor fünf Jahren ist das zwar ein Plus für die Freiheitlichen, aber kein besonders großes: Die FPÖ gewann in dieser Altersgruppe zwei Prozentpunkte dazu. In den Altersgruppen 30 bis 59 Jahre und 60 plus waren die Zugewinne viel deutlicher: sieben beziehungsweise zehn Prozentpunkte.

Die stärksten Zugewinne konnte hingegen eine Partei am anderen Ende des politischen Spektrums verzeichnen. Die KPÖ erhielt unter den Jungen ein Plus von neun Prozentpunkten – und machte zehn Prozent der Stimmen. Die Grünen wiederum stürzten auch hierzulande ab: von 28 auf zwölf Prozent der Stimmen. Wahlforscher Christoph Hofinger streicht im STANDARD-Chat das hohe Niveau heraus, von dem die Grünen gestartet sind: 2019 habe es in der gesamten EU eine "grüne Welle" gegeben, das bescherte der Ökopartei viele Stimmen. Insgesamt hätten sich unter Jungen "deutliche Verschiebungen" gezeigt, sagt Hofinger. Jedoch: "Die Jungen sind nicht rechter als die anderen Jahrgängen, aber in ihrem Wahlverhalten wesentlich mobiler als die älteren."

Für Meinungsforscher Rohrer ist das Ergebnis unter den Jungen keine Überraschung: "Die FPÖ und die Grünen waren Ende der 2000er- und Anfang der 2010er-Jahre die stärksten unter den Jungwählerinnen und Jungwählern. In Österreich hatten die Altparteien SPÖ und ÖVP lange ein Problem damit, bei den Jungen anzukommen. Das hat sich dann durch Sebastian Kurz geändert, der für die ÖVP viele Junge abholen konnte."

Der FPÖ, sagt Rohrer, gelinge eines sehr gut: "Sie schafft es, sich kommunikativ außerhalb des Systems zu stellen, obwohl sie eigentlich Teil davon sind." Das spreche Junge an, die sich von der "Institutionenpolitik und den etablierten Parteien" nicht abgeholt fühlten. In der Ablehnung des Establishments hätten die Grünen auch in Österreich ein Problem. "Durch die Regierungsbeteiligung sind sie nicht mehr die junge, coole Alternative", sagt Rohrer.

KPÖ gilt als frische Bewegung

Anders käme die KPÖ bei den Jungwählerinnen und Jungwählern an. Sie würden eher als frische Bewegung angesehen – auch weil sie erst zuletzt lokale Wahlerfolge in Graz und Salzburg feiern konnten. "Bei der KPÖ gibt es den Effekt, dass sie nicht in dem System verortet werden", sagt Rohrer. Spannend mache das auch die anstehende Nationalratswahl, bei der KPÖ und Bierpartei Chancen auf den Einzug zugerechnet werden. "Sie haben nicht nur bei den Jungen das Potenzial, Proteststimmen abzuholen. Das kann am Ende auch der FPÖ schaden. Als zusätzliche Alternativen für SPÖ und Grüne machen die Antritte die Ausgangslage jedenfalls spannender und auch unsicherer."

Aber interessieren sich die Jungen überhaupt für Wahlen? Zumindest geben Junge seltener ihre Stimme ab als der Schnitt. Das liege an einer "generellen Politikunzufriedenheit und Unzufriedenheit mit den Institutionen", sagt Jugendforscher Rohrer. Junge fühlten sich vom "politischen Angebot nicht abgeholt". Bei den Europawahlen 2019 stimmten EU-weit nur 42 Prozent der unter 25-Jährigen ab. Ihre Beteiligung lag damit deutlich unter dem allgemeinen Durchschnitt von 50,6 Prozent. (Birgit Baumann, Bianca Blei, Oona Kroisleitner, Stefanie Rachbauer, 11.6.2024)