Neos-Spitzenkandidat Helmut Brandstätter und Parteivorsitzende Beate Meinl-Reisinger feierten am Sonntagabend einen Erfolg, der Auftrieb für die Nationalratswahl geben sollte.
APA/TOBIAS STEINMAURER

Die Neos sind zweistellig geworden, sie haben das direkte Duell gegen die Grünen nur knapp verloren. Helmut Brandstätter und Anna Stürgkh werden als Abgeordnete ins EU-Parlament einziehen – eine Verdopplung der Mandate, so feiern es die Neos, die jedenfalls als einzige Parlamentspartei neben der FPÖ einen realen Stimmenzuwachs bei der EU-Wahl verbuchen konnten. Nach den bitteren Niederlagen in den Bundesländern – zuletzt flogen die Neos in Salzburg aus der Landesregierung – ist das ein Wahlerfolg, den die Neos ganz dringend gebraucht haben. Auch, um sich auf dem Weg Richtung Nationalratswahlen wieder aufzurichten und neue Motivation zu schöpfen.

Das Ergebnis

Österreichweit kamen die Neos laut vorläufigem Ergebnis auf 10,1 Prozent, das entspricht einem Plus von 1,6 Prozentpunkten. Besonders stark waren die Neos bei der EU-Wahl in Wien (13,3 Prozent) und in Vorarlberg (15,3 Prozent). In Wien kamen sie in sonst stark ÖVP dominierten Bezirken auf überdurchschnittliche Ergebnisse, in der Inneren Stadt sind es 20,7 Prozent, in der sonst grünen Josefstadt sind es 18,6 Prozent. In Klosterneuburg landeten die Neos auf dem zweiten Platz.

Listenzweite Anna Stürgkh wird gemeinsam mit Brandstätter Abgeordnete im EU-Parlament.
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Verantwortlich für den Erfolg sind mehrere Faktoren:

Der Kandidat

Mit Helmut Brandstätter gab es einen authentischen Spitzenkandidaten, der glaubwürdig für Anliegen und Überzeugungen der Neos steht. Der ehemalige Chefredakteur des Kuriers trat mit viel Verve im Wahlkampf auf und steht inhaltlich für das Programm der Neos.

Die Botschaften

Im EU-Wahlkampf gab es ganz klare Positionen. Die Neos waren jene Partei, die am deutlichsten pro-europäisch ausgerichtet war, ohne Wenn und Aber. Das war ein deutlicher Kontrapunkt zu allen anderen Parteien. Sie haben konsequent ihre Visionen kommuniziert: Vereinigte Staaten von Europa, eine eigene EU-Armee, bedingungslose Unterstützung für die Ukraine.

Die Positionen

Die Neos verfolgen seit Jahren konsequent ihre Botschaften, die allerdings nicht immer so deutlich kommuniziert werden. Damit tun sie sich vor allem im regionalen Bereich schwer. Das Angebot der Neos: Freiheit, Fortschritt und Wohlstand. Der starke Wirtschaftsfaktor ist jedenfalls ein Gegenentwurf zu den Grünen.

Die Lehren

Die Neos sind offenbar dort erfolgreich, wo sie klare Botschaften haben und vertreten. Darauf müssen sie sich auch im Nationalratswahlkampf fokussieren, wenn sie ihr Potenzial ausschöpfen wollen: wenige, aber klare Kernbotschaften. Keine kurzfristigen Feuerwerke an Ideen, sondern konsequent die eigene Überzeugung unter die Leute bringen.

Die Stärken

Die Neos haben sich in ihrer Haltung und in ihrer Botschaft als stabile Kraft erwiesen, ihre Stärke ist die inhaltliche Verlässlichkeit. Sie müssen sich jetzt überlegen, wie sie stärker in die Wählerschaft der anderen Parteien, vor allem jener der ÖVP, aber auch in die SPÖ vordringen können.

Das Personal

Beate Meinl-Reisinger ist eine starke und authentische Parteichefin, manchmal vielleicht zu pushy und direkt. Sie sollte in ihrer Position aber unumstritten sein. Eine größere Rolle wird im Wahlkampf Christoph Wiederkehr zufallen, der in Wien Vizebürgermeister ist. Er soll dafür stehen, dass die Neos auch in Umsetzung kommen, Verantwortung tragen können und zu gestalten in der Lage sind. Sein Thema ist die Bildung und damit letztendlich auch die Integration. Wiederkehr soll die Botschaft "Pluralismus, aber mit klaren Spielregeln" an die Wählerschaft bringen. Helmuth Brandstätter soll als Markenbotschafter der Neos ebenfalls eine Unterstützung im Nationalratswahlkampf sein. Mit Sepp Schellhorn gibt es zudem einen starken und pointierten Vertreter aus der Wirtschaft, der eine treue Fangemeinde hat. (Michael Völker, 10.6.2024)