Eine Überwachungskamera auf einem Masten im Außenbereich.
Eine Überwachungskamera und ihre Aufnahmen lügen zwar nicht, zeigen mitunter aber auch nicht die ganze Wahrheit.
AP / Wayne Parry

Wien – Fernseh- und Streamingserien mit Titeln wie Das Böse im Blick – Augenzeuge Kamera oder Killers on Camera – Auf frischer Tat ertappt suggerieren als sogenannte True-Crime-Formate gerne, dass Polizei und Justiz alle bösen Menschen erwischen, solange es nur genügend Überwachungsaufnahmen gibt. Wer seine Couch verlässt und an einer realen Gerichtsverhandlung teilnimmt, erkennt, dass der Alltag komplexer ist. Im Fall von Herrn D. haben die Bilder aus einer Supermarktkamera beinahe sein Leben zerstört.

Am 27. Juni des Vorjahres lebte der unbescholtene Angestellte mit seiner Freundin und deren Kind in Wien. Da die Partnerin ein Gipsbein hatte und das Kind krank war, bot der 25-Jährige an, die Hausaufgaben in der nahe gelegenen Volksschule zu besorgen. Auf dem Weg dorthin kaufte er Zigaretten, besuchte wie jeden Tag einen Supermarkt, schlenderte zur Schule und schließlich zurück zum Appartement seiner Lebensgefährtin, die ihn als "Angsthasen" beschreibt, der Konflikten aus dem Weg gehe.

Im August war der Angeklagte in seiner Heimat Serbien. Und erhielt dort den Anruf seiner entsetzen Schwester aus Wien mit der Frage, was er getan habe. Denn: Das Konterfei von Herrn D. war in der Kronen Zeitung zu sehen. Als Fahndungsfoto, da er angeblich einen Paketboten schwer verletzt habe. "Meine Familie sagte, ich soll nicht mehr nach Wien kommen, da ich sofort verhaftet werde. Aber ich sagte: 'Ich vertraue der Polizei!'", erklärt er dem Schöffengericht. Also kehrte er zurück, stellte sich und schilderte bei der Polizei den oben angeführten Ablauf des Tattages.

Oberschenkelarterie verletzt

An diesem 27. Juni war wenige Hundert Meter entfernt ein Paketbote von einem Unbekannten attackiert worden. Der Täter fragte das Opfer, ob es ihn noch erkenne, beschwerte sich über die unsanfte Behandlung der Pakete durch den 28-jährigen Afghanen, bedrohte ihn mit dem Umbringen, schlug ihn nieder, trat auf ihn ein und stach ihn schließlich mit einem Messer in den Oberschenkel, wodurch die Oberschenkelarterie verletzt wurde. Das geschockte, schwerverletzte Opfer flüchtete und brach nahe eines Supermarkts zusammen.

Während Passanten Erste Hilfe leisteten, glaubte der Verletzte, den Angreifer in einer Person wiederzuerkennen, die eben diesen Supermarkt verließ. Am Tatort konnte das Opfer nur sagen, dass der Täter Tätowierungen habe und weiße Schuhe trage. Aufgrund dieser Angaben sichtete ein Kriminalist die Videoaufzeichnungen des Geschäfts – der einzige Kunde mit Tätowierungen, allerdings mit schwarz-weißen Schuhen, war der Angeklagte.

Im Prozess stellt sich heraus, dass die diversen Zeugenangaben mehr als widersprüchlich sind. Das Opfer selbst beschreibt den Angreifer, den er auf dem Bild noch als Herrn D. identifiziert hat, nun völlig anders. Die Folge: "Ein Freispruch, nicht einmal im Zweifel. Der Angeklagte war wirklich einfach zur falschen Zeit am falschen Ort", begründet die Vorsitzende das nicht rechtskräftige Urteil. Der Angeklagte, der wegen des Verfahrens Freundin und Job verloren hat, bricht in Tränen aus: "Ich habe Vertrauen in diese Stadt, ich mag die Leute hier", stammelt er seinen Dank. (Michael Möseneder, 10.6.2024)