Trainer Jürgen Melzer mit French-Open-Doppelsieger Joel Schwärzler.
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Eine Niederlage darf auch wehtun. "Ich mag es nicht, wenn ein Spieler verliert, vom Platz geht, sein Handy in die Hand nimmt und lacht. Das finde ich falsch", sagt Jürgen Melzer. Nun, die Gefahr besteht bei Joel Schwärzler nicht. Der Vorarlberger nimmt sich Niederlagen zu Herzen. Er kiefelt daran, mitunter über die Maßen. Seit 2021 wird der 18-jährige Tennisprofi von Melzer betreut. Bei den French Open verlor er in Paris das Einzel-Halbfinale der Junioren, ehe er am Samstag mit seinem norwegischen Partner Nicolai Budkov Kjær den Titel im Doppel gewann.

"Man muss mit den Ergebnissen zufrieden sein, alles andere wäre vermessen", sagt der ehemalige Top-Ten-Spieler Melzer am Montag zum STANDARD. Etwas Enttäuschung lässt sich beim Trainer trotzdem durchhören. Schwärzler wollte sein letztes Turnier als Junior mit einem Grand-Slam-Titel im Einzel beenden. Dann aber setzte es gegen den US-Amerikaner Kaylan Bigun eine Niederlage in drei Sätzen. "Turniersiege kann man nicht planen", sagt der Trainer, "man fährt nicht hin und nimmt im Vorbeigehen den Titel mit."

Dass Schwärzler auf der roten Asche von Roland Garros als Topfavorit gehandelt wurde, kommt nicht von ungefähr. Der Bursche hatte im Jänner die Spitze der Juniorenweltrangliste übernommen. Als erster Österreicher seit Gilbert Schaller anno 1986. Das weckt nicht nur in der Öffentlichkeit Erwartungen. "Joel steht unter Druck. Druck, den er sich auch selbst macht", sagt Melzer. "Die Niederlage hat ihm wehgetan. Es wäre schlimm, wenn es nicht so wäre. Das zeigt, mit welcher Leidenschaft er diesen Sport Tag für Tag betreibt."

Joel Schwärzler hat seine Juniorenkarriere hinter sich. Jetzt wird es ernst.
IMAGO/Juergen Hasenkopf

Melzer gewann 1999 den Junioren-Titel in Wimbledon. Und er weiß: Der Ernst des Lebens fängt für Tennisspieler mit dem Übergang zu den Profis an. Schwärzler hat den ersten großen Schritt bereits erledigt. Der Youngster hat die Future-Tour hinter sich gelassen und ist auf der Challenger-Ebene angekommen. Im Mai gewann er das Turnier von Skopje. Mittlerweile steht Schwärzler auf Platz 389 der ATP-Weltrangliste. Nur der Brasilianer Joao Fonseca (218) und der Spanier Martin Landaluce (318) stehen aus dem Jahrgang 2006 besser da.

Kommt der schnelle Aufstieg überraschend? "Ja und nein", sagt Melzer, "ich sehe sein Potenzial im Training. Aber es war nicht unbedingt zu erwarten, dass er sein Level wie in Skopje schon über fünf Matches in Folge halten kann." Der 43-jährige Niederösterreicher neigt nicht zu übertriebener Euphorie: "Das war hoffentlich nur der Anfang. Mit einem Turniersieg ist es ja nicht getan. Aber schön, dass wir so einen Spieler in Österreich haben. Das gab es länger nicht mehr, dass jemand in dem Alter so weit ist."

Der in Südafrika geborene Schwärzler ist der jüngste österreichische Sieger eines Challenger-Turniers seit Horst Skoff. Da gratulierte auch Tennis-Ikone Dominic Thiem über die sozialen Medien. Und schon stellt die Association of Tennis Professionals (ATP) auf ihrer Website die für Österreichs Tennisfans wohl entscheidende Frage: "Könnte dies eine Fackelübergabe im österreichischen Tennis sein? Folgt Schwärzler seinen Landsleuten Melzer und Thiem als Top-Ten-Star?"

Melzer hält sich mit Prognosen zurück: "Das würde nur unnötigen Druck aufbauen. Joel hat auf alle Fälle Potenzial für die Top 100. Alles Weitere wird man sehen. Als Trainer kann man dem Spieler das Rüstzeug mitgeben. Auf dem Court muss er es selbst umsetzen. Ich denke nur daran, wie man den Spieler in den kommenden Monaten weiterbringen kann. Meine Verantwortung ist es, dass es stetig nach oben geht. Damit er die Möglichkeit bekommt, auf der ATP-Tour reinzuschnuppern."

Diese Möglichkeit bietet sich bereits im Juli. Schwärzler, der in der Südstadt trainiert, erhielt bei den Generali Open von Kitzbühel eine Wildcard für den Hauptbewerb. So wie die Veranstalter von Anfang an die Karriere von Dominic Thiem unterstützt haben, setzen sie jetzt auf Joel Schwärzler. Auch in der Hoffnung, dass sich der Spieler in den kommenden Jahren zum Ticketseller entwickelt. Melzer: "In Kitzbühel ist er auf jeden Fall Außenseiter, da hat er nichts zu verlieren. Die Einladung zeigt eine große Wertschätzung."

Schwärzler ist 1,89 Meter groß, ein Linkshänder mit starkem Aufschlag und einer druckvollen Vorhand. Und wo muss man ansetzen, um den Hoffnungsträger fit für die ATP-Tour zu machen? "Im körperlichen Bereich müssen Dinge besser werden. Und wir brauchen mehr Konstanz in den Schlägen. Darauf würde ich es reduzieren. Den Rest mache ich mir mit ihm im Training aus. Man muss nicht alles preisgeben." (Philip Bauer, 10.6.2024)

Day in the Life | Joel Schwaerzler
International Tennis Federation