Tutus mit Stacheln: Bei "Hatched Ensemble" im Volkstheater werden über Kleidung Botschaften vermittelt.
Mamela Nyamza

Ein schönes Bild gleich zu Beginn: In dicht gedrängter Gruppe sitzen neun Tänzerinnen und ein Tänzer auf dem Boden. Alle vom Publikum abgewandt, mit nackten dunklen Oberkörpern in weißen Röcken aus Tüll. Starkes Formgefühl beweist die südafrikanische Choreografin Mamela Nyamza dann durchgehend in ihrem Stück Hatched Ensemble, das sie gerade bei den Festwochen im Volkstheater vorgestellt hat.

Vom Band läuft im Loop Camille Saint-Saëns' Cellomusik aus dem berühmten Ballettsolo Der sterbende Schwan von Michel Fokine, in dem Starballerinen wie Anna Pawlowa oder Maja Plissetskaja brilliert haben. Der weltweite Klassiker wird meist in kurzem Tutu-Röckchen getanzt. Nyamza allerdings hat ihr Ensemble in lange Tutus gekleidet, wie sie etwa für die Wili-Geister im zweiten Akt von Giselle typisch sind.

Legendäre Wiedergängerinnen

Eine aussagekräftige Kreuzung, denn Wili sind der Legende nach Wiedergängerinnen, die junge Männer in für diese tödliche Tänze verstricken: Bei Giselle fällt ihnen ein Charakter namens Hilarion zum Opfer. Das wiederum passt bestens zu dem kolonialismuskritischen Ansatz, den Nyamza in ihr Stück einbaut: Kommt nur, ihr werdet schon sehen, wohin das führt.

Die Tutus sind bei Hatched Ensemble westliche Schalen, von denen sich – "hatched" heißt ja "ausgeschlüpft" – die kleine Gemeinschaft auf der Bühne sukzessive befreit. Ähnlich wie in Dada Masilos Stück The Sacrifice, das vor zwei Jahren bei Impulstanz im Burgtheater zu sehen war, gesellt sich auch bei Nyamza eine Sängerin (Litho Nqai) zu den Tanzenden. Sie verkörpert den guten Geist der Selbstbefreiung.

Als Zeichen der Emanzipation dienen rote Kostüme, die sukzessive gegen die weißen Tutus eingetauscht werden. Auch die Spitzenschuhe, in denen anfangs "en pointe" getanzt wird, bleiben nicht an den Füßen. Dieses Ausziehen enthält eine fundamentale Symbolik: Denn der Spitzenschuh ist ein Zeichen des Drangs, die Schwerkraft zu überwinden, während afrikanische Tänze überwiegend erdverbunden sind und den Boden des Lebens feiern.

Kleider der Befreiung

Mamela Nyamza hat die weißen Röcke mit Wäschekluppen stachelig gemacht. Genau diese Stacheln dienen der Gruppe dazu, erst einmal die roten Kleider ihrer Befreiung auf einer langen Wäscheleine anzubringen und so auszustellen. Später werden Tutus und Spitzenschuhe mit diesen Kluppen an den Strick gehängt. Stolz tritt die Gruppe nach vorne und präsentiert sich selbstbewusst in verkehrt herum angezogenen, blutroten Plastikregenmänteln.

Mit Hatched Ensemble lehnt sich Nyamza eng an die Erfolge von Dada Masilo an. Beide stammen aus Südafrika, Masilo leitet einige ihrer Stücke von Ballettklassikern wie Schwanensee oder Giselle ab, und Nyamza tut hier etwas ganz Ähnliches, bis hin zum Auftritt der Sängerin. Die Signale der Selbstbehauptung sind bei der Österreich-Premiere im Volkstheater angekommen, es gab großen Applaus. (Helmut Ploebst, 10.6.2024)