Piotr Beczała, der gefeierte Mister 100.000 Volt des Musikdramas.
Michael Pöhn

Nach all den Netzhemden, Hotpants und Glitzercorsagen der Pride-Parade wirkte das Outfit von Piotr Beczała und Helmut Deutsch am selben Abend wie ein Kontrastprogramm: Der Opernstar und die Klavierbegleiter-Legende schritten im honorigen Zwirn, nämlich im Frack, auf die große Konzerthausbühne. Auch das Programm vermittelte Distinktion. Ein Best of Opernarie? Mitnichten! Beczała will mehr sein als der gefeierte Mister 100.000 Volt des Musikdramas, mehr als ein Garant für klangschön-dralle Töne zwischen Liebesszene und Bühnentod. Sporadisch eingestreute Liederabende sollen seine Fähigkeiten als musikalischer Feinmechaniker unterstreichen.

Dafür benötigte es am Samstag allerdings eine Anlaufzeit. Zwar fehlte es dem anfänglichen Tschaikowski-Block nicht an weher Dramatik und druckvoll gezimmerten Schlusstönen. Es entstand aber mitunter der Eindruck (etwa in Sonne ging zur Ruhe), Beczałas Stimme würde unterhalb eines gewissen Schallpegels nicht recht anspringen.

Auf Betriebstemperatur

Eine halbe Stunde später hatte der Pole dann aber offenbar die Betriebstemperatur für das Filigrane erreicht. Ein erstes Prachtergebnis: Edvard Griegs Offenbarungsode Ich liebe dich, dargereicht mit strömendem Wohlklang, aber auch intimen Flüstermomenten. Noch schöner gelang ein Klangidyll aus der Feder von Mieczysław Karłowicz (Pamiętam ciche, jasne, złote dnie): Dieser eine, nektarsüße Spitzenton, den Beczała da hauchte, erinnerte frappant an den Trademark-Sound seines Kollegen Jonas Kaufmann.

Weitgehend souverän begleitet von Deutsch, stürzte sich der 57-Jährige schlussendlich mit Haut und Haar in sechs heißblütige Rachmaninow-Lieder (op. 4) rund um die Themen Begehren, Inbrunst und Weltschmerz. Eine Überdosis Gefühl, die Beczała mit dröhnenden, rückhaltlosen Tenor-Attacken vermittelte – und dem Publikum damit gewissermaßen doch noch große Oper bescherte: Jubel. (Christoph Irrgeher, 10.6.2024)