Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) dürfte sich bei der Zinsentscheidung am vergangenen Donnerstag mutmaßlich wie in einer Zwickmühle gefühlt haben, die Stimmung soll ungewohnt emotional gewesen sein. Wohl haben die Währungshüter um Notenbankchefin Christine Lagarde bei der Inflationsbekämpfung Fortschritte erzielt und den Wert von mehr als zehn Prozent in der Spitze auf 2,6 Prozent im Mai gedrückt. Dementsprechend haben sie die Finanzmärkte schon vor Wochen auf eine Zinssenkung im Juni eingestimmt. Allerdings zeigten die jüngsten Teuerungsdaten wieder nach oben, und auch die eigenen Prognosen der Notenbank wiesen wieder auf einen etwas stärkeren Preisauftrieb in der Eurozone hin als frühere Schätzungen.

Der EZB-Tower in Frankfurt.
Der Zinssenkung durch die EZB in der vergangenen Woche sollen ungewöhnlich emotionale Debatten vorangegangen sein.
IMAGO/Florian Gaul

Letztlich fiel die Entscheidung klar für eine Zinssenkung um einen Viertelprozentpunkt, der Leitzins beträgt nunmehr 4,25 Prozent. Schließlich hatten die Börsen dies bereits eingepreist, die Entscheidung also vorweggenommen. Von einer Absenkung der Zinsen in letzter Sekunde abzusehen hätte zu starken Ausschlägen an den Finanzmärkten geführt und die EZB massiv Reputation gekostet. Gegen die Zinssenkung hat einzig Robert Holzmann, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), gestimmt. Er habe ein Zeichen setzen wollen, da der Zeitpunkt seiner Ansicht nach zu früh gewesen sei. Insidern zufolge sollen weitere Währungshüter, die üblicherweise wie Holzmann zu straffer Geldpolitik tendieren, bedauert haben, dass eine Zinssenkung im Juni vorab zu klar signalisiert worden sei.

Zum Verhängnis werden

Hat die Notenbank ihre straff gespannten Zinszügel also zu früh gelockert? Diese Ansicht vertritt zumindest auch die wirtschaftsliberale Denkfabrik Agenda Austria. „Es ist zu früh, davon zu sprechen, dass die Inflation besiegt wäre", sagt Ökonom Hanno Lorenz. Die Vergangenheit habe gelehrt, dass zu frühe Zinssenkungen die Inflation wieder befeuerten. Noch dazu würden "die wahren Preise" in der Eurozone durch Staatshilfen wie Preisdeckeln verzerrt. Die Einschätzung des Agenda-Austria-Ökonoms: "Dieser Schritt kann für die Eurozone zum Verhängnis werden."

Als angemessen verteidigte hingegen Notenbankchefin Lagarde das Vorgehen. "Wir waren der Ansicht, dass der Inflationsabbau hinreichend fortgeschritten war und in den nächsten 18 Monaten weiter vorankommen würde, und so konnten wir die Zinsen senken", sagte sie in einem Interview mit mehreren Medien. Dass die EZB diesmal vor ihrem US-Pendant Fed, das üblicherweise den geldpolitischen Kurs vorgibt, die Zinsen gesenkt hat, begründet Lagarde mit dem höheren Wirtschaftswachstum auf der anderen Seite des Atlantiks.

Kein fester Pfad

"Wir verfolgen aber keinen vorab festgelegten Pfad", sagte sie weiter. Man werde bei jedem Schritt die Lage neu bewerten. Die Absenkung bedeute nicht, dass die Zinsen nun linear nach unten gingen. "Es könnte auch wieder Phasen geben, in denen wir die Zinsen unverändert belassen", ergänzte Lagarde. Die Währungshüter gehen ihr zufolge davon aus, dass das zweiprozentige Inflationsziel 2025 erreichet werde. "Uns ist bewusst, dass wir auf dem Weg dorthin auf Unebenheiten treffen werden", sagte sie. Man müsse abwarten, wie sich die Arbeitskosten entwickeln – sie zählen zu jenen Daten, die aus Sicht der Notenbankchefin zuletzt "hätten besser sein können".

Über abweichende Meinungen im EZB-Rat wie jener des OeNB-Chefs Holzmann erklärte Lagarde: "Seit meinem Amtsantritt vor viereinhalb Jahren versuche ich, allen Gehör zu schenken, die Ansichten aller Mitglieder des EZB-Rats zu respektieren und, soweit möglich, Informationen mit ihnen auszutauschen." Das werde sie auch weiterhin tun – wobei es auch hinsichtlich weiterer Zinssenkungen unterschiedliche Ansichten geben wird. Denn viele Finanzmarktakteure glauben trotz der jüngsten Rückschläge bei der Inflation an weitere Schritte nach unten im September und Dezember. Für ungewohnt emotionale Sitzungen im EZB-Rat dürfte also auch künftig gesorgt sein. (Alexander Hahn, 11.6.2024)