Eigentlich wäre die Sache klar: In Wiener Altbauten sind die Mieten gedeckelt. In Wohnhäusern, die vor 1945 baubewilligt wurden, liegt diese Richtwertmiete aktuell bei 6,67 Euro pro Quadratmeter. Doch in vielen Wohnungen ist die Sache viel komplizierter – und vor allem teurer. Nicht nur weil zu dieser Richtwertmiete noch diverse Zuschläge – etwa für einen Aufzug oder ein Kellerabteil – dazukommen. Sondern auch weil in besonders guter Lage unter Umständen noch ein Lagezuschlag die Miete in die Höhe treiben könnte. Und eine genaue Aufschlüsselung der Miete, die verlangt wird, fehlt oft.

Die Mieten sind in den letzten Jahren gestiegen – auch im Altbau.
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Viele Vermieterinnen und Vermieter nehmen es auch nicht so genau und verlangen deutlich mehr als erlaubt. Dahinter liege mitunter auch Kalkül, hieß es am Dienstag bei einer Pressekonferenz von Miet-Bremse.at. Der Prozessfinanzierer hat beim Markt- und Meinungsforschungsinstitut Triple M eine Onlinebefragung dazu in Auftrag gegeben.

Daraus geht hervor: Bei 64 Prozent der Befragten wurde eine erhöhte Miete festgestellt, im Schnitt wurden 245 Euro pro Monat zu viel bezahlt. Umgelegt auf den Wiener Gesamtmarkt würde das bedeuten, dass in Wiener Altbauten pro Jahr 300 Millionen Euro an Miete zu viel bezahlt werden, rechnete Armin Gfrerer von Miet-Bremse.at vor.

Befristet ist teuer

Besonders häufig wird laut der Befragung bei befristeten Mietverträgen zu viel verlangt. Dort müsste laut Gesetz eigentlich ein Befristungsabschlag von 25 Prozent zur Anwendung kommen. Bei 84 Prozent der betroffenen Mieter wurde allerdings zu viel verlangt, im Schnitt um 329 Euro pro Monat.

Angesichts der für viele in den letzten Jahren stark gestiegenen Miete wird es für manche langsam eng: 31 Prozent gaben an, dass sie durch die Wohnkosten "sehr belastet" sind und auf andere Dinge verzichten müssen, um sich das Wohnen noch leisten zu können. Besonders groß ist das Thema in den westlichen Bezirken, besonders häufig sind 30- bis 49-Jährige betroffen. Das liege daran, dass in dieser Altersgruppe viele Menschen Kinder hätten und daher auf größere und daher teurere Wohnungen angewiesen seien, berichtete Christina Matzka vom Meinungsforschungsinstitut Triple M.

Präsentiert wurde am Dienstag auch eine "Karte des Mietwuchers", die auf rund 2000 anonymisierten firmeneigenen Falldaten des Prozessfinanzierers basiert und verdeutliche, "dass die klassischen Gründerzeit-Zinskasernen außerhalb des Gürtels wieder im Mittelpunkt des Mietwuchers stehen", sagte Stefan Schleicher von Miet-Bremse.at.

Die Wiener "Karte des Mietwuchers" von Jufina. Rot bedeutet: Hier ist die Überschreitung der gesetzlich zulässigen Miete besonders hoch.
Jufina

Die gute Nachricht: Wer zu viel Miete bezahlt, kann sich diese zurückholen, indem man vor die Schlichtungsstelle – oder das zuständige Bezirksgericht – zieht. Das kann sich durchaus auszahlen: Immer wieder müssen Vermieterinnen und Vermieter 10.000 Euro und mehr zurücküberweisen. Daraus hat sich auch ein lukratives Geschäftsfeld für Prozessfinanzierer wie eben Miet-Bremse.at entwickelt, die die Arbeit mitunter für Mieterinnen und Mieter übernehmen – und sich am Ende ein teils recht üppiges Erfolgshonorar abzwacken.

Neues Mietrecht

Die Mieten treibt laut dem Prozessfinanzierer auch der Lagezuschlag. Zur Erklärung: Ein solcher darf in überdurchschnittlich guter Wohnlage verlangt werden, nicht aber in jenen Gegenden der Stadt, die als Gründerzeitviertel deklariert sind. Weil der Lagezuschlag auf den Grundstückspreisen basiert, die in den letzten Jahren stark gestiegen sind, sind auch die Lagezuschläge stark gestiegen.

Damit liege der rechtlich zulässige Hauptmietzins innerhalb des Gürtels mittlerweile deutlich über dem Marktniveau im Neubau, "hier deckelt das Mietrecht also gar nicht mehr", sagte Schleicher. Mittlerweile sei eine regelrechte "Lagezuschlagslotterie" entstanden, die selbst für Fachleute undurchschaubar sei, es brauche daher eine Reform des Mietrechts.

Langer Atem

Es kann sich für Mieterinnen und Mieter durchaus auszahlen, die Miete überprüfen zu lassen – das kann man entweder selbst in die Hand nehmen, oder man kann sich an Mieterschutzorganisationen oder Prozessfinanzierer wenden. Auch die Arbeiterkammer überprüft für Mitglieder seit einigen Monaten kostenlos die Miete und übernimmt das Prozessrisiko, das durch Gutachter, die zum Einsatz kommen, in die Höhe schnellt.

Auf das schnelle Geld sollte man aber nicht hoffen: Mitunter ziehen sich diese Fälle über mehrere Jahre und Instanzen. Es braucht also einen langen Atem im Wiener Altbau. (Franziska Zoidl, 11.6.2024)