Pianistin Yuja Wang hat eine Vorliebe für glitzernde Kleider, am Klavier strahlt sie aber mit ihrer Virtuosität und ihrem emotionalen Spiel.
Konzerthaus Wien © Julia Wesely

Wien – Seit eineinhalb Jahrzehnten stöckelt Yuja Wang nun schon über die Konzertpodien dieser Welt, glitzernd wie eine Discokugel, strahlkräftig wie ein Komet. Auch Wien beehrt die 37-Jährige gern. Die CD ihres Auftritts 2022 im Konzerthaus – The Vienna Recital – wurde gerade veröffentlicht. Im gediegenen Ambiente des Musikvereins weckte Wangs kurzes, Campari-rotes Fransenkleid am Montagabend Assoziationen an Sonnenschirme von Copa-Cagrana-Locations; die perkussive Wucht ihres Spiels wiederum erinnerte an Martha Argerich.

Zum Start des – kurzfristig geänderten – Programms Samuel Barbers Klaviersonate: geschmeidig gleich zu Beginn die Überleitung von der eckigen Ruppigkeit des Hauptthemas zur glutvollen Lyrik des zweiten Themas. Hochpräzise und doch licht und charmant der Scherzo-Satz, jumbojetweit die emotionale Spannweite des Adagio mesto, die Fuge mit jazzigem Groove. Ausgewählte Fugen (und Präludien) gab es danach auch von Dmitrij Schostakowitsch (aus Opus 34 und Opus 87).

Zugaben gegen Hustkulissen

Atemberaubende, funkensprühende Virtuosität: Sie war hier immer Dienerin des Feingefühls. Wie auch bei Chopins Balladen. Wang ignorierte pfeifende Hörgeräte, losscheppernde Handywecker und Hustkulissen wie sonst nur im November und interpretierte die Nummern zwei, drei, eins und vier von Chopins klingenden Erzählungen mit Dezenz, klugen Zurücknahmen, wohldosierten Steigerungen und intensiven Höhepunkten.

Da hätte der notorische Emotionsextremist Lang Lang einiges von seiner Landsfrau lernen können. Zehn (!) Zugaben, der Hit die achte: ein Arrangement des dritten Satzes von Tschaikowskys Pathétique. Kontrollierte, seligmachende Raserei. Auf das ursprünglich angekündigte Opus 111 von Beethoven, die letzte seiner 32 Klaviersonaten, wäre man aber trotzdem noch gespannt. Vielleicht spielt Wang das Götterwerk ja noch, in den nächsten Jahren, hier in Wien. (Stefan Ender, 11.6.2024)