In Lisandro Alonsos "Eureka" ist der Großvater die letzte Hoffnung. Nur er weiß, wie man das Elend hinter sich lässt.
Viennale

Eine herabgewirtschaftete Westernstadt, ein wahres Sodom und Gomorrha. Oder stammt die Szenerie etwa aus dem Western-Computerspiel Red Dead Redemption? Jedenfalls zeigt der argentinische Regisseur Lisandro Alonso im ersten Teil seines Episodenfilms Eureka eine ganze Reihe heruntergekommener Typen. Der Colt sitzt locker, die Flasche Schnaps stets griffbereit. Sie amüsieren sich mit Prostituierten, die wirken, als kämen sie aus einem der vielen indigenen Stämme in der Grenzregion zu Mexiko.

Eine Nonne verhält sich nicht keusch, und eine eiskalte Revolverlady mit französischem Akzent (gespielt von Chiara Mastroianni) stiftet einen einsamen Wolf (Viggo Mortensen), der auf der Suche nach seiner Tochter ist, zum Morden an. Im entscheidenden Moment entfernt sich die Kamera dann plötzlich von Mortensens Cowboygesicht und öffnet sich in das Wohnzimmer der Polizistin Alaina, in dem der Schwarz-Weiß-Western auf dem Fernseher flimmert.

EUREKA (Lisandro Alonso, 2023) Trailer OmdU
Filmgarten

Alaina bricht gerade zu ihrer Nachtschicht auf. Es ist kalt, sie lebt in einem Reservat im hohen Norden und klaubt Nacht für Nacht das Elend ihrer Mitmenschen zusammen: Drogen, Alkohol, Teenagermütter, Gewalt. Ein Lichtblick ist die Basketballtrainerin Sadie, die aber selbst nach einem Ausweg sucht. Sie findet ihn in einem Zaubertrank und versetzt sich in Gestalt eines Vogels in einen brasilianischen Regenwald aus einer anderen Zeit, wo Alonso sein beeindruckendes filmisches Triptychon indigener Lebensweisen beendet.

Verschleppt und umerzogen

Zugegeben: Alonso bedient (bewusst) Klischees: Elend, Magie, Ursprünglichkeit. Ebendas möchte die Miniserie Little Bird, die noch bis August in der Arte Mediathek abrufbar ist, partout vermeiden. Sie widmet sich in sechs Folgen mit viel Herz und Engagement dem Schicksal jener tausender indigener Kinder, die zwischen 1960 bis in die 1980er-Jahre ihren Familien entrissen wurden, um umerzogen zu werden.

Bezhig (Darla Contois) wurde 1968 als Kleinkind von einer jüdischen Familie aufgenommen. Unter dem Namen Esther hat sie das Judentum aufgesogen und ist nun verlobt mit David, einem Kindheitsfreund. Rassistische Äußerungen während des Verlobungsfests führen dann dazu, dass Esther ihrer Vergangenheit nachspürt. Sie lebte einst in einem Reservat nahe Regina, etliche Tausend Kilometer von Montreal entfernt. Und dort wurde sie gemeinsam mit zweien ihrer Geschwister vom Sozialamt eingesackt. Die fadenscheinige Begründung: Die Mutter kümmere sich nicht um sie.

Little Bird | Official Trailer
Crave

Die Serie übernimmt die Anwaltschaft von Bezhig, der angehenden Anwältin, und ihrer Familie, der Rechtsschutz grotesk verwehrt wurde. Das Leben im Reservat war ärmlich, aber liebevoll. Die Gewalt ging eindeutig von Vater und Mutter Staat aus, nicht von den leiblichen Eltern. Little Bird begibt sich mit Bezhig auf die Suche nach den eigenen Wurzeln und auf die Spuren eines Verbrechens, das ganz Kanada bis heute erschüttert. Ein spannender Einblick in ein hierzulande wenig bekanntes Geschichtskapitel. (Valerie Dirk, 12.6.2024)