Schülerinnen und Schüler an Einzeltischen sitzend, eine Prüfung ablegend.
In der Pandemie wurden Erleichterungen eingeführt, die noch immer nicht zurückgenommen wurden.
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Bis zum vorigen Jahr hatte man den Eindruck, das Bildungsministerium wäre vor allem mit der Analyse von Problemen beschäftigt. Die klassische Antwort auf eine Frage: Wir werden uns die Sache anschauen. Im heurigen Jahr jedoch scheint der Wechsel vom Anschauungs- in den Umsetzungsmodus vollzogen worden zu sein. So war plötzlich eine Änderung im Lehramtsstudium möglich. Die Reduzierung der Studiendauer ist grundsätzlich sinnvoll und bedeutet die Übernahme einer Forderung von Lehrpersonen an der Front. Noch nicht gelungen ist aber die Erstellung einer Studienordnung mit den Inhalten, die tatsächlich im Unterricht gebraucht werden. Es bleibt zu hoffen, dass die Zeit bis zur Umsetzung genützt wird, um neue Fehlentscheidungen zu vermeiden.

Erstaunlich rasch hat der Ressortchef in Sachen vorwissenschaftliche Arbeit (VWA) reagiert. Diese Säule der Zentralmatura war von Anfang an eine Fehlkonstruktion. Sie basierte auf der damals bereits bestehenden "Fachbereichsarbeit", mit der die Maturakandidatinnen und -kandidaten einen Prüfungsgegenstand ersetzen konnten. Naturgemäß wurde diese Variante nur von einer Minderheit gewählt, da sie mit mehr Aufwand als mit der Absolvierung einer Prüfung verbunden war. Wenn man wollte, konnte man diese Möglichkeit als ein Element der Begabtenförderung sehen.

Streng und gerecht

Durch die verpflichtende Einführung einer VWA wurde aber gerade für sprachlich und auch in der Selbstorganisation weniger Begabte eine zusätzliche Hürde aufgebaut. Maturantinnen und Maturanten aus bildungsaffinem Elternhaus hatten einen offensichtlichen Vorteil, konnten sie doch auf entsprechende familiäre Unterstützung zählen. Diese Auswirkung musste jedem im schulischen Umfeld Tätigen bereits vor Einführung der VWA klar gewesen sein. Ein weiteres Phänomen hätte man bei lebensnaher Betrachtung ebenfalls vorhersehen können, nämlich die Entstehung einer Industrie von Ghostwritern. Diese konnten natürlich von finanziell besser gestellten Eltern viel leichter engagiert werden. Bemerkenswert, dass die VWA gerade von zwei sozialdemokratischen Ministerinnen vorangetrieben wurde, denen doch sonst die Förderung ärmerer Bevölkerungsschichten ein besonderes Anliegen war.

Wenn heute aufgrund des zunehmenden Einflusses der Künstlichen Intelligenz in diesem Bereich wieder eine Situation ähnlich der vor der Zentralmatura hergestellt wird, bedeutet das ein Stück mehr Gerechtigkeit. Der Wert der Matura muss jedoch erhalten bleiben. Daher sind Erleichterungen, die nur für die Sondersituation der Pandemie gedacht waren, wieder außer Kraft zu setzen. Dazu gehörten die Verlängerung der Prüfungszeit bei der schriftlichen und die Einschränkung des Themenpools bei der mündlichen Matura. Die Einbeziehung der Note der letzten Schulstufe wurde abgemildert, wird aber erhalten bleiben. Diese Maßnahme lässt sich jedoch nötigenfalls vertreten.

Kontrolle von außen

Noch nicht zurückgenommen wurde die Abschaffung eines externen Vorsitzenden der Reifeprüfungskommission – eigentlich nur eine Maßnahme im Zuge der Pandemie. Bis dahin war eine Art Kontrolle von außen immer eine Selbstverständlichkeit, selbst vor der Zentralmatura. Lehrervertreter hatten schon vor einiger Zeit die Wiederstellung des früheren Zustands eingemahnt, und im vorigen Jahr wurde im Bildungsministerium dieser Schritt bereits ernsthaft überlegt. Dann wurde es aber wieder still um diese Maßnahme. Wenn nun aber trotz allen hinhaltenden Widerstands – insbesondere des grünen Koalitionspartners – die verpflichtende VWA abgeschafft wird, so darf keinesfalls der Eindruck entstehen, die Matura würde (wieder einmal) leichter.

Die Wiedereinführung des externen Vorsitzenden wäre eine entscheidende Gegenmaßnahme. Im Idealfall käme diese Person aus derselben Schulart, das heißt AHS oder BHS, doch auch Direktorinnen und Direktoren und Lehrkräfte aus einer anderen Schulart, wie sie ja bereits in der Schulaufsicht tätig sind, wären ein Fortschritt. Es braucht ein deutliches Signal, dass die Matura nach wie vor ihren Wert hat. (Paul Mychalewicz, 12.6.2024)