Das kleine Städtchen Wettin in Sachsen-Anhalt blickt auf eine unruhige Geschichte zurück. Während des Dreißigjährigen Kriegs mehrfach von den Schweden geplündert, brannte es in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gleich zweimal fast vollständig nieder. Zum Glück entgingen ein paar wenige Gebäude den Verheerungen. Dazu zählt ein zentral gelegenes städtisches Gehöft in beklagenswertem Zustand, dem beinahe der Abriss drohte. Doch der Verein Altstadt Wettin e.V. rettete das historische Kleinod und kümmert sich seit 2021 um Sicherung und Wiederherstellung der originalen Bausubstanz.

Münzhort von Wettin
Der Münzhort mit 285 Silbermünzen wurde im Block geborgen und unter Laborbedingungen sorgfältig untersucht.
Foto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt/ Juraj Lipták

Welche Schätze das heruntergekommene Gebäude noch bereithält, zeigte sich bei einem zufälligen Fund im vergangenen Jahr: Im Rahmen von Bauarbeiten im Hof des Anwesens stießen Arbeiter auf einen umfangreichen Münzhort aus dem 17. Jahrhundert. Mittlerweile konnten die Geldstücke untersucht werden – das Ergebnis lässt auf einen reichen, weltgewandten Besitzer schließen, den man vielleicht sogar mit Namen kennt.

285 Silbermünzen

Im Juli 2023 sollte im Hof des Ackerbürgergehöfts in der Brauhausgasse ein Graben für eine neue Abwasserleitung angelegt werden. Im Torbereich des Hauses stieß man jedoch in etwa 50 Zentimeter Tiefe unvermutet auf eine große Ansammlung von Münzen. Die spätere Zählung ergab 285 grünlich verfärbte, zu einer festen Masse zusammengebackene Silbermünzen – ein Glücksfall sondergleichen für Numismatiker. Ein Gefäß konnte nicht entdeckt werden, doch die herbeigerufene Archäologin des Vereins, Claudia Beuger, tippt aufgrund der kompakten Fundsituation auf ein organisches Behältnis, einen Beutel zum Beispiel, der längst verrottet ist.

Gebäude in der Braushausgasse von Wettin
Das Gebäude in der Brauhausgasse von Wettin wurde als bürgerliches Ackergehöft genutzt. Zwischen 1681 und 1720 befand sich in dem Haus die wohl älteste Apotheke der Stadt. Spuren dieser Nutzung sind bis heute zu finden, etwa in Form einer barocken Stuckdecke des 18. Jahrhunderts und eines Apothekergewölbes.
Foto: Altstadt Wettin e.V./Frank Dobberstein

Die Münzen wurde fachgerecht im Block geborgen und in der Restaurierungswerkstatt des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt unter Laborbedingungen sorgfältig voneinander gelöst. Die Fachleute haben die Geldstücke dabei in Schichten freipräpariert, gereinigt, restauratorisch behandelt und schließlich dokumentiert. Nun konnten die Forschenden das Ergebnis der Untersuchungen präsentieren – und es verrät viel über die einstigen Bewohner des Ackerbürgergehöfts.

Alter Bau mit prächtiger Fassade

Das langestreckte zweistöckige Gebäude zählt zu den ältesten erhaltenen Profanbauten Wettins und besitzt zur Straße hin eine repräsentative Fassade. Das Haus wurde in der zweiten Hälfte des 16. oder im beginnenden 17. Jahrhundert errichtet, wahrscheinlich von wohlsituierten Angehörigen der Wettiner Bürgerschaft. Darauf weist nicht zuletzt das Sitznischenportal hin, das um 1550 entstanden sein dürfte und vielleicht ursprünglich zu einem anderen Haus gehört hatte.

Sitznischenportal des bürgerlichen Ackergehöfts in Wettin
Unter anderem dieses stark verwitterte Sitznischenportal aus der Zeit um 1550 weist auf die einstige Pracht des bürgerlichen Ackergehöfts in Wettin hin.
Foto: Altstadt Wettin e. V.

Der riesige Münzfund untermauert dies und zeigt, dass der einstige Besitzer der Münzen ein vermögender, einflussreicher Mann war, der offenbar Handelskontakte in alle Welt pflegte. Mit mehr als der Hälfte machten großformatige Silbermünzen, Taler und äquivalente ausländische Münzen den Hauptteil des Hortes aus. Der Rest setzt sich aus Talerteilstücken und Groschen zusammen. Die älteste Münze des Fundes wurde 1499 geprägt, die jüngste stammt aus dem Jahr 1652. Daraus schlossen die Forschenden, dass der Schatz wahrscheinlich in den späteren 1650er-Jahren versteckt wurde. In ihrer Gesamtheit stellten die Münzen damals wohl einen beträchtlichen Wert dar, wenn sich auch ihre genaue Kaufkraft schwer beziffern lässt.

Alltagskleingeld und große Taler

Die meisten der Münzen wurden in der sächsischen Heimat geprägt. Dazu zählten viele wertvolle Taler, aber auch sogenannte Schreckenberger Groschenmünzen, die vor allem auf dem regionalen Markt eingesetzt wurden. Auf einen regen Austausch insbesondere mit Partnern in weiter Ferne lassen die vielen Handelsmünzen schließen, darunter etwa die in den spanischen Niederlanden geprägten Albertustaler, die die zweitgrößte Münzgruppe bilden. Dazu kommen noch Prägungen der deutschen Kaiser, des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg, des Erzherzogtums Österreich, aus den Niederlanden sowie den Städten Augsburg, Basel, Schaffhausen, Hamburg, St. Gallen, Nürnberg, Lübeck, Konstanz, Goslar, Frankfurt und Metz.

Wettin: Detailaufnahme des Silbermünzenschatzes
Detailaufnahme des Silbermünzenschatzes kurz nach der Bergung.
Foto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt/ Juraj Lipták

Ein italienischer Scudo des Odoardo Farnese aus dem Jahr 1630, der von 1622 bis zu seinem Tod 1646 das Herzogtum Parma und Piacenza regierte, demonstriert Wirtschaftsverbindungen in andere Länder. In der Toskana wurden solche Großsilbermünzen besonders für den Levantehandel eingesetzt. Auch die jüngste Münze im Fund, sie stammt aus Brügge und wurde 1652 geprägt, ist ein Albertustaler. Erstmals 1612 vom Regenten der Spanischen Niederlande Erzherzog Albert VII. von Österreich (1559 bis 1621) und dessen Gemahlin Isabella Clara Eugenia von Spanien (1566 bis 1633) herausgegeben, entwickelten sich diese Münzen zu den Haupthandelsmünzen im Ostseeraum im 17. Jahrhundert.

Reicher Händler und Bürgermeister

Insbesondere die Schlussmünze und einige der begleitenden Fundumstände weisen darauf hin, dass der Schatz wohl kurz nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) vergraben wurde. Aber von wem? Die Albertustaler und die große Zahl von Münzen aus unterschiedlichen Ländern lassen auf einen Kaufmann schließen. Angesichts der langen Akkumulationsphase von 150 Jahren war er wahrscheinlich der Spross einer Händlerfamilie, die auch im Fernhandel tätig war.

Italienischer Tallero aus Wettin
Ein italienischer Scudo aus dem Münzhort von Wettin. In der Toskana wurden solche Großsilbermünzen als Tallero bezeichnet. Diesen hier hat der Großherzog der Toskana Cosimo II. de' Medici (Regierungszeit 1609 bis 1621) im Jahr 1620 prägen lassen.
Foto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt/ Anika Tauschensky

Und tatsächlich: Zu jener Zeit, in der die Münzen vermutlich versteckt wurden, lebte in dem Haus laut den erhaltenen Verzeichnissen ein gewisser Johann Dondorf. Der Mann zählte zu den reichsten Bürgern Wettins und schaffte es Ende der 1660er-Jahre sogar bis zum Bürgermeister der Stadt. Sein Einkommen erwirtschaftete er neben dem Handel hauptsächlich mit Landwirtschaft, etwas Weinanbau und Braurechten.

Über seine Vermögensverhältnisse weiß man deshalb so gut Bescheid, weil eine gerichtliche Aufstellung seines Besitzes erhalten ist, die nach seinem Tod 1675 angelegt wurde. Demnach bestand allein sein monetärer Nachlass aus 2500 Talern, davon 1000 Taler "[…] an 500 Stück Ducaten in einem langen ledern Beutel". Dass sich der Münzschatz einst im Besitz dieses bedeutenden Wettiner Bürgers befand, wäre nach Ansicht der Forschenden also durchaus plausibel. (tberg, red, 11.6.2024)