Im Speisesaal der HTL und HAK Ungargasse steht am Montagmorgen Flecktarn auf dem Menü.
Regine Hendrich

Damals, so mit 17, hätte man das vielleicht nicht unbedingt gebraucht. Kurz nach acht, ein paar Minuten vor Beginn der ersten Schulstunde. Viele hetzen noch zum Unterricht, per Fahrrad oder zu Fuß von der S-Bahn-Station. Verschwitzt und unausgeschlafen betritt man die Aula, will eigentlich nur möglichst unbemerkt in den Klassenraum huschen – und hat plötzlich Mikrofone und TV-Kameras auf sein Gesicht gerichtet. Schon klar, die sind nicht für einen selbst gekommen – sondern wegen der Dame und des Herrn, die gerade mit ihren schwarzen Dienstlimousinen vorgefahren sind. Aber auch ein Kollateralschaden ist ein Schaden.

Im Tarnfleck in den Speisesaal

Der Grund für das ungewohnte Medieninteresse im HTL-HAK-Schulzentrum in der Ungargasse: Verteidigungsministerin Klaudia Tanner und Bildungsminister Martin Polaschek (beide ÖVP) sind an diesem Montagmorgen zu Gast im großen Schulkomplex in Wien-Landstraße. Und mitgebracht haben sie ein paar Männer und Frauen in Flecktarn.

Denn vor knapp einem Jahr verkündeten Bildungsminister und Heeresministerin ihre neue Schuloffensive: Die Grundsätze der Umfassenden Landesverteidigung, die in der Bundesverfassung festgehalten sind, sollen stärker in der Schulbildung verankert werden. Das soll etwa mit zusätzlichem Lehrstoff im Fach politische Bildung passieren. Oder mit Veranstaltungen wie der heutigen. Wie sieht das also in der Praxis aus?

"Gerade seit Beginn des Angriffskriegs in der Ukraine ist die Landesverteidigung wieder sehr ins Zentrum gerückt", doziert der Bildungsminister vor rund 150 Schülerinnen und Schülern, die meisten zwischen 16 und 18, im großen Speisesaal der Schule. "Und neben der militärischen, wirtschaftlichen und zivilen gehört auch die geistige zur Umfassenden Landesverteidigung." Sicherheit, Freiheit und das Leben in einer Demokratie seien es wert, das Land im Ernstfall auch mit der Waffe zu verteidigen, sagt danach die Verteidigungsministerin. "Sicherheit ist nicht alles, aber ohne Sicherheit ist alles nichts."

"Die Haare dürfen lang bleiben"

Es mag an der frühen Tageszeit liegen oder am zahlreich erschienenen Lehrpersonal, das den Schülerinnen und Schülern direkt im Rücken sitzt, aber: Sie lauschen den Worten der Ressortchefs erstaunlich aufmerksam, vielleicht mit etwas Sesselwetzen, aber praktisch ohne Schwätz-Versuche. Nach den immer wieder eingespielten Videos des Heers wird sogar pflichtbewusst geklatscht.

Wenig Sesselwetzen in der ersten Schulstunde: Die Schülerinnen und Schüler lauschen aufmerksam.
Regine Hendrich

Aber die beiden Minister, so ehrlich muss man sein, sind vor allem wegen der Fotos und der Fernsehbilder hier. Die eigentliche Arbeit an diesem Montagmorgen übernimmt der "Informationsoffizier", wie das im Militärsprech heißt. Oberst Horst Dauerböck ist im Verteidigungsministerium für interne Kommunikation zuständig. Heute aber auch für externe: Er soll den Schülerinnen und Schülern im Stellungsalter vermitteln, was man beim Heer eigentlich so tut.

"Herzlich willkommen auch alle Damen, alle Mädels", sagt der großgewachsene Soldat in Uniform. Denn: Auch die können seit etwas mehr als einem Jahr den freiwilligen Grundwehrdienst absolvieren. "Die Haare dürfen bei uns natürlich lang bleiben", klärt danach eine junge Frau in einem der Armee-Werbevideos auf.

Wer wäscht die Uniform?

Mittels Powerpoint-Folie referiert Oberst Dauerböck kurz über die verfassungsgemäßen Aufgaben des Bundesheers laut Wehrgesetz: militärische Landesverteidigung; Schutz verfassungsmäßiger Einrichtungen; Ordnung und Sicherheit im Inneren; Katastrophenhilfe; Auslandseinsätze. Zum Schluss des knapp halbstündigen Vortrags lädt er noch zur Flugshow Airpower im September und zur Bundesheer-Leistungsschau am Nationalfeiertag ein.

Auf der Leinwand laufen immer wieder Bundesheer-Videos mit E-Gitarrenmusik.
Regine Hendrich

Die anschließenden Fragen aus dem Publikum sind für Teenagerverhältnisse unrotzig. Was man denn tun könnte, um den Wehrdienst noch attraktiver zu gestalten, fragt ein Schüler; wie der Tagesablauf im Grundwehrdienst aussehe, eine Schülerin; ob man seine Uniform selbst waschen müsse, eine andere.

"Militarisierung der Klassenzimmer"

"Was macht die Miliz?", fragt dann ein Jugendlicher mit Haube. "Coole Frage", antwortet die ebenfalls anwesende uniformierte Milizsoldatin im Publikum – und erklärt es. Ein weiterer Schüler will wissen, was das Jagdkommando genau macht und wie beim Bundesheer die Pilotenausbildung funktioniert. "Von den Aufnahmekriterien her ist das durchaus eine Challenge", sagt der Informationsoffizier. "Wenn du willst, erzähl ich dir das nachher in der Pause noch genauer."

Nach einer guten Stunde ist die Veranstaltung auch schon wieder vorbei. Nachteil: Was genau diese "Umfassende Landesverteidigung" jetzt also ist, wissen nach der analogen Armee-Belangsendung wohl auch nicht mehr junge Menschen als zuvor. Vorteil: Vor einer "Militarisierung der Klassenzimmer", vor der manche im Zusammenhang mit Tanners Schuloffensive lauthals gewarnt hatten, braucht sich offenkundig wirklich niemand fürchten. (Martin Tschiderer, 12.6.2024)