FPÖ-Spitzenkandidat Harald Vilimsky am Wahlabend
FPÖ-Spitzenkandidat Harald Vilimsky am Wahlabend.
REUTERS/Elisabeth Mandl

Wien – Bei vielen Wahlen sind es die Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten, die sich in ihrer Partei "Vorzugsstimmenkaiser" nennen dürfen. Selten erhalten Politikerinnen und Politiker auf den hinteren Listenplätzen mehr Vorzugsstimmen als die Erstgereihten. So war es, wie sich Mittwochabend zeigte, als sich bei der Auszählung die Nebel lichteten, zunächst auch bei der EU-Wahl: FPÖ-Spitzenkandidat Harald Vilimsky erhielt auf Bundesebene die meisten Vorzugsstimmen. 83.576-mal schrieben Wählerinnen und Wähler seinen Namen in die Zeile der FPÖ auf den Stimmzettel. Anders allerdings sieht es bei Platz zwei aus. Dort findet sich der grüne Listenzweite Thomas Waitz, der über 75.018 Stimmen erhielt, vor der eigentlichen Spitzenkandidatin Lena Schilling. Sie kam "nur" auf rund 45.732 Vorzugsstimmen.

Waitz wurde bereits im Vorfeld als Delegationsleiter der Grünen gehandelt. Durch das Vorzugsstimmenergebnis wurde Waitz nochmals bestärkt und übernimmt offiziell den Posten. Bei den anderen Parteien folgen dann bundesweit wieder die Listenersten, wobei Andreas Schieder (61.013) trotz Platz drei für die SPÖ mehr als ÖVP-Spitzenkandidat Reinhold Lopatka (58.013) holte. Neos-Kandidat Helmut Brandstätter räumte 49.444 Stimmen ab.

Angelika Winzig steht bei einer Pressekonferenz vor Mikrofonen.
Die ÖVP-Politikerin Angelika Winzig erhielt in Oberösterreich die meisten Vorzugsstimmen.
IMAGO / Harald Dostal

In den Ländern konnten in puncto Vorzugsstimmen vor allem ÖVP-Politikerinnen und -Politiker reüssieren, was zum Teil auch am Wahlkampf der Türkisen lag. Auf den Plakaten in den Ländern fehlte auf einigen Sujets Lopatka, stattdessen wurden regionale Kandidatinnen und Kandidaten abgebildet. So auch in Oberösterreich, wo Angelika Winzig von den Wahlplakaten lachte – mit dem Spruch "Mehr Oberösterreich in Europa". Winzig, die seit 2019 im EU-Parlament sitzt und dort noch ÖVP-Delegationsleiterin ist, konnte 35.000 Vorzugsstimmen in ihrem Bundesland sammeln (bundesweit Rang acht mit mehr als 38.000 Stimmen) und somit mehr als Spitzenkandidat Lopatka. Weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz landete in Oberösterreich Vilimsky mit 15.600 Stimmen.

Regionalität als Wahlkampftaktik

Die Taktik der Türkisen, den Wahlkampf in den Ländern auf Lokalmatadore zuzuspitzen, kommt nicht von irgendwo. Wählerinnen und Wähler haben erwiesenermaßen mehr Bezug zu Kandidatinnen und Kandidaten, die aus dem eigenen Bundesland oder aus dem eigenen Bezirk stammen. Je niedriger die politische Ebene, desto größer ist das Vertrauen in Politikerinnen und Politiker.

Die Vorzugsstimmen bei der EU-Wahl 2024
DER STANDARD

Selbige Taktik nutzte auch die Tiroler ÖVP. "Deine Stimme für Tirol" stand auf den Wahlplakaten im westlichen Bundesland, die in der Farbe der Landespartei gehalten waren: in Rot. Profitieren konnte davon die 30-jährige Sophia Kircher, die in Tirol als Spitzenkandidatin auf der Landesliste stand und mit 21.700 Vorzugsstimmen im Bundesland das beste Ergebnis erzielte, bundesweit erreichte sie mit 23.411 Stimmen Rang neun). Im Vergleich: Lopatka erhielt in Tirol nur 3500 Stimmen. Zweiter hinter Kircher wurde Vilimsky mit 7100 Vorzugsstimmen. Kircher stand auf Listenplatz vier und ist für die Volkspartei in Tirol eine Nachwuchshoffnung. Sie ist nicht nur Obfrau der Jungen ÖVP im Bundesland, seit 2021 ist sie auch Vizepräsident des Tiroler Landtags.

Der EU-Abgeordnete und Listenzweite Thomas Waitz (Grüne) erhielt in Wien die meisten Vorzugsstimmen und landete insgesamt auf dem zweiten Platz.
APA/GEORG HOCHMUTH

Vilimsky in drei Bundesländern auf erstem Platz

Der FPÖ-Spitzenkandidat Harald Vilimsky erhielt hingegen in Vorarlberg, Salzburg und Kärnten die meisten Vorzugsstimmen. Im Ländle war es besonders knapp: Vilimsky erhielt rund 3300 Stimmen, der grüne Listenzweite Waitz rund 3000. Nach Vilimsky auf Platz zwei unter den Kandidaten liegt in Kärnten SPÖ-Spitzenkandidat Andreas Schieder mit 2900 Vorzugsstimmen. In Salzburg landete Vilimsky mit 4200 Vorzugsstimmen auf dem ersten Platz, auf Platz zwei ist Lopatka mit 3600 Vorzugsstimmen.

Regional punkten konnte der ÖVP-Politiker Alexander Bernhuber in Niederösterreich. Der 32-Jährige erhielt im flächenmäßig größten Bundesland mit rund 32.700 Vorzugsstimmen den meisten Zuspruch. Bernhuber sitzt seit fünf Jahren im EU-Parlament und ist Agrar- und Umweltsprecher der ÖVP-Delegation. Sozialisiert wurde Bernhuber im Bauernbund der ÖVP. Bundesweit erhielt er insgesamt 44.641 Stimmen, das ist Rang sieben.

Waitz mit meisten Vorzugsstimmen in Wien

In Wien konnte Waitz nicht nur Schilling überholen, sondern erhielt in der Bundeshauptstadt auch die meisten Vorzugsstimmen, nämlich 24.600. In der Steiermark kam Waitz zwar auf 11.000 Stimmen, Lopatka konnte dort mit 20.000 Vorzugsstimmen aber den ersten Platz belegen. Im Burgenland holte die auf Rang acht der ÖVP-Bundesliste befindliche, 27-jährige ÖVP Kandidatin Vanessa Tuder mit 6505 Stimmen vor Vilimsky die meisten Stimmen. Das entspricht deutlich mehr als der Hälfte aller für die ÖVP in dem Bundesland abgegebenen Vorzugsstimmen.

Platz zehn aller Vorzugsstimmen erhielt bundesweit die DNA-Frontfrau Maria Hubmer-Mogg. Ihr Name wurde 18.317-mal eingetragen.

Damit die Vorzugsstimmen auch tatsächlich eine Auswirkung auf die Mandatsverteilung haben, muss ein Kandidat laut der Europawahlordnung mindestens fünf Prozent der Parteistimmen erhalten. Bekommt ein Kandidat diese Menge an Vorzugsstimmen, wird er auf Platz eins gereiht. Überspringen die Vorzugsstimmen mehrerer Personen diese Hürde, richtet sich die Reihung nach der Anzahl der jeweiligen Vorzugsstimmen.

Das endgültige Ergebnis der Vorzugsstimmen wird die Bundeswahlbehörde in ihrer Sitzung am 26. Juni 2024 feststellen und veröffentlichen, hieß es in einer Mitteilung des Innenministeriums am Mittwoch. Es sei nicht auszuschließen, dass sich dabei noch Änderungen im Vergleich zu den mittels Sofortmeldungen übermittelten Zahlen ergeben.(Max Stepan, 12.6.2024)