The Line
Auch andere Tierarten können durch das ambitionierte Projekt gefährdet und ganze Populationen getrennt werden.
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Mit dem Projekt namens The Line entsteht in der Wüste Saudi-Arabiens eine Mega-Planstadt, die sich wie eine Linie durch die Wüste ziehen wird. Rund 170 Kilometer lang, aber nur 200 Meter breit und 500 Meter hoch, soll die Bandstadt auch ein Pionierprojekt der Nachhaltigkeit werden: Autos soll es dort nicht geben, jede wichtige Einrichtung – etwa Schulen oder Arztpraxen – soll binnen fünf Minuten zu Fuß erreichbar sein. Für weitere Strecken soll es unter anderem Flugtaxis mit Elektroantrieb und einen Hochgeschwindigketszug geben.

The Line soll energieautark sein, über nachhaltige Quellen wie Wind und Sonne. Und auch der Landverbrauch soll gering sein, indem auf 34 Quadratkilometern rund neun Millionen Menschen leben. Zum Vergleich: In London leben 8,9 Millionen Menschen auf 1600 Quadratkilometern. Zuletzt hat das saudische Königshaus seine Prognose für die Einwohnerzahl im Jahr 2030 allerdings stark zurückgeschraubt.

NEOM in Progress - May 2024
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Doch das Projekt erntet auch viel Kritik, nicht zuletzt in Bezug auf Nachhaltigkeit. So zitiert das deutsche Technologiefachmedium Golem.de in einem aktuellen Artikel mehrere Quellen, laut denen The Line negative Auswirkungen auf die Flora und Fauna haben könnte.

Eine Barriere für Vögel

Demnach erklärt die Fachzeitschrift Trends in Ecology & Evolution The Line zu einem von 15 globalen Naturschutzthemen, denen in diesem Jahr besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Der Grund ist der Fachzeitschrift zufolge, dass das Projekt nicht nur wegen seiner Größe, sondern auch wegen seiner spiegelnden Oberfläche und der Windturbinen auf dem Dach eine Gefahr für Tierwanderungen – allen voran für Zugvögel – darstelle.

Allein in den USA sterben jährlich zwischen 365 und 988 Millionen Vögel durch Kollisionen mit Gebäuden, heißt es: Größer sei diese Gefahr bei beleuchteten Fenstern und Strukturen mit weitläufigen Glasflächen – also genau jenes Konzept, das für The Line geplant ist. Laut dem Bericht von Golem.de erkennen Vögel und auch Fledermäuse spiegelnde Oberflächen nicht und könnten mit ihnen kollidieren. Möglich sei auch, dass Vögel die Spiegel fälschlicherweise für Wasser halten und beim Versuch, daraus zu trinken, gegen sie fliegen. Nachts besteht außerdem die Gefahr, dass die Vögel durch Lichter abgelenkt werden: Manche Arten kollidieren nachts auch mit beleuchteten Strukturen, zitiert Golem.de die Royal Society.

Wegen des Standorts sind jedoch nicht nur lokale Vogelarten betroffen, heißt es in Trends in Ecology & Evolution, sondern auch jene der über hundert Arten, die jedes Jahr im Herbst von Europa nach Afrika migrieren. Im Artikel von Golem.de werden Schätzungen zitiert, laut denen jährlich rund 2,1 Milliarden Vögel diese Route nehmen, darunter auch bedrohte Arten wie die Nachtigall, der Kiebitz, der Schmutzgeier und der Sakerfalke.

Komplexes Ökosystem

Wenig Bedrohung dürfte von der Temperatur der Spiegel ausgehen, auch wenn diese deutlich über jener der Umgebung liegen dürfte. Dennoch dürften auch andere Tierarten vom dem Projekt betroffen sein – denn auch wenn Wüsten karg und leblos erscheinen, handelt es sich hier um komplexe, fein ausbalancierte Ökosysteme. So leben in den Wüsten Arabiens etwa Antilopen, Wüstenfüchse oder Streifenhyänen sowie diverse Reptilien, verschiedene Echsenarten, Spinnen, Skorpione und Insekten.

Hier könnten ganze Populationen durch die 170 Kilometer lange Barriere getrennt werden. Und auch die Fauna könnte von dem Projekt beeinflusst werden, sind die Pflanzen doch auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen.

Auf der anderen Seite wird befürchtet, dass neue Spezies in die Region eingeschleppt werden, die dort teils keine natürlichen Feinde haben. Dazu zählen Pflanzen, deren Samen an Schuhen und Reifen haften sowie Schaben, Gelsen, Zecken, Spinnentiere oder später auch größere Nagetiere, die durch Transporte und Gepäckstücke eingeschleppt werden. Diese können nicht nur für die bestehende Flora und Fauna, sondern zum Beispiel auch für die Infrastruktur der Gebäude schädlich sein. (red, 13.6.2024)