Inselbewohnerin Miranda (Paula Luna) erhält ein kopflastiges Geschenk aus den Händen ihres Brautwerbers Ferdinand (Sylvain Levitte): Peter Brooks "Tempest Project" steckt voller sinnfälliger Details.
Marie Clauzade

Prosperos Eiland, der Schauplatz von Shakespeares rätselhaftem Alterswerk Der Sturm, ist das unscheinbarste Paradies der Welt. Es gleicht einem jener "leeren Räume", in denen Bühnenmagier Peter Brook (1925–2022) seine Fantasie – und die seiner Mitspieler – walten ließ.

Zwischen vier einfachen Holzbänken findet sich genügend Platz, um alle Angehörigen der Menschenfamilie aufzusammeln – und sie miteinander auszusöhnen. Man scheut sich, Tempest Project Brooks Schwanengesang zu nennen (Marie-Hélène Estienne hat den französischsprachigen Text mitverfasst). Aber noch ein letztes Mal, im Wiener Steinhof-Theater, wird besagter "leerer Raum" zum herrlich beseelten Niemandsland. Eine Heim- und Durchgangsstätte für alle, die von Mühsal beladen sind und blindes Misstrauen gegen ihre Mitmenschen hegen.

Brook – mit ihm (und nach ihm) sechs Schauspieler beiderlei Geschlechts – hebt den Bann auf: Wir sollen Frieden miteinander halten. Das einfache Umlegen eines Schals um das Haupt des Gegenübers kann bereits die seligste Läuterung bewirken. Es sind die einfachen, sinnfälligen Gesten, mit denen die Rachegeister am wirksamsten ausgetrieben werden. Das Schwungrad der Gewalt ist zersplissen. Die paar Holzfragmente auf der Bühne sind sechseckig geschliffen; mit wenigen Reisern werden Häupter sanft beladen, wie um das Halten des Gleichgewichts als Kopf-Mikado zu zelebrieren.

Kein zerspaltener Baum bleibt übrig auf der Insel; etwa jener, in dem die Hexe Sycorax einst Luftgeist Ariel (Marilù Marini) eingesperrt gehalten haben soll. Heute ist Ariel – er muss immerhin für Geisterherrscher Prospero "den Tau von den Bermudas auflesen" – eine reife, trotzdem mädchenhafte, stets gefällige Inseldienstleisterin. Das Anzetteln einer Revolte wider den Kolonialherrn traut man dieser Elfe nicht unbedingt zu.

Artistisch simpel

Wenn es angesichts von so viel Philanthropie ein Problem gibt, dann eben dieses. Die artistische Simplizität von Brook negiert, ihrer Tendenz nach, alle Widersprüche. Immerhin wurde Prospero (Ery Nzaramba) einst aus dem politischen Amt vertrieben: Mit der Tochter auf offener See ausgesetzt, wurde er als glücklich Gestrandeter zum Kolonisator wider Willen, zum Despoten über Sturmwind, Inselwetter und spottbillige Arbeitskräfte.

Noch jetzt scheint ihm der maulige Bubentrotz, mit dem ihm der "rohe" Inselbewohner Caliban (Sylvain Levitte) begegnet, keines Aufhebens wert. Die Rache, die der Weise gegen seine alten Widersacher übt, wird hier beiseite wegerzählt. Doch scheint über Schauspieler Nzaramba ein Gewölk von Traurigkeit zu schweben. Der glatte, harte Stab, den er mit unendlichem Geschick zu führen versteht, gleicht einer erstarrten Schlange. Es ist, als ob er das biblische Untier zu zähmen verstanden und nunmehr seine Aufgabe erfüllt hätte.

Unschuldige Werbung

Dieses Festwochen-Gastspiel enthält den Stoff, den kein Milo Rau sich träumen lässt. Es ist der Stoff der Versöhnung. Er zeigt – anhand der Liebeswerbung von Ferdinand um Miranda (Paula Luna) – die unschuldigste Brautwerbung, die am Theater seit langer Zeit zu sehen gewesen ist. Entspannt zu sein, bedarf es wenig. Ein paar Teppiche, ein paar betrunkene Matrosen, die unbedarft auf Prosperos Insel stolpern: Fertig ist das Weltgericht.

Und doch möchte man keinen einzigen Augenblick dieser 85-minütigen Abschiedszeremonie von Peter Brook missen. Das Hüpfen Calibans am Platz, als er für den Bruchteil einer Sekunde glaubt, dem Regime Prosperos entronnen zu sein. Der niedergeschlagene Blick, wenn der Inselkönig seiner Rache abschwört. Man möchte denken, alles könnte genauso einfach sein.

Tau von den Bermudas. Tau aus dem Théatre des Bouffes du Nord. (Ronald Pohl, 13.6.2024)