Early Birds Biker, Fahrradsport früh am Morgen, Fahrrad, Radtour, Steinitzsteg
Die Morgenfahrt der Early Birds ist mit knapp zwei Stunden und rund 40 (meist flachen) Kilometern für alle Levels geeignet.
© Christian Fischer

Ein Glück, dass Wien so weit im Osten liegt! Als der Wecker um 4.45 Uhr klingelt, fällt bereits Licht durch die Ritzen der Jalousien, und als ich eine Dreiviertelstunde später auf dem Rad sitze, ist der Tag in vollem Gange. Warum ich zu dieser frühen Stunde durch die leeren Straßen radle? Nun, der frühe Vogel fängt den Wurm. Oder, in diesem Fall: Der frühe Vogel schafft es, vor der Arbeit Sport zu machen.

Die Early Birds entstanden 2020, als sich ein paar Sportaffine (oder, wie sie selber sagen: "eine Handvoll Wahnsinniger“), zum morgendlichen Training zusammenschlossen. Aus der anfänglichen Whatsapp-Gruppe wurde rasch eine große Community mit derzeit mehreren Tausend Mitgliedern in vier Städten. Nicht nur in Wien, auch in Innsbruck, Salzburg und München trifft man sich zum Laufen, zum Kraft- und Ausdauertraining, zum Yoga oder Rennradfahren.

Ich habe mir (auch so ein Corona-Projekt) vor nicht allzu langer Zeit ein Rennrad gekauft. Der Verkäufer im Laden hatte mir von den Early Birds erzählt, und auch wenn ich privat eher Typ Lerche bin (spät ins Bett, spät aufstehen), mochte ich die Idee sofort: die Morgenstunden nutzen, wenn die Stadt noch leer ist, um dann – wach und beschwingt – in den Arbeitstag zu starten. Nebenbei nette Leute kennenlernen, was in der Großstadt paradoxerweise ja gar nicht so leicht ist.

Strampeln statt weiterschlafen

Dennoch: Hätte ich nicht versprochen, einen Erfahrungsbericht über meine Ausfahrt zu schreiben, ich hätte meinen Wecker vermutlich ausgemacht, mich umgedreht und weitergeschlafen. Hinzu kommt: Gruppensport fand ich schon immer ein wenig angsteinflößend. Kann ich mithalten? Behindere ich die Gruppe? Selbst in den Schwimmverein ging ich (eine Wasserratte) erst, nachdem mich meine beste Freundin mehrere Wochen lang ermuntert hatte. (Und dann drückte ich mich, wann immer es ging, vor dem Training.)

Ich bin also etwas aufgeregt, als ich durch die langsam erwachende Stadt radele. Ein paar Autos sind schon unterwegs, die Radwege aber gehören mir. Ein seltener, schöner Luxus. Die anfängliche Müdigkeit und die Sorge, dass ich deswegen vom Fahrrad falle, sind schnell verflogen. (Wer mit Rennrädern nicht vertraut ist: Meist fährt man mit Klickpedalen: Praktisch, weil man auch durchs Hochziehen der Beine Kraft übertragen kann. Gefährlich, wenn man es an der Ampel vergisst und wie ein Dominostein zur Seite kippt.)

Early Birds Biker, Fahrradsport früh am Morgen, Fahrrad, Radtour, Steinitzsteg
An die 40 Leute sind zum Radeln zur Donauinsel gekommen. Geradelt wird in zwei Gruppen.
© Christian Fischer

Ohne Unfälle und viel zu früh (die leeren Radwege!) komme ich am vereinbarten Treffpunkt auf der Donauinsel an. Zwölf Kilometer zeigt der Tacho bereits an. Und die Tour hat noch nicht einmal begonnen! Nach kurzer Zeit gesellt sich die erste Mitfahrerin zu mir. Auch Anna ist zum ersten Mal bei der morgendlichen Radtour dabei. "Ich müsste nicht so früh Sport machen", meint sie, die in Wien studiert. Aber auch sie mag den Gedanken, sich vor der Arbeit erst einmal zu bewegen und – relativ neu in der Stadt – mit Gleichgesinnten zu vernetzen.

Anna trägt keine dieser superprofessionellen, enganliegenden Rennradmonturen, was ich beruhigend finde. Denn auch wenn ich mich gerne auspowere und schnell fahre – mein sportlicher Ehrgeiz ist sehr begrenzt und meine "Trainingserfahrung" aufs Indoor-Cycling beschränkt. Und da man dort den Widerstand mittels Drehknopf selbst einstellt, kann man ziemlich leicht schummeln, wenn's mal zu anstrengend wird.

Freie Fahrt

An die 40 Leute sind an diesem Morgen zur Donauinsel gekommen. Manche fahren Triathlon, andere in einfachen Sportschuhen. Geradelt wird in zwei Gruppen. Ich schließe mich der zweiten, gmütlicheren an. "Ich bin eigentlich kein Morgentyp", meint Coach Simon lachend und erzählt, dass er manche Leute auch bei der elften gemeinsamen Radeltour noch mit "Hi, ich bin der Simon" begrüßt. Er zeigt auf die verstopften Straßen entlang der Donau. "Wenn ich das sehe, weiß ich, warum sich das frühe Aufstehen lohnt!" Freie Fahrt für Radler, während die Autos im Stau stehen. Ein schönes Gefühl.

Simon ist seit ein paar Jahren dabei. Anfangs als Mitfahrer, nun als Coach. Jede Early-Bird-Aktivität wird von solchen ehrenamtlichen Trainern angeleitet. Als Coach sorgt Simon dafür, dass sich alle wohlfühlen und keiner zurückbleibt. Er hat Müsliriegel und Extraschläuche dabei, sagt die Route an und hilft langsameren Radlern mit seinem Windschatten aus, damit sie zur Gruppe aufschließen können.

Early Birds Biker, Fahrradsport früh am Morgen, Fahrrad, Radtour, Steinitzsteg
Auf der Suche nach dem Windschatten des Vordermannes bzw. der Vorderfrau.
© Christian Fischer

Als bisherige Solo-Radlerin bin ich überrascht, welch großen Unterschied das Fahren im Windschatten macht. Voraussetzung: Man bleibt dicht beieinander, was anfangs ungewohnt ist. Geradelt wird meist in Zweierreihen, nur an engen Stellen fädeln wir uns wie ein Reißverschluss ein. Kommuniziert wird mit Handzeichen. Zwei in die Höhe gereckte Finger: Radeln in Zweierreihe! Ein Finger: Einfädeln! Linke bzw. rechte Hand hinter den Rücken: Achtung, seitliches Hindernis!

Mein Radl-Partner ist ebenfalls neu dabei. Mehr noch: Er hat sich sein Rennrad erst wenige Tage zuvor gekauft! "Ich mag Ausdauersport", sagt er. "Aber ich wollte nicht nur laufen." Dass er sofort mitradelt, wundert mich nicht mehr, als er erzählt, dass er Anfang des Jahres mit dem Laufen angefangen und schon im April beim Wiener Halbmarathon mitgemacht hat.

Ausläufer der Stadt

Die Morgenfahrt der Early Birds ist mit knapp zwei Stunden und rund 40 (meist flachen) Kilometern für alle Levels geeignet. Wir kreuzen die Donau und radeln nordwärts Richtung Bisamberg. Schnell verlassen wir die letzten Ausläufer der Stadt. Es riecht nach regennassen Wiesen und gedüngten Feldern. Die ersten Jogger sind unterwegs, Schulkinder auf dem Weg zum Unterricht, Herr- und Frauchen mit ihren Tieren.

Coach Simon kündigt den ersten (und einzigen) Anstieg an. Meine innere Stimme meldet sich: Kann ich mithalten? Doch alles halb so schlimm: Das Tempo ist sachte, der Anstieg kurz, und direkt danach wartet eine Pause am Straßenrand. "Zeit fürs Frühstück!", heißt es. Ein schneller Müsliriegel, dann geht es weiter ins nächste Dorf. Die Uhr am Kirchturm zeigt 7.30 Uhr. Der Tacho fast 30 Kilometer.

Es macht Spaß, in der Gruppe zu fahren. Jeder für sich und doch gemeinsam. Der Blick aufs vordere Trikot gerichtet, ohne ans Abbiegen oder die Uhr denken zu müssen. Die Coaches haben alles im Blick. Achten darauf, dass dieser Schwarm aus frühen Vögeln zusammenbleibt.

Und – auch das gehört zu ihren Aufgaben – sie kümmern sich um gestürzte Radfahrerinnen. Kurz vor dem Schluss, auf der Zielgerade am Donauufer, sorgt ein herausstehender Mistkübel für einen kleinen Gruppen-Crash. Simon ist sofort zur Stelle. Als klar ist, dass es allen gutgeht, folgt die zweitwichtigste Frage: "Wie geht's den Rädern?" Alle und alles haben den Sturz gut überstanden. Nach wenigen Minuten ist der Startpunkt erreicht.

Für viele geht es nun direkt zur Arbeit. "Manche haben ihr Gewand direkt in einer kleinen Satteltasche dabei", meint Simon. Andere gehen auf einen Kaffee und ein Croissant ins Stammcafé. Als ich zu Hause ankomme, zeigt der Tacho 52 Kilometer. Um kurz vor zehn sitze ich am Schreibtisch. Wach und beschwingt. Die Arbeit (das Verfassen dieses Textes) erledigt sich fast von allein. (Verena Carola Mayer, 17.6.2024)