In den kommenden Wochen dreht sich wieder alles um den Fußball. Fast alles: Denn spätestens ab dem zweiten Bier rückt die Wuchtel kurzfristig in den Hintergrund, und es geht um eine grundlegendere Frage: Wo bitte ist das nächste Klo?

In den meisten Städten gibt es zu wenige öffentliche Klos - besonders dann, wenn man auf barrierefreie und kostenlose WCs angewiesen ist.
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Kein Problem, wenn man ohnehin gerade gemütlich zu Hause im Wohnzimmer sitzt. In Lokalen, beim Public Viewing oder im öffentlichen Raum heißt es dann aber: Klo suchen und Schlange stehen in der Halbzeit. Je nach Dringlichkeit wird dabei erst genervt schnaubend auf die Uhr geschaut, dann nervös von einem Bein auf das andere gehopst und schließlich den anderen Wartenden ein hilfesuchender Blick zugeworfen. Die höchste Eskalationsstufe: verzweifeltes Rütteln an geschlossenen Klotüren, um herauszufinden, ob da denn auch wirklich jemand drinnen ist. Schneller geht es dadurch so gut wie nie.

Fanmeile mit Unisex-WCs

In den Public-Viewing-Locations des Landes ist man vorbereitet. Bei der Fanmeile auf dem Wiener Rathausplatz werden zusätzlich zu den drei bereits vorhandenen, ganzjährig geöffneten WC-Anlagen, deren Öffnungszeiten ausgeweitet werden, mobile Unisextoiletten aufgestellt. In der Fanzone im Prater setzt man auf Frauen- und Männertoiletten – und möchte gegebenenfalls noch ein Konzept entwickeln, um die Schlangen bei den Damentoiletten zu verkürzen.

Dass Frauen nämlich deutlich länger anstehen müssen als Männer, ist wissenschaftlich belegt. Laut einer belgischen Studie, für die man vor einigen Jahren das Schlangestehen vor Toiletten untersucht hat, warten Frauen bei der klassischen Klovariante im Schnitt mehr als sechs Minuten auf die nächste freie Kabine, während Männer innerhalb von Sekunden dran sind. Das liegt auch an falscher Planung: Männer- und Frauentoiletten wird in der Regel gleich viel Platz eingeräumt, um möglichst fair zu sein – nur stehen im Männerbereich dank platzsparender Urinale insgesamt mehr Optionen zur Verfügung, weshalb sich auch die Schlange schneller bewegt.

Für die Warterei vor den Damenklos gibt es laut den Fachleuten weitere Gründe. Frauen brauchen auch länger, weil sie die Klotür öffnen und schließen und die Klobrille reinigen oder einen Balanceakt über der Klobrille versuchen müssen, um nichts zu berühren. Auch das An- und Ausziehen der Kleidung kann dauern. Und böse Zungen könnten auch behaupten, dass es Männer mit dem Händewaschen nicht immer so genau nehmen. Die Conclusio der Studie: Am schnellsten ginge es in All-Gender-Toiletten mit zusätzlichen Urinalen für Männer. So würden Männer eine knappe Minute warten – und Frauen nur noch rekordverdächtige eineinhalb Minuten.

Zu wenige Klos

Dann gibt es aber noch ein Problem. Laut dem deutschen Klo:lektiv, einem Zusammenschluss von Wissenschafterinnen, die zu stillen Örtchen forschen, gibt es in den meisten Städten zu wenige öffentliche Toiletten – und die, die es gibt, seien teils nicht barrierefrei und häufig kostenpflichtig. Der Grund: In der Stadtplanung würden öffentliche Klos vielerorts nicht als prioritär angesehen. Und bei Stadtverwaltungen gebe es oft keinen Zuständigen, daher komme es zu Fehlplanungen: "Man braucht neben einem Spielplatz nicht fünf Urinale, sondern ein Kinderklo und Unisexurinale", erklären die Expertinnen.

Auch wenn man es, wenn’s einmal wirklich dringend ist, nicht glauben möchte: Im internationalen Vergleich steht Wien, was die Dichte an öffentlichen WCs angeht, gut da. 159 Anlagen verwaltet die MA 48, zusätzlich gibt es beispielsweise in U-Bahn-Stationen und Bahnhöfen weitere Anlagen. Der überwiegende Teil der WC-Anlagen in Wien ist laut Auskunft der MA 48 gratis.

In der App "Public Toilets Vienna" werden einem Klos im Umkreis angezeigt. 284 öffentlich zugängliche WC-Anlagen hat der Softwareentwickler David Pertiller in seine App eingespeist. Damit hat er einen Nerv getroffen. Denn es gibt nicht nur Menschen wie ihn, die am Tag zehn Kaffees trinken und zwei kleine Kinder haben und daher oft und schnell ein Klo finden müssen. Es gibt auch viele Menschen, die aus medizinischen Gründen oft und vor allem dringend eine Toilette brauchen und die das Fehlen von genügend Toiletten in ihrem Alltag stark einschränkt.

Pertillers Einschätzung zur Situation in Wien: Ganz okay, "aber es könnte immer besser sein", sagt er, denn es gebe in der Stadt auch "Black Spots" oder überraschend geschlossene beziehungsweise barrierefrei nicht zugängliche Anlagen.

Mehr Klos für Innsbruck

Eine Stadt, die es künftig besser machen will, ist Innsbruck. Dort wurde jüngst der Masterplan "Öffentliche Toiletten Innsbruck" präsentiert – es dürfte österreichweit der Erste seiner Art sein. Dafür hat der Stadtplaner Philipp Fromm bestehende Anlagen unter die Lupe genommen und Maßnahmen zur Verbesserung erarbeitet. Höchste Priorität haben laut Masterplan neue öffentliche WC-Anlagen in einigen Parks und an der Inn-Promenade.

Fromms Fazit: In der Stadtplanung spiele das menschliche Grundbedürfnis eine immer wichtigere Rolle, besonders in neuen Stadtgebieten würden Toiletten heute selbstverständlich mitgeplant.

Doch mit dem Vorhandensein eines WCs ist es oft nicht getan. Für manche Menschen sind öffentliche Toiletten Angsträume. Daher sei bei der Planung neuer Anlagen der direkte Zugang aus dem öffentlichen Raum in das WC wichtig, um von außen direkt abklären zu können, ob drinnen Ungemach wartet. "In einer Vorraumsituation entstehen bei manchen unangenehme Gefühle", sagt er. Wichtig sei auch, dass Toiletten an gut frequentierten Orten aufzufinden seien.

Wenn Toiletten sichtbarer sind, braucht es laut Fromm aber auch architektonische Qualität. Darum setzen Städte immer öfter auf einheitliche Architektur ihrer Häusln. Und in Japan planen gleich Stararchitekten das stille Örtchen.

Eine nette Toilette

Wer dringend muss, dem wird die Architektur herzlich egal sein. Was oft die einzige Alternative ist: in ein Lokal gehen und hoffen, dass man aufs Klo darf. In Innsbruck ist sogar festgeschrieben, dass Toiletten von Gastronomiebetrieben mit Gastgärten der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen müssen. In deutschen Städten gibt es die "nette Toilette", wo Händler und Gastronominnen ihre WCs gegen eine Aufwandsentschädigung der Stadt kostenlos zur Verfügung stellen. "Aber es können nicht alle Menschen in ein Lokal rein, oft sind sie auch nicht barrierefrei", kritisiert das Klo:lektiv. Und wenn es geschlossen hat, hat auch das Klo zu.

Dann geht die Suche nach einem stillen Örtchen wieder weiter. Aber die Halbzeit dauert ja. (Franziska Zoidl, 16.6.2024)