Mit seiner aufwendigen Bühnenshow trotzte Alice Cooper routiniert dem Regen.
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Wenn es am dritten Festivaltag zu regnen beginnt, zeigt sich die Zweiklassengesellschaft des Nova Rock. Es gibt nämlich saubere Komfort-Toiletten, die nur von Künstlerinnen und Künstlern oder denen benutzt werden dürfen, die fünf Euro zahlen. Genau das Richtige, nachdem man seinen Neun-Euro-Langos mit einem fast sieben Euro teuren Bier hinuntergespült hat.

Gegen Abend hin geht es auf der blauen Bühne mit den Grazern Granada, die eigenwillig steirisches Wienerisch singen, locker zu. Danach wird es ganz brav und deutsch. Mittlerweile sind die Sportfreunde Stiller Stammgäste am Nova Rock, auch der härteste Rocker muss am dritten Festivaltag einmal ganz weich dahinschmelzen. "Jetzt kommt ein Lied zum Schmusen", verkündet Sänger Peter Brugger, daraufhin trällert er die wunderschön-sinnlosesten Plattitüden. "Wie wäre ein Leben ohne Sinn? / Wie ein leeres Paket / Wie ein Rad, das sich nicht dreht / So als ob statt Sturm nur ein leichter Wind weht." Alles ist so freundlich und fröhlich, man muss dann einfach den Überhit Kompliment mitsingen. Außerdem sagen die Sportis, dass Österreich beim Fußball gut sein wird. Wenn man so will.

Auch Rocker haben eine sanfte Seite, das beweisen die Nova-Rock-Dauergäste Sportfreunde Stiller.
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"Let’s get that movin right fucking here", stellt Deryck Whibley, der Sänger von Sum 41, gleich zu Beginn klar. "Do we have any crazy motherfuckers here?", schreit er in die tobende Menge. Das ewig Junggebliebene kauft man ihnen ab. Echt jetzt. Dass Sum 41 nach dieser Tournee wirklich aufhören werden, kauft man ihnen eher weniger ab.

Fat Lip, Still Waiting und vor allem In too Deep katapultieren einen zurück in die 2000er, in eine Zeit, in der alles unbeschwert war, eine Zeit, in der Saltos vom Sprungturm, Kickflips auf dem Skateboard und diese eine Malcolm mittendrin-Episode, in der genau dieser Song vorkommt, das Wichtigste auf der Welt waren. Die erste Liebe damals. Das erste Mal ein gebrochenes Herz. Der Geschmack von salzigen Pommes im Freibad. Jugendlicher Übermut. Bier.

Liebe in Leggings

Um Liebe geht es dann auch bei Steel Panther. "My heart belongs to you / But my cock is community property", singen die Glam-Metaller in den hautengen, bunten Leggings. Death to All but Metal! Gegründet wurde Steel Panther erst 2000, obwohl sie auch heute noch in den 1980ern leben und diese auch lieben. Damals sei alles großartig gewesen. Das Koks, die Frauen. Die polyamoren Vordenker reiben sich gegenseitig an ihren Hintern. Irgendwas von einem Weltrekord erzählen sie, die meisten nackten Brüste auf der Bühne, dann reden sie über Koks, sehr viel über Koks, dann wieder über Brüste. Das ist peinlich und faszinierend zugleich. Motto: Für immer jung, egal wie alt.

Steel Panther haben die 1980er aufs Nova Rock geholt.
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Wir springen wieder nach vorne in den Jahrzehnten. Rosarot und karogemustert beginnt Avril Lavigne auf der blauen Bühne. Die Punk-Prinzessin der MTV-Generation. "Cheers to everybody to never growing up", ruft sie ins Publikum, weder Outfit noch Message unterscheiden sich fundamental von den Glam-Rockern von eben. "He was a boy / she was a girl / can it be any more obvious?"

Bei ihren Hits – Girlfriend, Complicated, Sk8er Boi – kann man in Erinnerungen schwelgen. Ob Avril Lavigne heute mit ihrem Ex-Mann Deryck Whibley von Sum 41 gesprochen hat? Vor kurzem standen die beiden in Las Vegas gemeinsam auf der Bühne. Heute nicht. Lavigne singt noch immer genauso wie vor 20 Jahren. Sie sieht auch genau so aus. Nicht einmal die paar Jahre Ehe mit Nickelback-Sänger Chad Kroeger haben ihr etwas anhaben können.

Gatsch und Spaß

Wenn man schnell rüberläuft, kann man auf der roten Bühne noch die Hip-Hop-Metaller Body Count rund um den Rapper Ice T erwischen. Songs wie Cop Killer sind alles andere als lieb. Das ist laut, roh und subversiv. Dass Ice T dann seine neunjährige Tochter auf die Bühne holt, die schon brav ihre Finger zur Metal-Hand emporstreckt, ist dann aber schon ziemlich lieb. Mittlerweile kommt der Regen. Die Menschenmassen flüchten unter die wenigen Zelte, wer hart ist, bleibt im Feld. Endlich Gaudi im Gatsch – endlich echtes Nova-Rock-Feeling.

"I’m Eighteen", raunt es dann durch das Gelände der Pannonia Fields. Alice Cooper, 76, steht auf der Bühne, geschminkt wie immer, rotes Samt-Sakko, eleganter Gehstock in der Hand. Den Stock wirft er schnell einmal ins Publikum, danach hantiert er mit einem Degen, später noch mit einer echten Schlange. Volles Faschingsprogramm. Im strömenden Regen spielt der Schockrocker all seine Hits, von Hey Stoopid bis Poison, liefert trotz mehr als halbleerem Bühnenbereich eine perfekte Rockshow.

Viele Leute verpassen das aber, weil sie sich Måneskin ansehen. Oder schon auf dem Heimweg sind. Kein einfaches Unterfangen, bei dem Gatsch. (Jakob Thaller, 16.6.2024)