Der Mann der Stunde in England.
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Gelsenkirchen/Stuttgart – Keine große Galavorstellung, aber der erhoffte Auftaktsieg: Englands Nationalteam hat bei der Fußball-EM in Deutschland programmgemäß die ersten drei Punkte in der Gruppe C abgeholt. Ein Kraftakt von Jude Bellingham machte beim 1:0 gegen Serbien in Gelsenkirchen und dem bisher torärmsten Spiel im Turnier den Unterschied aus. "Er ist einfach ein unglaublicher Spieler", lobte Englands Kapitän Harry Kane den erst 20-jährigen Matchwinner.

Bellingham ist seit Sonntag der erste europäische Spieler, der vor seinem 21. Geburtstag bei drei großen Turnieren zum Einsatz gekommen ist. Getroffen hatte er auch schon bei der WM in Katar, nun folgte in seinem vierten EM-Spiel, dem ersten von Beginn an, das erste EM-Tor. Dabei glänzte er mit großer Willens- und Kopfballstärke. Früh hatte er angezeigt, dass er den Ball haben will, sprintete in den Strafraum und beförderte eine Saka-Flanke entschlossen ins Netz.

Im Himmel

Die Zeitungen in England überschlugen sich mit Lobeshymnen über den Star von Real Madrid. The Sun hob den "brillanten" Bellingham schon über ehemalige Größen wie Paul Gascoigne 1990 oder Wayne Rooney 2004. "Bellingham ist nicht zu vergleichen mit irgendeinem anderen Spieler, der für die Three Lions im vergangenen halben Jahrhundert gespielt hat. (..) Bellingham zu sehen ist eher wie Zeuge der Pracht eines Muhammad Ali oder Tiger Woods in deren Hochphase zu sein", war dort zu lesen.

Der Treffer in der 13. Minute blieb der einzige im Spiel. "Vielleicht mussten wir manchmal etwas leiden, aber wir haben eine weiße Weste behalten, und wenn man eine weiße Weste behält, muss man nur noch ein Tor schießen", verlautete Bellingham. Das Tor habe ihm ein "ganz besonderes" Gefühl gebracht, zumal die zahlreichen Fans danach auch den Beatles-Hit Hey Jude intoniert hatten. "Ich habe das Gefühl, dass ich Spiele entscheiden kann", gab der Jungstar zu Protokoll. Dank ihm konnten "die Jungs glücklich in der Kabine sitzen".

Positiv

Von negativen Äußerungen bezüglich eines minimalistischen Sieges wollte Bellingham nichts wissen. Viel wichtiger sei es, das Positive hervorzukehren. Das tat auch Gareth Southgate. "Ich bin froh, dass wir uns von einer anderen Seite zeigen mussten, dass wir unseren Kasten verteidigen mussten, denn ich denke, dass das in der Gruppe einen großen Zusammenhalt schafft", meinte Englands Teamchef. Sein Team hätte vor der Pause ein zweites Tor schießen müssen. "In der zweiten Hälfte ist es nicht mehr so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt habe. Da ist der Mannschaft auch die Energie ausgegangen", resümierte Southgate.

Gareth Southgate war nicht ganz zufrieden.
AP/Alessandra Tarantino

Ein zweiter Treffer des Vize-Europameisters von 2021 lag nur bei einem von Goalie Predrag Rajkovic an die Latte abgewehrten Kane-Kopfball (77.) in der Luft. Southgate führte auch ins Treffen, dass seine Truppe noch zusammenwachsen müsse. "Wir wissen, dass sich die Mannschaft noch finden muss. Da kann man nicht erwarten, dass wir da so durchmarschieren. Wir müssen weiter hart arbeiten", sagte der 53-Jährige.

Eher harmlos

Die Serben waren offensiv harmlos. Das auch, da Filip Kostic in der 43. Minute mit einer Verletzung noch unbestimmten Grades im linken Knie ausgewechselt werden musste. "Wir hoffen, dass es nicht so schlimm ist, wie es ausschaut", erklärte Teamchef Dragan Stojkovic. Die Niederlage ordnete er als "nicht verdient" ein. Er sei daher stolz auf den Auftritt. Jetzt gelte es, perfekt auf das "möglicherweise wichtigste" Match gegen Slowenien hinzuarbeiten.

Die Slowenen haben bei ihrem ersten großen Turnier seit der WM 2010 nach einem 1:1 gegen Dänemark in Stuttgart schon angeschrieben. "Wir haben einen guten Eindruck hinterlassen", resümierte Teamchef Matjaz Kek. Nach Problemen in der ersten Hälfte habe man gesehen, was alles möglich sei. Der Ausgleich von Erik Janza (77.) war die Belohnung. Zuvor hatte ausgerechnet Christian Eriksen bei seiner Rückkehr auf die EM-Bühne Dänemarks Traumstart perfekt gemacht.

1100 Tage zuvor war er im EM-Spiel gegen Finnland wegen eines Herzstillstands zusammengebrochen. "Es wäre eine andere Geschichte, wenn wir die drei Punkte geholt hätten", hatte der 32-Jährige gemischte Gefühle. Durch seinen Treffer strafte er nach einer schwierigen Saison bei Manchester United viele Kritiker Lügen. "Ich kenne die Kritik, aber ich hatte nie Zweifel an ihm als Fußballer. Jeder kennt seine Qualitäten. Er ist das Herzstück unserer Mannschaft und hat fantastisch gespielt", analysierte Dänemarks Teamchef Kasper Hjulmand.

Nicht gewonnen habe man, da nach der Pause "die Energie nachgelassen habe", man "die Intensität verloren" habe. Der Druck vor dem Duell mit England ist gewachsen. Deren und serbische Fans hatten sich vor dem Spiel am Sonntag in der Innenstadt von Gelsenkirchen eine Schlägerei geliefert. Sieben serbische Fans seien in Gewahrsam genommen worden, sagte ein Polizeisprecher. Außerdem sei gegen einen Serben eine Strafanzeige wegen gefährlicher Körperverletzung erhoben worden. Der Guardian hatte berichtet, dass ein englischer Fan und ein deutscher Polizist am Kopf verwundet worden seien. (APA, 17.6.2024)