Projektleiterin Alexandra Wang (re.) präsentierte am Dienstag im Presseclub Concordia mit vier Mitgliedern des "Guten Rats für Rückverteilung" – Angelika Taferner, Kyrillos Gadalla, Dietmar Feurstein und Elisabeth Klein(v.re.) – das Ergebnis von deren Arbeit.
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Sie waren alle ein bisschen aufgeregt. Kyrillos Gadalla, mit 17 das jüngste Mitglied im "Guten Rat für Rückverteilung", spürte Dienstagfrüh "natürlich ein bisschen Nervosität, aber das wird schon", sagte er zum STANDARD. Punkt neun Uhr trat der AHS-Schüler aus Wien dann mit drei weiteren Ratsmitgliedern hinter ein Podium, um der Öffentlichkeit mitzuteilen, an wen denn nun die 25 Millionen Euro, die die Wienerin Marlene Engelhorn steuerfrei geerbt hat, gespendet werden sollen – oder "rückverteilt", wie der Auftrag der 32-jährigen Aktivistin für Erbschafts- und Vermögenssteuern offiziell lautete.

Herausgekommen ist eine Liste, auf der 77 Organisationen, Vereine und Initiativen stehen. Ganz oben der Naturschutzbund, der sich über 1.632.400 Euro freuen darf. Gefolgt vom Neunerhaus, das Hilfe für obdachlose Menschen bietet und 1.590.000 Euro erhält. Dahinter auf Platz drei das Momentum-Institut, das bereits bisher von Engelhorn gesponsert wird und nun weitere 1.226.000 Millionen Euro aus deren Erbe bekommen soll. An das Netzwerk Attac gehen 1.070.000 Euro, die Bildungsorganisation Schule im Aufbruch hat es auf die fünftgrößte Spende gebracht (936.000 Euro).

Auf der Liste der 77, die die Spenden teils über drei bis fünf Jahre gestaffelt erhalten, finden sich große und kleine, junge und etablierte Projekte, die sich mit Sozialthemen, Integration, Gesundheit, leistbarem Wohnen oder Klimaschutz befassen: Caritas, Diakonie, Frauenhäuser, Straßenzeitungen, Reporter ohne Grenzen und die Wahlkabine, aber auch internationale Empfänger wie das Tax Justice Network. Auch das im EU-Wahlkampf rund um Grünen-Spitzenkandidatin Lena Schilling recht präsente Aktivistenehepaar Sebastian und Veronika Bohrn Mena zählt übrigens zu den Glücklichen, die Geld bekommen. Ihre Stiftung Común wird mit 100.400 Euro bedacht.

So divers wie die Gruppe

Angelika Taferner, eine Angestellte aus Niederösterreich, sagte auf Nachfrage zu den vielen Namen auf der Liste, sie würde es "nicht Gießkannenergebnis nennen, sondern einfach ein sehr diverses Ergebnis, wie der Gute Rat auch war".

Diesem gehörten 50 mittels statistischen Verfahrens durch das Foresight-Institut ausgewählte Menschen an, die "ein Abbild Österreichs" seien, sagte Projektleiterin Alexandra Wang. Ihr Dialog sei "gerade in Zeiten der Polarisierung und Unzufriedenheit mit dem demokratischen Prozess besonders wichtig." Diesen Aspekt betonten auch die vier – stellvertretend für die anderen 46 – Ratsmitglieder vor Ort.

Taferner referierte als eine Botschaft des Guten Rats, dass man sich um die Demokratie sorge und "mehr Angebote der direkten Demokratie", etwa durch Bürgerräte, wünsche. Ihr Resümee: "Es ist sehr wohl möglich, Lösungen zu finden, mit denen alle leben können."

Supermarktkassierin Elisabeth Klein aus Oberösterreich hat die Erfahrung im Guten Rat, wo "viel geredet, aber auch viel zugehört wurde", gezeigt, "dass Einblicke in andere Lebenswelten den Zusammenhalt fördern". Der Schüler Kyrillos sprach gerade auch mit Blick auf die große Altersspannweite – der Älteste im Guten Rat war 85 – von "einem meiner schönsten Erlebnisse".

Der 66-jährige Vorarlberger Dietmar Feurstein kann der Politik Bürgerräte empfehlen. Er empfand die Arbeit im Engelhorn'schen als "Demokratie in ihrer besten Form" und nannte als Zutaten "fundierte Information und Expertise, Zeit und Raum für gegenseitigen Austausch und respektvollen Umgang miteinander". Er betonte aber auch die Grenzen dieses "demokratischen Projekts": "Natürlich werden wir mit 25 Millionen Euro die Armut nicht verringern, es soll nur ein exemplarisches Beispiel sein, was man alles machen könnte, wenn es eine faire Besteuerung gäbe."

Damit kam er der Intention der nun Ex-Millionärin Marlene Engelhorn wohl recht nah. Sie zeigte sich in einer Stellungnahme "unendlich dankbar". Die 50 Ratsmitglieder hätten sich einem demokratischen Prozess gestellt und Debatten über Demokratie und Mitbestimmung, Steuergerechtigkeit und soziale Ungleichheit angetrieben: "Nun sind die politischen Gestalter:innen in ihrer parlamentarischen Verantwortung aufgefordert, dem gerecht zu werden, was diese repräsentative Gruppe der österreichischen Bevölkerung vorgelebt hat." (Lisa Nimmervoll, 18.6.2024)

Standard, Reuters
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