Boot auf dem Fluss Seine vor dem Eiffelturm in Paris
Die Seine soll für die Olympischen Spiele badetauglich gemacht werden. Dafür hat das Land einen Milliardenbetrag investiert. Das gefällt nicht allen Franzosen.
AFP/BERTRAND GUAY

Das französische Volk ist dafür bekannt, seinen Unmut laut kundzutun. Zu einem vergleichsweise leisen Protest sollte es am kommenden Sonntag, dem 23. Juni, kommen. An diesem Tag sollte eine besonders schmutzige Protestaktion über die Bühne gehen: Französinnen und Franzosen wurden an diesem Tag dazu aufgerufen, in die Seine zu koten. Aber warum und wie kommt man auf diese Idee?

Das hat mit den im Sommer in Paris stattfindenden Olympischen Spielen zu tun. Für einige Disziplinen soll auch Frankreichs berühmtester Fluss Austragungsstätte sein. Das Problem ist nur, dass die Seine nicht zum Schwimmen geeignet ist. Seit über hundert Jahren ist das Baden in dem Gewässer verboten. Unter anderem wegen Kolibakterien, die zu unangenehmen Infektionen führen können. Bis zum heutigen Tag werden Abwässer teilweise ungefiltert in die Seine geleitet, im Jahr 2022 waren es 1,9 Millionen Kubikmeter.

Schon Chirac scheiterte

Die mangelhafte Wasserqualität der Seine liegt am Pariser Kanalisationssystem, das vor über 150 Jahren erbaut wurde. Hier werden Regen- und Abwasser zusammengeführt. Während dieses Wasser früher direkt in die Seine geleitet wurde, gibt es mittlerweile sechs Kläranlagen außerhalb der Stadt, in denen das Abwasser gereinigt wird, ehe es in den Pariser Fluss fließt.

Erst im Jahre 1988 wurde das Schwimmen in der Seine wieder zum Thema, als das damalige Pariser Stadtoberhaupt Jacques Chirac versprach, dass man innerhalb der nächsten fünf Jahre in dem Fluss baden können werde. "Und ich bin der Erste, der es vor Zeugen tun wird", verlautbarte er damals. Tatsächlich hat Chirac nie in der Seine gebadet.

Die aktuelle Bürgermeisterin der französischen Hauptstadt wollte die Badeaktion aber durchziehen. Am 23. Juni sollte es so weit sein. Denn seit Paris als Olympia-Austragungsort feststeht, hat der französische Staat nach eigenen Angaben über 1,4 Milliarden Euro in die Reinigung des Flusses investiert. Hidalgo versprach, die Seine so gründlich zu säubern, dass ab 2025 alle Pariser an drei ausgewiesenen Orten bedenkenlos darin baden könnten.

Hidalgo kündigte ihren Badegang in die Seine bereits einen Monat davor, am 23. Mai, an. Wenige Minuten nach der offiziellen Bekanntgabe des Datums tauchte der Hashtag #JechiedanslaSeinele23juin auf X (vormals Twitter) auf. Was übersetzt so viel bedeutet wie "Ich kacke am 23. Juni in die Seine". Innerhalb weniger Stunden wurde der Tweet mehrere Zehntausend Mal geteilt. Woher der Hashtag kommt, ist laut französischen Medien nicht genau zu eruieren.

Termin verschoben

Die Spur führte zu einem Informatiker, der in der Nähe von Paris lebt, aber anonym bleiben möchte, "um seine Ruhe zu haben", wie etwa Actu Paris berichtet. Am Abend des 23. Mai stellte er eine Seite ins Netz, auf der jeder berechnen kann, "wo und wann er sein Geschäft machen muss, damit es am 23. Juni in Paris ankommt". Für den IT-Experten waren dafür nur ein paar Minuten Code und ein "ganz einfacher" Algorithmus nötig, erklärte er.

"Weil sie uns in die Scheiße geritten habe, sollen sie jetzt in unserer Scheiße baden", lautet der Slogan auf der Website. Der Mann hinter der Seite sieht den Aufruf ironisch, aber nichtsdestoweniger politisch. Ihn störe, dass man enorme Mittel dafür aufwende, um den Fluss für die Olympischen Spiele sauber zu bekommen, aber nichts Nennenswertes unternehme, um die sozialen Probleme der Stadt zu lösen.

In der Zwischenzeit wurde bekannt, das Anne Hidalgo doch nicht am 23. Juni in die Seine hüpfen werde. Die Bürgermeisterin kündigte vergangene Woche an, dass sie nicht am ursprünglich geplanten Termin im Fluss baden werde, sondern zwischen der zweiten Runde der Parlamentswahlen am 7. Juli und dem Beginn der Olympischen Spiele am 26. Juli. Ob #JechiedanslaSeinele23juin auch etwas mit dieser Entscheidung zu tun hat, ist nicht bekannt. Der Countdown auf der Webseite der Protestaktion läuft momentan jedenfalls weiter. (Markus Böhm, 18.6.2024)