Vor kurzem machte die Meldung Schlagzeilen, dass 35 Prozent der Schülerinnen und Schüler in öffentlichen Volksschulen in Wien muslimischen Glaubens sind. Damit sind sie die zweitgrößte konfessionelle Gruppe in der Erhebung, wonach 37 Prozent christlich (unter anderem 21 Prozent katholisch, 13 Prozent orthodox, zwei Prozent evangelisch) und 26 Prozent ohne Bekenntnis sind. Die Zahlen erfassen aber nicht alle Kinder: Privatschulen, von denen es einige konfessionelle, insbesondere katholische und evangelische in Wien gibt, wurden nicht miterhoben, der Anteil an christlichen Kindern ist insgesamt wohl höher.

Schülerinnen und Schüler sitzen in einer Klasse und zeigen auf.
Was könnte man gegen die Segregation an Schulen tun?
Foto: Heribert Corn

Die zunehmende Vielfalt unterschiedlicher Religionen könnte ein Anlass zur Freude sein, denn Kinder können dadurch viel voneinander lernen: über unterschiedliche Religionen und über unterschiedliche ethische Konzepte. Vorschläge wie die von einem gemeinsamen Ethikunterricht statt eines oder zusätzlich zu einem getrennten Religionsunterricht ("Stoppt den Religionsunterricht an Schulen") sind Möglichkeiten, diese Vielfalt pädagogisch zu nützen. In der Realität sieht es nur allzu oft anders aus. Denn es stellt sich auch die Frage: Warum sind Volksschulen – die eigentlich die einzigen vier Jahre "gemeinsame Schule" darstellen, die wir in Österreich haben – dennoch auch in Wien so segregiert, dass manche Eltern den Eindruck haben, dass es gar keine muslimischen Kinder in der Schule ihrer Kinder gäbe, während andere meinen, es gäbe eine deutliche Mehrheit an muslimischen Kindern?

Frage des Stadtteils

Neben den Privatschulen, die je nach Ausrichtung und Kosten unterschiedlich stark die gesellschaftliche Vielfalt abbilden, gibt es noch andere Faktoren, die zu einer Segregation beitragen. Zum einen ist das der Standort und das Einzugsgebiet einer Schule: Liegt diese in einem Stadtteil, in dem eher privilegierte Familien wohnen, oder in einem Stadtteil mit einer hohen Anzahl in prekären Verhältnissen lebender Familien? Je nachdem setzt sich auch die Schülerinnen- und Schülerschaft zusammen. Wichtig sind vor allem für Eltern der Mittel- und Oberschichten auch Fragen wie: Welchen Ruf hat die Schule? Werden innovative Lehrkonzepte verwendet? Wird individuell auf Kinder eingegangen? Gibt es Offenheit für alternative Unterrichtsmethoden?

Solche Schulen werden verstärkt von Eltern mit höheren Bildungsabschlüssen ausgesucht, die das österreichische Schulsystem gut kennen. Auch innerhalb einzelner Volksschulen können sich dadurch Differenzen ergeben: Nicht selten werden Klassen, in denen mit alternativpädagogischen Konzepten gearbeitet wird (Mehrstufenklassen, Klassen mit Montessori-Elementen), mehrheitlich oder sogar ausschließlich von Kindern mit Deutsch als Erstsprache besucht, während in den Parallelklassen mehrheitlich Kinder mit anderer Erstsprache zu finden sind. Solch eine Aufteilung ist allerdings hinderlich, wenn die Schule als ein Ort gesehen wird, an dem ein wertschätzender Umgang mit Vielfalt gelernt und gelebt werden soll.

Auch für Bobo-Eltern

Wie könnte dem entgegengewirkt werden? Eine Möglichkeit wäre, eine Quote für Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien in allen öffentlichen Schulen einzuführen und für Privatschulen die staatliche Förderung an eine solche Quote zu knüpfen, sodass es in jeder Volksschule Kinder aus unterschiedlich privilegierten Familien gibt.

Zusätzlich wäre eine indexbasierte Mittelverteilung an Schulen möglich. Das bedeutet, dass jene Schulen, deren Kinder aus besonders benachteiligten sozioökonomischen Hintergründen kommen, mehr Geld pro Schülerin oder Schüler bekommen würden als Schulen, die vorwiegend Kinder aus privilegierteren Familien besuchen. Kinder, die weniger Ressourcen zur Verfügung haben, benötigen mehr Unterstützung, um zu ähnlichen Leistungen zu kommen wie Kinder, die schon mit viel schulrelevantem Wissen in die Schule kommen und deren Eltern genug Ressourcen für Hausübungsbetreuung und Nachhilfe haben. Mit diesem Geld könnte an den betreffenden Schulen mehr Lehrpersonal, Begleitpersonal oder Projektunterricht bezahlt werden, was diese Standorte wiederum attraktiver auch für jene Eltern machen würde, die ihre Kinder in besonders gute und engagierte Schulen geben möchten. Eine solche Schule sollte, wie die Journalistin Melisa Erkurt sagt, "so konzipiert sein, dass auch Bobo-Eltern ihre Kinder unbedingt dort hinschicken wollen".

Ein Umstand, der für Eltern nicht gleich bei der Schulwahl ersichtlich ist, aber das Lernen der Kinder beeinflusst, ist die Wahl des Unterrichtsmaterials: Schulbücher, die Kinder aus unterschiedlichen Kontexten ansprechen und nicht von Kindern mit deutscher Erstsprache in einer Kleinfamilie mit christlichem Hintergrund ausgehen, sollten selbstverständlicher werden. Und auch im Unterricht selbst ist es wichtig, Kinder mit unterschiedlichen Hintergründen gleichberechtigt anzusprechen. Mehr Lehrpersonen, die eigene Migrationserfahrung mitbringen, und Lehrpersonen, die die Kompetenzen von Kindern anerkennen, die "mehrheimisch" leben, wie der Erziehungswissenschafter Erol Yildiz es ausdrückt, die mehrere Sprachen sprechen und mehrere nationale und kulturelle Bezugspunkte haben, können ebenfalls dazu beitragen, die Schule zu einem Ort der konstruktiven Auseinandersetzung mit Vielfalt zu machen. (Veronika Wöhrer, 20.6.2024)