Lia Thomas feierte auf Collegesportebene große Erfolge und hoffte, sich für Olympische Spiele qualifizieren zu können.
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Pauschalverbote, die Transfrauen an Wettkämpfen hindern, seien diskriminierend. Dadurch nehme man ihnen wertvolle Möglichkeiten, "die für unsere Identität von zentraler Bedeutung sind". So fasst Lia Thomas für sich das Urteil des Sportgerichtshofs (CAS) zusammen, den sie angerufen hatte, um die Entscheidung des Weltschwimmverbands World Aquatics zu overrulen, der sie von der Teilnahme an Frauenbewerben etwa auch bei Olympischen Spielen ausgeschlossen hat. "Die CAS-Entscheidung", hielt Thomas laut Newsweek fest, "sollte als Aufruf zum Handeln an alle Transsportlerinnen verstanden werden, weiterhin für unsere Würde und Menschenrechte zu kämpfen."

"Nur glücklich sein"

In den Augen von Thomas sitzen viele Menschen einem Missverständnis auf. Viele würden nämlich denken, sie habe eine Transition durchlaufen, um sich einen sportlichen Vorteil zu verschaffen, um gewinnen zu können. "Aber der Grund für meine Transition war, dass ich einfach nur glücklich sein und mir selbst treu bleiben wollte."

Dieses Glück, so argumentierte World Aquatics, würde in sportlichen Vergleichen freilich dem Gedanken der Fairness und Gerechtigkeit zuwiderlaufen, der diesen Vergleichen zugrunde liege. Demnach sei das CAS-Urteil "ein großer Schritt vorwärts" in den Bemühungen, den Frauensport zu schützen. Ganz genauso sieht es Walter Bär, Sportdirektor des heimischen Schwimmverbands. Am Rande der EM in Belgrad nannte Bär das Urteil den "einzig richtigen Schritt".

Dem STANDARD hatte Bär schon einmal Ähnliches gesagt: "Es geht hier um Frauenrechte. Um die Rechte vieler Frauen, die jahrelang auf ein Großevent hinarbeiten und dann vielleicht um alle Chancen gebracht werden." Für ihn ist klar, dass Transgenderfrauen, die eine männliche Pubertät durchlaufen haben, im Schwimmen wie in vielen anderen Sportarten gegenüber Frauen im Vorteil sind. "Mit einem XY-Chromosomensatz", sagte Bär, "bist du einfach einer XX-Chromosomenfrau körperlich überlegen."

Deshalb begrüßte er es, als World Aquatics sich als erster großer Weltverband mit der Thematik auseinandersetzte und strenge Regeln erließ. Diese sehen vor, dass Transgenderschwimmerinnen nur dann startberechtigt sind, wenn sie keine männliche Pubertät durchlaufen haben. Sprich: Eine Transition müsste vor dem zwölften Geburtstag stattgefunden haben. In einer männlich durchlaufenden Pubertät nämlich würden die Hoden die Produktion von Testosteron steigern, das wiederum die Muskeln wachsen lasse, wodurch unweigerlich ein körperlicher Vorteil gegeben sei.

Transition mit 19

Mittlerweile sind viele Weltverbände, auch jener in der Leichtathletik (World Athletics), dem Beispiel des Schwimmverbands gefolgt. Thomas hatte auf Collegesportebene etliche aufsehenerregende Erfolge gefeiert und sich Hoffnungen auf die Teilnahme an Frauenbewerben bei Großevents gemacht. Allerdings hat sie ihre Transition erst nach dem 19. Geburtstag durchlaufen.

World Aquatics hatte nicht zuletzt die Einführung "offener" Bewerbe für Transgenderpersonen ins Auge gefasst. Ein Weltcupevent in Berlin sollte dafür Testlauf sein, er wurde es nicht, weil es keine Anmeldung gab. Seitens des Lesben- und Schwulenverbands Deutschlands war von einem falschen Signal die Rede. Da hieß es: "Uns verwundert es, dass die Schaffung einer Sonderkategorie als Inklusionserfolg verkauft wird."

Die erste Transgenderathletin bei Olympischen Spielen war 2021 in Tokio, wo sie aber ohne gültigen Versuch blieb, die neuseeländische Gewichtheberin Laurel Hubbard (46). Mit 23 hatte sie an Männerbewerben teilgenommen, mit 34 unterzog sie sich einer geschlechtsangleichenden Operation, dann trat sie in Frauenbewerben an. 2017 holte sie WM-Silber. Zuvor hatte sie ein Jahr lang nachgewiesen, dass ihr Testosteronwert unter den damals vorgeschriebenen zehn Nanomol pro Liter Blut lag. Ein Wert, den viele Experten für viel zu hoch hielten. (Fritz Neumann, 19.6.2024)