Zweikampf um Ball.
Nicolas Seiwald (in Rot) gegen Frankreichs N'Golo Kante.
REUTERS/Wolfgang Rattay

Ein weiterer Tag in Berlin. Österreichs Fußballteam trainierte am Mittwoch um die Mittagszeit im Stadion "Auf dem Wurfplatz" im Olympiapark, der Rasen ist immer noch in einem prächtigen Zustand, da kann man echt nicht klagen. Die Außenverteidiger Stefan Posch und Phillipp Mwene ließen die Einheit aus, keine Sorge, das fällt unter die Rubrik "Belastungssteuerung".

Verbandspräsident Klaus Mitterdorfer schaute vorbei, er versicherte, dass die 0:1-Niederlage zum EM-Auftakt in Düsseldorf gegen Frankreich keine nachhaltigen Spuren oder gar Schäden hinterlassen habe. Weder bei ihm, was sportlich betrachtet ziemlich egal wäre, noch bei der Mannschaft. "Sie sind fokussiert, da ist Dynamik drinnen. Sie wissen als Profis, dass sie am Freitag gegen Polen liefern müssen."

Lieblingsschüler

Nicolas Seiwald zählt zu den Hauptlieferanten. Mit 23 Jahren (geboren am 4. Mai 2002) ist er nach Leopold Querfeld (20) und Patrick Wimmer (drei Wochen jünger als Seiwald) der drittjüngste Kicker im Kader. Allerdings ist er einer der arriviertesten, unumstrittener geht kaum. Er ist im zentralen Mittelfeld gesetzt.

Seine Partner wechseln, infrage kommen Marcel Sabitzer, Konrad Laimer und Florian Grillitsch. Wobei Xaver Schlager bis zu seinem Kreuzbandriss der fixe Nebenmann war. Dieses Abräumerduo neidete halb bis ganz Europa. Teamchef Ralf Rangnick hat Seiwald die jüngsten 16 Partien komplett durchspielen lassen. Er hält bei insgesamt 24 Einsätzen.

Polen ist also ein kleines Jubiläum, DER STANDARD lehnt sich nicht weit aus dem Fenster, wenn er behauptet: Seiwald wird nicht ausgewechselt. Der Leipzig-Legionär zählt zu Rangnicks Lieblingsschülern, wobei er natürlich alle anderen auch mag. "Er ist ein Spieler, bei dem man immer weiß, was man bekommt als Trainer." Er könne sich nicht erinnern, dass Seiwald einmal "underperformt" hätte.

Die Bilanz gegen Frankreich war von besten Eltern: 95 Prozent Passgenauigkeit, 58 von 61 Zuspielen sind angekommen, er fraß 11,67 Kilometer, die Höchstgeschwindigkeit betrug 31 km/h.

RB-Schüler

Seiwald ist der Musterknabe, der Dauerbrenner, er wurde quasi als Kleinkind bei Red Bull Salzburg ausgebildet, kennt im Fußball nichts anderes. Als Erwachsener war er an drei Meistertiteln hauptbeteiligt. Im Vorjahr wählten ihn die Bundesliga-Trainer zum besten Spieler, also zahlte Leipzig rund 20 Millionen Euro Ablöse. In seiner ersten Saison war er noch nicht gesetzt, aber das wird, die Tendenz ist steigend. Vor allem nach Schlagers Verletzung.

Seiwald am Ball, Friedl attackiert.
Nicolas Seiwald in Aktion gegen Landsmann Marco Friedl von Werder Bremen.
IMAGO/Michael Taeger

Zlatko Junuzovic ist in Berlin als Experte für Servus TV tätig, er hat in Salzburg zwei Saisonen lang mit Seiwald gewonnen. Was ihn auszeichnet? "Eine enorme Konstanz auf hohem Niveau. Für sein Alter ist er extrem weit, er ist extrem fokussiert, verliert nie die Nerven, hatte keine Abfaller." Abseits des Platzes sei er eher unauffällig, ziemlich ruhig. Michael Gregoritsch bestätigt das. "Er ist immer noch der bodenständige Bub aus Kuchl."

Seiwald: "Ich schalte nie ganz ab"

Am Mittwochnachmittag erschien er zum Medientermin, es war ein leiser, geerdeter Auftritt. Seiwald erwartet gegen Polen ein "sehr kampfbetontes Spiel". Er fühle sich bei der EM angekommen. "Ein bisserl Aufregung gehört dazu. Wir wollen und können sie schlagen."

Seiwald, der den Belgier Kevin de Bruyne sein Vorbild nennt ("obwohl er eine ganz andere Position einnimmt"), ist nicht nur eine Pressingmaschine, sondern auch ein Tüftler. Er hat sich die Polen auf Videos angeschaut: "Ich will immer genau wissen, was auf einen zukommt. Ich schalte nie ganz ab, der Fußball beschäftigt mich im Hinterkopf permanent." Er dankte Rangnick fürs Dauervertrauen. "Ich versuche immer, es zurückzugeben."

Der Countdown läuft. Auch die Polen benötigen nach dem 1:2 gegen die Niederlande dringend drei Punkte. Das Abschlusstraining wird "Auf dem Wurfplatz" abgehalten. Um 14 Uhr hält Rangnick im Berliner Olympiastadion Hof. Seiwald sagt, er sei bereit. Am Freitag um 18 Uhr wird der Musterknabe losgelassen. (Christian Hackl aus Berlin, 20.6.2024)