Tormann in Luft sieht Ball nur noch hinterher.
Das Turnier der traumhaften Tore Schottlands Goalie Angus Gunn kann dem Ball nur noch hinterherschauen. Der Schweizer Xherdan Shaqiri hatte die Kugel von der Strafraumgrenze perfekt ins Kreuzeck geschlenzt.
REUTERS/Piroschka Van De Wouw

Fußball-EM live: Österreich gegen Polen, Fr. ab 18 Uhr

Nach einem schottischen Fehlpass hatte Xherdan Shaqiri plötzlich 20 Meter vor dem Tor den Ball. Der Schweizer holte zum Schuss aus. Der wird doch nicht …? Doch! Mit einem herrlichen Schlenzer versenkte der Edeltechniker die Kugel im linken Kreuzeck. Teamkollege Yann Sommer sagte später im SRF: "Zuerst habe ich gedacht: Warum schießt du? Bitte nicht. Aber es ist halt Shaq."

Die EM 2024 bietet Weitschusstore en masse. Rumänien schlug gegen die Ukraine am ersten Spieltag gleich doppelt aus der Distanz zu. Einmal traf Nicolae Stanciu hoch ins linke Kreuzeck, einmal Razvan Marin flach in die Ecke. Für Begeisterung sorgten auch Arda Gülers Kracher für die Türkei gegen Georgien und Lukas Provods gefühlvoller Abschluss für Tschechien gegen Portugal.

Verschanzte Gegner

In den ersten zwölf Spielen trafen Spieler stolze elf Mal von außerhalb des Strafraums. Das waren 32,4 Prozent aller bisherigen Tore, berichtete die BBC am Mittwoch unter Bezug auf den Datenlieferanten Opta. Das ist eine deutlich höhere Quote als bei den Europameisterschaften davor, als 13,4 Prozent (EM 2021), 14,8 Prozent (2016) und 10,5 Prozent (2012) der Tore aus der Distanz erzielt wurden. Bei der letzten EM 2021 waren 19 Weitschüsse erfolgreich. Das erste Weitschusstor bei der WM 2022 fiel überhaupt erst im 17. Spiel. Wie ist das zu erklären?

"Es hängt ganz stark damit zusammen, dass sich immer mehr Teams regelrecht verschanzen", sagt Thomas Broich, TV-Experte der ARD und künftiger Nachwuchsleiter bei Borussia Dortmund. "Fünferketten bieten wenig Schnittstellen an, die Box wird unheimlich intensiv verteidigt. Der einzige Raum, der dann noch bleibt, ist an der Sechzehnerkante", sagte Broich im Podcast Zeigler und Köster.

Als sieben Ungarn am Sechzehner standen, schlenzte der Schweizer Michel Aebischer die Kugel recht unbedrängt aus 20 Metern in die lange Ecke. Die vielen Beine rund um den Strafraum erschweren den Torhütern zudem die Sicht. Mit ein bisschen Glück helfen sie auch mit: Cody Gakpos Weitschuss gegen Polen wurde ebenfalls unhaltbar ins Tor abgefälscht wie der Gewaltschuss des Slowenen Erik Janzas gegen Dänemark.

ÖFB-Kapitän Marcel Sabitzer hält Weitschüsse für ein probates Mittel, um am Freitagabend (18 Uhr, live im STANDARD-Ticker und auf ServusTV) den Abwehrriegel der Polen zu knacken. "Es ist ein Thema in der Mannschaft, dass wir uns auch über Weitschüsse definieren", sagte Sabitzer. "Wir spielen uns oft nur 20 Meter vor dem Tor einen kurzen Pass zu. Da gilt es auch mal einfach, sich ein Herz zu nehmen und einfach mal draufzuknallen. Dann ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass ein Tor daraus entsteht."

Von 293 abgegebenen EM-Schüssen kamen bisher 115 von außerhalb des Strafraums. Das sind rund 39,2 Prozent. Bei der EM 2021 betrug diese Quote 37,3 Prozent, zuvor 46,7 (2016), 48,6 (2012) und 48,7 Prozent (2008). Es werden also verhältnismäßig nicht mehr Schüsse aus der Distanz abgegeben, aber mehr Distanzschüsse schlagen im Gehäuse ein.

Spektakulärer Shaqiri

Der Ball dürfte diesmal unschuldig sein. Unvergessen, wie bei der Weltmeisterschaft 2010 "Jabulani" für Angst und Schrecken unter den Torhütern sorgte. Die Lottozahlen waren vorhersehbarer als die Flugkurve des offiziellen Turnierballs. Über "Fußballliebe", so der Name des heurigen EM-Balls, blieben derartige Unkenrufe bisher aus.

Letztlich hängt der Torerfolg natürlich auch vom Schützen ab. Womit wir wieder bei Shaqiri wären. Der 32-Jährige ist die Schweizer Lebensversicherung bei Großereignissen. Als einziger Spieler traf er bei den vergangenen sechs großen internationalen Turnieren mindestens je einmal – und das oft auf spektakuläre Weise. Bei der WM 2014 versenkte er den Ball gegen Honduras aus großer Distanz im Kreuzeck. Im EM-Achtelfinale 2016 gegen Polen traf er per Fallrückzieher von der Strafraumgrenze.

Tüpfelchen auf dem i

Vielleicht ist aber die Frage, warum aktuell mehr Weitschusstore gelingen, ohnehin nur nebensächlich. Der Effekt ist das schöne: Grandiose Treffer halten die Euphorie bei einem Großereignis am Köcheln. Wenn schottische Fans einem Pensionisten mit Gehhilfe den Regenschirm halten, damit dieser nicht nass wird, oder wenn österreichische Fans mit einer auf einem Balkon stehenden Frau die Welle anzetteln, macht dies gute Laune.

Und dazu gehören eben auch spektakuläre Spiele und Tore, mit denen diese EM bisher reichlich gesegnet ist. Wohl wenige hätten vorher gedacht, dass etwa Türkei gegen Georgien zu einem der unterhaltsamsten Spiele wird. Und als Güler in der 65. Minute in die Mitte des Spielfelds zog und zum Schuss ausholte, werden sich wohl viele der türkischen Fans im Dortmunder Stadion gedacht haben: Der wird doch nicht …? Doch, er hat! (Andreas Gstaltmeyr, 20.6.2024)