Gleich fünf verschiedene Panzertypen stehen in einer Reihe, Geschützrohre ausgerichtet. Wir sind an der alle zwei Jahre abgehaltenen Waffenschau Eurosatory nördlich von Paris, dem Stelldichein von 2000 Ausstellern aus der ganzen Welt. Ein wichtiger Barometer der Rüstungsbranche.

Eine asiatische Delegation bestaunt gerade den dunkelgrünen Prototyp eines Leopard 2A-RC 3.0. Gleich daneben eine Neuentwicklung des französischen Leclercs, sandfarben und wüstentauglich. Beide gehören zu KNDS, dem Joint Venture deutscher und französischer Rüstungsfirmen. Das Gemeinschaftsunternehmen plant nun ein von Grund auf neu entwickeltes und milliardenschweres Kampfpanzersystem namens MGCS. Es soll die Verschmelzung von Leopard und Leclerc zum kampftüchtigsten Panzer der Welt werden: offizieller Zeithorizont 2040. "Wohl eher 2045", korrigiert ein deutscher Offizier.

Links ein Leopard 2 A8, rechts der neue Leopard 2A-RC-3.0.
AP/Michel Euler

Ukrainekrieg als Wendepunkt

Bis dahin werden der Leopard 2 und der Leclerc noch getrennt produziert. Die Nachfrage sei seit dem Ukrainekrieg größer denn je, sagt Gabriel, ein KNDS-Manager, der anonym bleiben will. "Vor zehn Jahren sagten die Generalstäbe, Panzer würden durch die moderne Kriegsführung hinfällig. Die hochintensive Gefechtsführung in den ukrainischen Ebenen hat sie eines Besseren belehrt."

Ein Leclerc-XLR-Kampfpanzer.
REUTERS/Benoit Tessier

Rheinmetall, der deutsche Traditionskonzern, präsentiert in Paris seinen neuen Kampfpanzer KF51. Er kommt – wie der neue Leopard – ohne Turmschütze aus. "Das spart Personal und erhöht die Sicherheit für die drei anderen", sagt ein Firmensprecher. Denn die Gefahr kommt heute von oben, durch die Drohnen.

Auch der deutsche Konzern Rheinmetall ist vertreten.
IMAGO/Chris Emil Janssen

Präzision und Schnelligkeit

KNDS zeigt auf der Messe eine neue Version der Caesar-Haubitze, die bei der ukrainischen Armee sehr beliebt ist. Ihre Motorhaube und das Dach des Führerstandes sind nun gepanzert – gegen die leisen und unsichtbaren Drohnen-Attacken. Zudem werden die Caesar-Laster mit aufblasbaren Attrappen ausgerüstet, um Angriffe aus dem heiteren Himmel fehlzuleiten.

Die Caesar-Haubitze illustriert zwei weitere Merkmale der neuen, artilleriegestützten Kriegsführung: Erstens, die Präzision wird immer wichtiger. Zweitens, alles muss blitzschnell gehen. "Einmal in Stellung, hat eine Caesar-155-Millimeter-Kanone nur zwei Minuten für zwölf Schüsse", sagt Gabriel. "Und während ein Schuss über 45 Kilometer früher in einem halben Fußballfeld landen konnte, trifft die Kanone heute ein Fußballtor."

Die französische Caesar-Haubitze in Aktion.
AFP/VALENTINE CHAPUIS

Munitionsproduktion

Wer Artillerie sagt, sagt auch Munition. "Vor Kriegsbeginn in der Ukraine produzierten wir 70.000 Geschoße im Jahr", rechnet ein Vertreter von Rheinmetall vor. "In diesem Jahr werden es 700.000 Geschoße sein, 2026 rund 1,1 Millionen." Darunter sind auch neuartige Produkte wie kreisende oder ferngesteuerte Munition. Geschoßsalven mit sogenannter Rasterabdeckung richten sich wiederum gegen Drohnen, die ihr Ziel nicht direkt anfliegen, sondern sich heranschlängeln.

Drohnen bringen auch die Künstliche Intelligenz (KI) auf das Schlachtfeld. MBDA, die Raketensparte des zivilen Flugzeugbauers Airbus, zeigt in Paris ihr Drohnen-Abwehrsystem Sky Warden. Etwas abseits der Blicke zeigt der Techniker Rémi die haushohe Störantenne, die Drohnen auf weite Distanzen eruieren kann. Und dann eine Störpistole. Die Waffe gleicht einem dicken Spielzeuggewehr aus schwarzem Plastik und ist relativ schwer. KI-Systeme versorgen sie mit den Frequenzen nahender Drohnen; so lässt sich ihre GPS-Steuerung auf den letzten 400 Metern vor dem Ziel unterbrechen.

Drohne mit Netz

Zwei ranghohe ägyptische Militärs interessieren sich brennend für eine Drohne mit einem Tarnnetz, das eine feindliche Drohne einfangen kann. Daneben eine Hit-to-kill-Drohne – gemacht, um das unbemannte Flugobjekt des Feindes auf Kamikaze-Art regelrecht niederzuschlagen.

Weitgehend unbeachtet von den Messegästen steht im Schatten des MBDA-Standes eine schmale, rund sieben Meter hohe weiße Rakete. Niemand kümmert sich um das unauffällige Geschoß, obwohl es einmal das Überleben des europäischen Kontinentes sichern könnte. Es ist Aquila, der erste, noch sehr rudimentäre Prototyp einer Hyperschallrakete – oder besser gesagt der Abwehr einer solchen Rakete aus Feindesland.

Rémi erklärt: Heutige US-Abwehrsysteme wie Patriot können Raketen, die mit über 6000 km/h fliegen, in der langsameren Endphase abfangen. Gegen Geschwindigkeiten wie Mach 10, die die chinesische DF-17 erreichen soll, sind sie aber unwirksam. Auch gegen die russische Zirkon, die tausend Kilometer weit mit Mach 9 fliegen kann, mit atomaren Sprengköpfen als Ladung.

Keine angenehme Vorstellung. Und die Aquila befindet sich laut dem MBDA-Techniker erst in der Studienphase. Einsetzbar soll sie erst 2035 sein. Gut ein Jahrzehnt lang muss sich also Europa noch gedulden, bevor es vor Putins Raketen sicher ist. (Stefan Brändle aus Paris, 22.6.2024)