Blick aus einem Fenster auf ein Betongebäude mit vergitterten Fenstern und Stacheldrahthinderniessen auf den Dächern.
Die Aussicht aus dem Verhandlungssaal 41 auf die Justizanstalt Wien-Josefstadt ist als eher trist zu bezeichnen.
moe

Wien – Der Angeklagte habe "ein besorgniserregendes Verhaltensmuster" an den Tag gelegt, sagt der Staatsanwalt zu Beginn des Verfahrens gegen Herrn I., bei dem es um versuchte Vergewaltigung, versuchte sexuelle Nötigung und gefährliche Drohung geht. Liest man die Anklageschrift, klingt der unbescholtene 36-Jährige tatsächlich wie ein gefährlicher Triebtäter. Ende Februar 2023 soll er in einem Hotelgang zweimal versucht haben, die Bewohnerin des Nachbarszimmer zu vergewaltigen, wirft die Anklagebehörde dem Bulgaren zu. Am Morgen des heurigen 10. März wiederum soll er bei einer Straßenbahnstation eine junge Frau mit Gesten zum Oralsex aufgefordert und ihr dabei ein Messer gezeigt haben, mit dem er einen Passanten bedrohte, der dem Opfer zu Hilfe kam.

Was manche Menschen und mitunter sogar Medienschaffende nicht bedenken: Eine Anzeige bei der Polizei oder gar eine Anklage durch die Staatsanwaltschaft bedeutet nicht immer, dass ein Sachverhalt bereits völlig geklärt ist. Denn das ist die Aufgabe eines Gerichts. Im Fall von I. ist es ein großer Schöffensenat unter Vorsitz von Andreas Böhm, der darüber entscheiden muss, ob der Arbeiter bis zu zehn Jahre ins Gefängnis kommt.

"Ein relativ gebrochener Mann"

Verteidiger Normann Hofstätter verrät dem Gericht in seinem Eröffnungsvortrag, dass sein Mandant "ein relativ gebrochener Mann sei, der mit der Situation nicht zurechtgekommen ist". Nach seiner Festnahme im März sei er vom Vergewaltigungsvorwurf völlig überrascht gewesen und habe auch gegenüber seinem Zellenkollegen beteuert, er sei unschuldig. Aus Verzweiflung habe er im Gefängnis schließlich einen Suizidversuch unternommen, nach dem er in künstlichen Tiefschlaf versetzt wurde und an dessen Folgern er noch heute psychisch und physisch leide.

"Was der Staatsanwalt nicht gesagt hat: Herr I. war bei beiden Vorfällen schwer betrunken!", richtet Hofstätter sich an die Laienrichterinnen. "In seinem Dusel hat er sich eingebildet, dass etwas bei den Frauen funktionieren könnte. Nachdem die ihn abgelehnt haben, ist er zornig geworden." Eines stellt der Verteidiger allerdings auch klar: "Das Verhalten ist absolut zum Genieren", es seien aber keine Sexualdelikte gewesen.

Die ersten angeklagten Vorfälle ereigneten sich am 26. Februar des vergangenen Jahres in einem Hotel in Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus. I. war dort Dauermieter, ebenso seine Zimmernachbarin, eine weitere Bulgarin mittleren Alters. Als Zeugin schildert sie, dass sie zunächst gegen zehn Uhr die auf dem Gang gelegene Toilette aufsuchte. "Als ich zurückkam, stand er da. Zuerst hat er geflucht. Dann hat er mir sehr obszöne Worte gesagt. Er hat mich gegen die Wand gedrückt und gegen die Wand und eine Tür geschlagen. Ich konnte dann aber in mein Zimmer flüchten und habe mich eingesperrt", erzählt sie.

"Obszöne Worte" als Euphemismus

"Sehr obszöne Worte" ist ein Euphemismus. "Ich fick dich! Und ich schlag dich, bis du tot bist! Ich fick dich in den Mund. Ich fick dich in den Arsch" sowie "Wenn du nicht mit mir ficken willst, schlage und ficke ich dich, bis du tot bist!", brüllte der Betrunkene laut der Aussage der Zeugin, die sie bei der Polizei machte. Vier Stunden später wiederholte sich dieser Ablauf, diesmal rief sie die Polizei, die den Angeklagten zum Auschecken aufforderte, was er tat.

Verteidiger Hofstätter merkt an, dass das Opfer bei seinen bisherigen Aussagen nichts davon erzählt habe, dass I. sie gegen die Wand gepresst habe, außerdem habe sie ursprünglich davon gesprochen, sie sei nach den Drohungen in ihr Zimmer "gegangen" und nicht "geflüchtet", lässt er übersetzen. "Das stimmt nicht!", beharrt die Frau auf ihrer nunmehrigen Schilderung.

Die Beamten hielten bei ihrem Einschreiten zwar I.s Personalien fest, was aber mäßig nützlich war, da er danach bei einem Freund unterkam, nicht mehr gemeldet und für Exekutive und Justiz damit unauffindbar war. Bis zum 10. März des aktuellen Jahres. Da kam er von einer durchzechten Nacht mit Freunden und Arbeitskollegen gegen 7.30 Uhr zu einer Straßenbahnstation bei der Gumpendorfer Straße.

Mit Geste Oralverkehr verlangt

Dort grölte er im Wartehäuschen herum und pöbelte andere Fahrgäste an, berichtet eine junge Frau als Zeugin. "Ich bin deshalb dann schon weggegangen, später haben sich auch die anderen Personen entfernt", erinnert sie sich. "Als ich dann hinter der Wartebox stand, hat er in meine Richtung Gesten gemacht." – "Welche? Wir sind hier erwachsene Menschen", fordert der Vorsitzende zu einer genaueren Beschreibung auf. "Mit der Hand zum Mund. Er wollte Oralverkehr. Als ich ihn verständnislos ansah, hat er ein Messer aus der Hosentasche gezogen."

Um der bedrohlichen Situation zu entgehen, entfernte sich die Zeugin rasch, I. wankte ihr nach. Herr Ahmed, der die ganze Situation beobachtet hatte, stellte sich in den Weg. "Er war schwer betrunken, am Anfang hat er nur irgendetwas gebrabbelt. Dann habe ich verstanden, dass er Türkisch redet, das kann ich auch ein bisschen", lässt der junge Mann übersetzen. "Ich sagte ihm, er soll die Frau in Ruhe lassen, und habe ihn festgehalten. Da hat er das Messer gezogen, ausgeklappt und gesagt: 'Lass mich los, sonst steche ich dich damit!'", schildert der Zeuge. "Danke, dass Sie der jungen Frau zur Hilfe gekommen sind, das war sehr tapfer!", lobt ihn der Vorsitzende am Ende seiner Aussage.

Der Angeklagte selbst kann zur Wahrheitsfindung wenig beitragen. Zu den Delikten im Hotel sagt er nur: "Ich war betrunken", ist aber gleichzeitig überzeugt: "Ich habe diese Frau nicht belästigt. Irgendwann sind die Polizisten gekommen, und ich musste gehen." Zu dem Vorfall bei der Bim-Station wird er ein klein wenig konkreter: "Durch den Alkohol ... vielleicht habe ich den Wunsch geäußert. Ich entschuldige mich dafür", sagt er. Lediglich die Bedrohung des couragierten Passanten bestätigt er definitiv.

"Keine Entschuldigung, betrunken gewesen zu sein"

Der Staatsanwalt hält am Ende die Anklage aufrecht: Wenn die Frau im Hotel nachgegeben hätte und nicht geflüchtet wäre, hätte es sich um eine versuchte Vergewaltigung gehandelt. Noch etwas ist ihm wichtig: "Und nein, es ist keine Entschuldigung, betrunken gewesen zu sein!"

Der Verteidiger sieht das anders: "Eine versuchte Vergewaltigung und eine versuchte sexuelle Nötigung schauen schon ein bissl anders aus, sowohl in objektiver als auch in subjektiver Hinsicht", ist Hofstätter überzeugt. I. habe in beiden Fällen keine Anstalten gemacht, konkrete sexuelle Handlungen vorzunehmen, daher sei er von diesen Vorwürfen freizusprechen. Der Angeklagte selbst lässt sein Schlusswort dolmetschen: "Ich habe einen Fehler begangen. Ich habe bereits meine Strafe erhalten", verweist er auf die Folgeschäden seines Selbstmordversuchs in der Haft.

"Grausliche Kraftausdrücke"

Der Senat – Vorsitzender, Beisitzerin Martina Krainz und zwei Schöffinnen – braucht nicht lange, um ein Urteil zu finden. Der 36-Jährige wird wegen gefährlicher Drohung zu einem Jahr bedingter Haft verurteilt. "Es gibt grausliche Kraftausdrücke, die sich für Bildungsbürger entsetzlich anhören", begründet Böhm die Entscheidung. "Aus langjähriger Erfahrung im Gericht weiß ich aber, dass diese in diesen Kreisen ganz normal sind."

Natürlich sei es "völlig unsäglich" gewesen, dass der Angeklagte "indiskutable Schimpfwörter" zu der Frau im Hotelgang gesagt habe, der Senat folge aber der Verteidigung, dass I. keine Anstalten machte, die Drohung in die Tat einzusetzen. Die Drohungen mit dem Messer gegen die junge Frau und den mutigen Passanten seien konkretere Drohungen mit dem Tod gewesen, das Strafmaß habe hier bis zu drei Jahren betragen.

I. nimmt das Urteil mit den Worten: "Ich danke Ihnen, es wird nie wieder vorkommen!" an, der Staatsanwalt gibt keine Erklärung ab, die Entscheidung ist daher nicht rechtskräftig. Gestützt auf einen Justizwachebeamten wird der Verurteilte zurück in das Krankenrevier gebracht, damit er seine Habseligkeiten packen kann, ehe ihn seine Familie am Gefängnistor abholen kann. (Michael Möseneder, 24.6.2024)