Triceratops zählt neben Tyrannosaurus rex und Apatosaurus (dem früheren Brontosaurus) zur Top-Prominenz unter den Dinosauriern. Das hat er unter anderem seiner beeindruckenden Körpergröße, der charakteristischen Nackenkrause, vor allem aber seinen drei namensgebenden Hörnern auf Stirn und Nase zu verdanken. So spektakulär Triceratops auch daherkommt, im näheren verwandtschaftlichen Umfeld gibt es einige Ceratopsia-Vertreter, die es bei ihrer Außenwirkung durchaus mit Triceratops aufnehmen können.

Einen solchen bisher unbekannten Cousin mit besonders martialischem Kopfschmuck haben nun Paläontologinnen und Paläontologen anhand von Fossilien identifiziert, die in der Region Kennedy Coulee, Montana, USA, entdeckt wurden. Der ungewöhnliche Gigant lebte in der späten Kreidezeit vor 78 Millionen Jahren und damit mindestens zwölf Millionen Jahre früher als sein berühmter dreigehörnter Nachfahre.

Lokiceratops rangiformis
Die grafische Rekonstruktion der neuidentifizierten Spezies Lokiceratops rangiformis zeigt das Ungetüm in den kreidezeitlichen Sümpfen von Nordmontana. Die in dem Bild eingesetzten Farben sind pure Spekulation. Im Hintergrund marschieren zwei Probrachylophosaurus-Exemplare vorbei.
Illustr.: Fabrizio Lavezzi/Evolutionsmuseet, Knuthenborg

Fast sieben Meter lang, fünf Tonnen schwer

Lokiceratops rangiformis, so der wissenschaftliche Name der Neuentdeckung, war womöglich sogar das größte und schwerste Mitglied der gehörnten Ceratopsia-Gruppe in Nordamerika. Das Forschungsteam um Mark Loewen von der University of Utah, das die steinernen Überreste aus der Judith-River-Formation untersucht hat, gibt die wahrscheinliche Körperlänge mit 6,7 Metern an. Hochrechnungen ergaben, dass das Tier zu Lebzeiten rund fünf Tonnen auf die Waage gebracht hat.

"Innerhalb der Dinosaurier-Ökosysteme des alten Inselkontinents Laramidia waren die Ceratopsidae geografisch weitverbreitet und morphologisch vielfältig", sagte Loewen. "Sie besaßen sehr variable Schädelverzierungen wie Hörner und Nackenkrausen." Der Stammbaum dieser massigen Dinosaurier bilden ein entsprechend komplexes Dickicht an Seitenzweigen, deren beiden Hauptäste, die langnasigen Chasmosaurinae und die rundnasigen Centrosaurinae, sich vor mindestens 83 Millionen Jahren aufgeteilt haben.

Fossiler Schädel von Lokiceratops rangiformis
Der fossile, teilweise rekonstruierte Schädel von Lokiceratops rangiformis ist im Museum für Evolution in Maribo, Dänemark, zu bewundern.
Foto: Museum of Evolution

Ungewöhnlicher Riese

"Die Centrosaurinae stellen eine ökologisch wichtige und vielfältige Gruppe dar, die ihren Höhepunkt im Campanium vor 83 bis 70 Millionen Jahren erreichte", erklärte Loewen. "Die Entdeckungen der letzten zwei Jahrzehnte haben unser Verständnis der Gruppe enorm erweitert." Der 2019 im sogenannten Loki Quarry der Judith-River-Formation entdeckte Neuzugang erwies sich als nicht ganz typischer Vertreter der Gruppe: Lokiceratops rangiformis hatte die größten jemals bei einem gehörnten Dinosaurier gesehenen Schnabelhörner, vor allem aber fehlte ihm das für seine Verwandten charakteristische Nasenhorn.

"Dieser Dinosaurier setzt neue Maßstäbe, was bizarren Kopfschmuck betrifft", sagte der Paläontologe Joseph Sertich von der Colorado State University, Co-Autor der nun im Fachjournal PeerJ vorgestellten Studie. "Wir vermuten, dass diese Hörner und Nackenschilde eine ähnliche Funktion hatten wie das Imponiergehabe moderner Vögel. Sie spielten wahrscheinlich eine Rolle bei der Partnerwahl oder dienten zur gegenseitigen Unterscheidung von ähnlichen Arten."

Vier nahe verwandte Ceratopsiden
Zu Lebzeiten von Lokiceratops kamen in der Region noch mindestens zwei andere nahe Verwandte vor. Diese ungewöhnliche Vielfalt ist wahrscheinlich der sexuellen Selektion der Tiere zu verdanken.
Illustr.: Fabrizio Lavezzi/Evolutionsmuseet, Knuthenborg

Schnell zu großer Vielfalt

Letzteres könnte durchaus nötig gewesen sein, denn Lokiceratops rangiformis bewohnte Nordamerika zeitgleich mit drei anderen nahen Verwandten, den Spezies Wendiceratops pinhornensis, Albertaceratops nesmoi und Medusaceratops lokii sowie dem Chasmosaurier Judiceratops tigris. "Es bedeutet eine unglaubliche Vielfalt, wenn fünf dieser Dinosaurier hier gemeinsam lebten", sagte Sertich. Der Fund von Lokiceratops rangiformis beweist seiner Ansicht nach, dass sich diese Arten vergleichsweise schnell in einem kleinen Gebiet entwickelt haben, ein Prozess, den man auch bei Vögeln beobachten kann.

"Als Triceratops zwölf Millionen Jahre später auf der Bildfläche erschien, waren die regionalen Unterschiede bereits verschwunden, und es waren zwischen dem heutigen Kanada und Mexiko nur noch zwei Arten dieser gehörnten Riesen übrig geblieben – möglicherweise war dies eine Folge des homogeneren Klimas", spekuliert Sertich. (tberg, 21.6.2024)