Bick auf die Müllverbrennung Spittelau.
Die Müllverbrennung Spittelau ist eine der Anlagen, die Energie in das Wiener Fernwärmenetz einspeisen.
Foto: Imago/Chromeorange

Es ist nicht immer dem U-Bahn-Bau geschuldet, dass in der Bundeshauptstadt jetzt so viel gegraben wird. Zumindest innerhalb des Gürtels sind es häufig gut isolierte Rohre, die unter einer neuen Schicht Asphalt verschwinden. Durch sie soll schon in Bälde Wärme bis hinauf in die Dachgeschoßwohnungen der neu angeschlossenen Häuser geleitet werden – Fernwärme.

Diese zentral erzeugte thermische Energie ist einer der größten Hebel, mit denen die Wiener Stadtregierung das klimaschädliche CO2 aus dem Wärmebereich verdrängen möchte. Um ein Gefühl zu bekommen: Wie im Wiener Klimafahrplan beschrieben, kommt die Bundeshauptstadt derzeit auf Treibhausgasemissionen in Höhe von rund fünf Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr. Rund 43 Prozent entfallen dabei auf den Bereich Verkehr, rund 30 Prozent auf Gebäude.

Heizen jetzt und in Zukunft

Ein Grund für den hohen Anteil des Gebäudesektors an den Gesamtemissionen ist die Art und Weise, wie geheizt und Warmwasser aufbereitet wird – noch immer überwiegend fossil, sprich: mit Gas; ein weiterer Grund besteht darin, dass viele Mieter beziehungsweise Wohnungseigentümer sprichwörtlich beim Fenster hinausheizen, weil die Häuser schlecht isoliert sind. In vielen Fällen scheint somit eine Gebäudesanierung angesagt, noch bevor überhaupt an ein neues Heizsystem gedacht werden kann. Ein solches sollte sich sinnvollerweise am Wärmebedarf der Wohnungseinheit nach erfolgter Sanierung orientieren und nicht umgekehrt. Sonst sei die Gefahr hoch, dass Anlagen überdimensioniert würden, womit unnötig hohe Kosten entstünden, sagen Experten aus dem Heizungsfach.

Wie heizen Wiener und Wienerinnen im Moment? Im Energiebericht der Stadt Wien, der sich auf eine Erhebung der Statistik Austria zu Wohnungseinheiten stützt, die gleichzeitig Hauptwohnsitz sind, finden sich die Heizgewohnheiten: Mehr als 424.000 Wohneinheiten sind im Jahr 2022 mit Fernwärme versorgt worden, rund 445.000 verfügten über eine Zentralheizung, in mehr als 14.000 Räumlichkeiten standen holzbefeuerte Einzelöfen, knapp 46.000 heizten elektrisch.

Blick auf einen stillgelegten Heizkörper.
Ein stillgelegter Heizkörper in einer Wiener Wohnung: Um bis 2040 klimaneutral zu werden, müssen in der Bundeshauptstadt mehr als eine halbe Million Heizungen getauscht werden,die immer noch mit fossilen Energien, insbesondere Gas, betrieben werden.
Foto: APA / Roland Schlager

Und wie sollen sich die Heizgewohnheiten verschieben?

"Raus aus Öl und Gas" heißt der Slogan, den das Klimaschutzministerium gewählt hat, um die Marschrichtung vorzugeben zum selbstgesteckten Ziel, bundesweit schon 2040 und somit zehn Jahre früher als von der EU-Kommission vorgeschrieben klimaneutral zu sein. Das gilt auch für die Zwei-Millionen-Stadt Wien, wo die Herausforderungen im Gebäudesektor wegen der österreichweit größten Gasthermendichte besonders groß sind.

In eher wenigen Fällen wird sich in der Stadt, anders als auf dem Land, eine Pelletsheizung als Ersatz für eine fossil betriebene Zentralheizung anbieten. Die Zahl der Ölkessel, die sich aufgrund des Platzes, der zur Einlagerung des Heizöls benötigt wird, am ehesten für einen Tausch gegen eine CO2-neutrale Pelletsheizung anbieten würden, war zuletzt stark rückläufig – Folge nicht zuletzt eines üppigen Förderprogramms, mit dem der Ausstieg aus fossilen Energieträgern von politischer Seite unterstützt wird.

Biogas, ein Randthema

Ein Randthema dürfte auch Biogas als Ersatz für Erdgas in Wiener Haushalten bleiben. Die Gaswirtschaft, unterstützt durch Bauernverbände, macht sich zwar für den verstärkten Einsatz dieses speziellen Gases stark, das aus pflanzlichem oder tierischem Material (Exkremente) gewonnen wird; dieses CO2-neutrale Gas sei zu kostbar, als dass man es bis auf wenige Fälle, wo es keine wirkliche Alternative gibt, zum Heizen städtischer Wohnungen verwenden sollte, sagen Experten.

Bleiben somit im Wesentlichen die Wärmepumpe, die den Unterschied zwischen gegebener Außen- und gewünschter Raumtemperatur mittels elektrischer Energie überbrückt – und die Fernwärme.

Experiment mit Wärmepumpe

Dass Wärmepumpen nicht nur für Neubauten taugen, sondern auch in sanierten Bestandsgebäuden gute Dienste leisten, zeigt sich in der Miesbachgasse im zweiten Bezirk. Dort hat die Sozialbau AG, größter Bestandserhalter an geförderten Wohnungen in Wien, in einem 1966 errichteten fünfstöckigen Haus Vorkehrungen getroffen, um die dort wohnenden 21 Parteien mit ebenso vielen Gasetagenheizungen auf ein zentrales Heizsystem mit Wärmepumpe umzustellen. Weder in den Wohnungen noch im Stiegenhaus musste gestemmt werden. Die Wärmezentrale ist auf dem Dachboden errichtet worden, für die Verteilung der Wärme werden die Kamine und die bereits vorhandenen Rohre der Gasetagenheizungen genutzt. Sobald eine der noch laufenden Gasetagenheizungen ihren Geist aufgibt, wird die betroffene Wohnung an die zentrale Wärmepumpe angeschlossen.

Blick auf eine im Dachgeschoss installierte Wärmepumpe.
Dass der Umstieg von einer Gastherme hin zu Wärmepumpen auch im mehrgeschossigen Wohnbau funktionieren kann, wurde in der Miesbachgasse im zweiten Wiener Bezirk demonstriert.
Foto: APA / Wolfgang Voglhuber

Einzelnen Mietern und Mieterinnen sind in der Regel die Hände gebunden, wenn der Wohnungs- oder Hauseigentümer nicht sein Okay für ein neues Heizsystem gibt. Finanzielle Anreize sollen das versüßen und den Widerstand brechen.

Das gilt im Übrigen auch für die Fernwärme: Eine einzelne Partei hat keine Chance. Mindestens 80 Prozent der Wohnungen im Gebäude müssen für die Versorgung mit Fernwärme angeschlossen werden.

Im Vorjahr sind in Wien 2,2 km Haupt- und 10,3 km Sekundärleitungen verlegt worden. Neben dem Ausbau geht es nun darum, auch die Fernwärme klimaneutral zu machen. Noch liegt der Gasanteil bei der Erzeugung bei rund 65 Prozent.

Gelingen soll die Dekarbonisierung mit Großwärmepumpen wie der jüngst in Simmering in Betrieb genommenen sowie Geothermie. In Aderklaa arbeiten Wien Energie und OMV gerade daran, heißes Wasser aus knapp 3000 Meter Tiefe zu holen und ab 2027 für die Fernwärme in Wien nutzbar zu machen. (Günther Strobl, 24.6.2024)