Für die staatliche Kontrollgesellschaft in China waren die Bilder von Ren Hang zu freizügig – immer wieder wurde er deswegen verhaftet.
Für die staatliche Kontrollgesellschaft in China waren die Bilder von Ren Hang zu freizügig– immer wieder wurde er deswegen verhaftet.
Courtesy Fotosammlung OstLicht © Ren Han

Aufeinandergestapelte nackerte Körper in lasziven Posen, knallrote Lippen, Fingernägel, lustvoll erigierte Penisse. Mit seinen aufwendig inszenierten Aktfotos ärgerte der Künstler Ren Hang bis zu seinem Tod die chinesische Zensurbehörde. 2017 nahm sich der feinfühlige Kommentator der Gegenwart, der politische Absichten hinter seiner Kunst stets abstritt, im Alter von 29 Jahren in Peking das Leben. Ausgehend von seinem Werk, versammelt das Westlicht in seiner Ausstellung Inside Views insgesamt elf Positionen, in denen das Leben von jungen chinesischen Künstlerinnen und Künstlern vor Ort wiedergeben wird.

In Europa blickt man fasziniert, aber voller Argwohn nach China. Zum einen ist die Volksrepublik eine wirtschaftliche Supermacht, deren technologische Innovationen im Westen neidisch beäugt werden. Zum anderen wäre dort dieses Problem mit den Menschenrechten, die formell zwar anerkannt sind, aber in der Realität doch eher systematisch missachtet werden. China ist im Wandel, besonders seit der Machtübernahme von Xi Jinping 2012 unterliegt die öffentliche Meinungsbildung einer strengen staatlichen Kontrolle. Beim Pressefreiheitsranking ist China fast Erster von hinten. Diese kulturellen Spannungen äußern sich auch dadurch, dass regierungskritische Künstler wie Ai Weiwei regelmäßig verhaftet werden.

Der depressive Shootingstar

So erging es auch Ren Hang, der 2013 durch die von Ai Weiwei kuratierte Gruppenausstellung Fuck Off 2 in Groningen außerhalb Chinas einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. Ren Hang wurde zum prominentesten Vertreter der neuen chinesischen Fotografie. Seine Bilder zeigen meist Freunde von ihm, nackt, in bizarren Posen verknotet, dekoriert mit Blumen, mit Federn – mit Tieren. Trotz dieser professionell choreografierten Bilder verwendete Hang mit Vorliebe eine kleine Point-and-Shoot-Kamera von Minolta, die nicht viele Einstellungsmöglichkeiten bot.

Mit einer solchen Kamera ausgerüstet, verschlug es Ren Hang 2015 auch in den Wienerwald zu einem Shooting. Damals besuchte er die österreichische Hauptstadt anlässlich seiner Ausstellung in der Galerie Ostlicht. Die hierzulande noch nie größer ausgestellten Fotografien werden durch ein ausführliches Making-of ergänzt, das Westlicht-Direktor Peter Coeln damals fotografierte. Schon zu Lebzeiten veröffentlichte Hang auf seiner Website auch Textarbeiten. In denen widmete er sich seiner Depression. Der frühe Freitod trägt klassischerweise zur kultischen Verehrung seiner Person bei.

In ihrer Serie
In ihrer Serie "Girls" zeigt Luo Yang die Pluralität der Identitäten junger Frauen.
Courtesy Alexander Tutsek-Stiftung, München © Luo Yang

Ergänzt wird dieser Einblick in das Leben eines Rebellen gegen die Verhältnisse in seinem Land durch Arbeiten von noch lebenden zeitgenössischen Fotografen und Fotografinnen wie Zhang Huan, Pixy Lao oder Luo Yang. In ihrem Langzeitprojekt Girls porträtiert Luo Yang Frauen ihrer Generation, oft auch in ihren privaten Räumen. Darin wird gezeigt, dass es auch vor dem Hintergrund einer repressiven Autokratie eine Vielfalt von Lebensstilen und Lebensrealitäten gibt. Inside Views bietet einen wirklich sehenswerten Einblick in die chinesische Gegenwart, wie man sie im Westen selten wahrnimmt. (Jakob Thaller, 24.6.2024)