Nach den Rekordgewinnen im Vorjahr sieht die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) die Bankenbranche an einem Wendepunkt. Insgesamt 14 Milliarden Euro sind in den Bilanzen der Kreditinstitute an Gewinnen hängen geblieben, nicht zuletzt dank der kräftig gestiegenen Zinsen, die im Kreditgeschäft schneller an die Kundschaft weitergeben wurden als bei den Einlagen. Doch diese Erträge dürften künftig weniger üppig sprudeln, zumal die Europäische Zentralbank im Juni das Zinsniveau bereits wieder geringfügig gesenkt hat. Im Gegenzug hat 2023 erstmal seit vielen Jahren der Anteil notleidender Kredite wieder zugenommen – ein Trend, der anhalten könnte.

Zahlreiche Baukräne vor zunehmend bewölktem Himmel.
Besonders im Zusammenhang mit Gewerbeimmobilien häufen sich die Problemkredite.
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Probleme schafft vor allem der Immobilienbereich, sowohl im Neugeschäft als auch bei bestehenden Krediten. "Wir sehen eine Nachfrageschwäche bei den Kunden", sagt OeNB-Vizegouverneur Gottfried Haber. Gleichzeitig sei erstmals seit zehn Jahren der Anteil an notleidenden Krediten (NPL) wieder gestiegen, liege aber mit einer Quote von 2,6 Prozent noch weit unter früheren Werten von rund sieben Prozent. Die Entwicklung verlaufe in Europa grundsätzlich ähnlich, nur nirgendwo mit einer ähnlichen Dynamik wie in Österreich. Warum? Wegen des hohen Anteils an variablen Krediten.

Bessere Kreditqualität

Besonders bei Gewerbeimmobilien häufen sich die Probleme. Speziell jene Unternehmen aus der Branche, deren Geschäftsmodell auf tiefe Zinsen und steigende Immobilienpreise ausgelegt sei, kommen OeNB-Direktor Markus Schwaiger zufolge in schwieriges Fahrwasser. Weniger Ungemach droht bei Wohnimmobilien, wo sich die sogenannte KIM-Verordnung, durch die die Vergaberegeln bei Immobilienkrediten nachgeschärft wurden, im Neugeschäft bewährt habe. Dazu komme der starke Arbeitsmarkt, der die wirtschaftliche Lage der Haushalte unterstütze. "Früher waren mehr als 80 Prozent der vergebenen Kredite nicht nachhaltig", betont Schwaiger, "heute sind 80 Prozent nachhaltig." Dabei hätten die Banken ihre Ausnahmekontingente bei der KIM-Verordnung nicht annähernd ausgeschöpft, diese sei "nicht wirklich der Grund für die schwache Vergabedynamik". Erst vergangene Woche hat die Immobranche neuerlich Alarm geschlagen und der KIM-Verordnung die Schuld am derzeit schwachen Geschäftsgang zugeschoben.

Die Banken erwischt die steigende Zahl der Problemkredite voraussichtlich nicht auf dem falschen Fuß, denn diese haben ihren Sicherheitspolster in Form höherer Kapitalquoten ausgebaut. "Der Kapitalaufbau hat stattgefunden. Die Banken haben ihre Gewinne genutzt, um die Widerstandsfähigkeit gegenüber künftigen Unsicherheiten zu stärken", sagt Haber. Mit einer durchschnittlichen Kernkapitalquote von 17,5 Prozent sei Österreich erstmals über dem Durchschnitt der Eurozone. Man dürfe sich aber nicht auf den Lorbeeren ausruhen, sondern müsse das hohe Niveau beibehalten oder, wo erforderlich, sogar ausbauen – etwa durch Zurückhaltung bei Gewinnausschüttungen und Aktienrückkäufen.

Vorsicht bei Gewerbe-Immos

"Die Kreditrisiken nehmen zu", betont auch OeNB-Vizechef Haber. Wenn man von einem historischen Tiefststand ausgehe, zu dem die jahrelang niedrigen Zinsen geführt hätten, dann sei die Richtung der Entwicklung klar. "Wir empfehlen, den Weg der Vorsicht zu wählen, gerade bei Gewerbeimmobilien", richtet Haber den heimischen Kreditinstituten aus. Sprich: im Neugeschäft bei der Vergabe konservativ zu agieren, gleichzeitig aber auch "aktiver Wertberichtigungen" zu bilden. Man erwarte eine "gestiegene Ausfalldynamik in diesem Jahrzehnt", ergänzt Schwaiger.

Etwas mehr Rückenwind kann sich die Bankenbranche heuer durch die Konjunktur erwarten. "Wir sind aus der Rezession heraußen", sagt OeNB-Direktorin Birgit Niessner, "wir sehen eine volkswirtschaftliche Erholung." Allzu dynamisch wird diese zunächst aber nicht ausfallen, denn nach einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,7 Prozent im Vorjahr soll diese heuer bloß um 0,3 Prozent zulegen. Mehr Schwung soll 2025 bringen, in Form eines 1,8-prozentigen Wachstums. (Alexander Hahn, 24.6.2024)