Rund 37 Prozent der heimischen Flora stehen auf der "Roten Liste" der österreichischen Farn- und Blütenpflanzen. Das sind knapp 1300 Pflanzenarten, die zumindest potenziell gefährdet sind. Ganze 235 Arten sind vom Aussterben bedroht, also kurz vor dem Verschwinden. Eine der seltensten Arten Österreichs ist der unscheinbare Schlitzblatt-Wermut, Artemisia laciniata. Ihr einziges Vorkommen in Europa liegt am Neusiedler See in den Zitzmannsdorfer Wiesen. Erst in Südrussland findet man die nächste Population. Einst war die Art weit verbreitet, doch im Laufe der Zeit schrumpften ihre Bestände, bis nur noch eine winzige europäische Inselpopulation mit elf bekannten Pflanzen übrig war.

Ein freigelegter Schlitzblatt-Wermut in den Zitzmannsdorfer Wiesen.
Frank Schuamcher

Wen wollen wir retten?

Seit zehn Jahren widmet sich der Botanische Garten intensiv dem Schutz des Schlitzblatt-Wermuts. Als Botanischer Garten steht man vor der Frage, bei der Rettung welcher Arten man zu helfen versuchen soll. Ein naheliegendes Kriterium für die Auswahl ist deren akute Gefährdung. Ebenfalls relevant ist die Frage, ob es möglich ist, diese Pflanzen zu kultivieren und zu vermehren. Nicht alle Pflanzenarten gedeihen in Kultur. Schutzmaßnahmen vor Ort können zudem umso besser umgesetzt werden, umso näher das Vorkommen am Botanischen Garten liegt. Denn der Erhalt einer Pflanzenart beinhaltet mehr als das Eintopfen der Pflanzen. Oberste Priorität hat die Erhaltung am Naturstandort.

Topfkultur im Botanischen Garten.
Botanischer Garten der Universität Wien

Kein Pandabär

Der Schlitzblatt-Wermut ist ein naher Verwandter des Wermutkrauts, aus dem man Absinth herstellt. Das ist oberflächlich betrachtet das einzig interessante an ihm. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die einem Pandabären zuteilwird und Geld für den Schutz in die Kassen spült, bleibt ihm verwehrt. Weder blüht die windbestäubte Pflanze besonders schön, noch ist sie besonders auffällig. Unbeachtet von der Öffentlichkeit kann eine solche Art schnell von der Bildfläche verschwinden.

Eine botanische Illustration hilft, den Aufbau – und die Schönheit – des Schlitzblatt-Wermuts zu erkennen.
Arndt Kästner, Neilreichia 6 (2011).

Zum Verhängnis wurde dem Schlitzblatt-Wermut, dass die Zitzmannsdorfer Wiesen seit langem nicht mehr beweidet werden. Konkurrenzstarke Arten ersticken den kleinen Wermut und erschweren die Keimung der Samen. Als Ersatz für die Beweidung wurden die Wiesen gemäht, doch auch das half anfangs nichts. Da die Samen des Schlitzblatt-Wermuts erst im Herbst reifen, kam die an sich relativ späte Sommermahd für den Wermut immer noch zu früh. Mangels Nachwuchs und aufgrund der starken Konkurrenz schrumpften seine Bestände immer weiter und verschwanden an vielen Stellen vollständig. Als das Erhaltungsprojekt gemeinsam mit dem Nationalpark Neusiedler See und der Biologischen Station in Illmitz gestartet wurde, war es fünf vor zwölf.

Wie man eine Art rettet

Ist eine Art am Naturstandort extrem selten, bewahren Ex situ-Erhaltungskulturen an einem sicheren Ort, wie dem Botanischen Garten, vor dem Schlimmsten. Ein extrem trockenes Jahr, ein Traktor oder ein leidenschaftlicher Pflanzensammler können der Art schnell den Gar ausmachen. Beim Schlitzblatt-Wermut wurde neben der klassischen Kultur in Töpfen und der Vermehrung über Samen und Stecklinge noch ein anderer Weg eingeschlagen. In den Labors des Departments für Pharmakognosie der Universität Wien wurde die Art durch Gewebekultur vermehrt. Hierbei wird einer Pflanze teilungsfähiges Gewebe entnommen und unter sterilen Bedingungen auf künstlichem Nährmedium zur Bildung von Spross, Blätter und Wurzeln angeregt. Ein Vorteil der Methode ist, dass innerhalb kürzester Zeit hunderte Pflanzen produziert werden können. Die Pflanzen aus der Gewebekultur eignen sich auch gut für die Einlagerung in flüssigem Stickstoff bei Minus 196 Grad. Dank dieser Kryokonservierung können die Pflanzen für unbeschränkte Zeit eingelagert und bei Bedarf wieder zum Leben erweckt werden.

Diese Pflanzen aus der Gewebekultur wandern ins Freie.
Andrea Kodym

Erhaltung in situ

Aufgrund der massiven Naturzerstörung füllen sich Samenbanken, Beete und Laborschränke mit gefährdeten Arten. Ziel des Artenschutzes ist aber nicht der Erhalt in Ex situ-Sammlungen, sondern in situ – also an den Naturstandorten. Dauerhaft und sicher überlebt der Schlitzblatt-Wermut in freier Natur allerdings nur, wenn sein Lebensraum entsprechend gepflegt wird, wenn die neuen Populationen während der Etablierung betreut werden und daraus große, genetisch vielfältige Bestände entstehen.

Im Laufe der letzten Jahre wurden in den Zitzmannsdorfer Wiesen hunderte Pflanzen ausgepflanzt und ausgesät. Während sich die "Neuen" an manchen Stellen gut etablieren, sterben an anderen Stellen mehr als 90 Prozent der Jungpflanzen wieder ab. Es braucht viel Beobachtung und Forschung, um zu verstehen, warum das so ist.

Dank der gemeinsamen Bemühungen des Botanischen Gartens, des Nationalparks Neusiedler See, des Landes Burgenland und weiterer Partner wachsen auf den Zitzmannsdorfer Wiesen wieder mehrere hundert Individuen des Schlitzblatt-Wermuts. Infolge der klimatischen Veränderungen steht die Art allerdings vor der nächsten Herausforderung. Die von ihr bevorzugten wechselfeuchten Wiesen werden zunehmend trockener. Womöglich muss die Art bald zusätzlich auf feuchteren Standorten angesiedelt werden, damit sie in einer Klimawandelwelt langfristig eine Chance hat. Forschung und Naturschutz stehen für den Ernstfall bereit. (Andrea Kodym, Frank Schumacher, 28.6.2024)