Blick auf zwei Herren mittleren Alters in einer Höhle aus der Vogelperspektive.
Bruno David und Uncle Russell Mullett waren maßgeblich am Fund in der Höhle beteiligt.
Monash University

Über die meisten Traditionen unserer steinzeitlichen Vorfahren können wir heute nur spekulieren. Doch einem australischen Forschungsteam ist nun ein spektakulärer Fund gelungen: Es konnte ein spezifisches Ritual nachweisen, das schon vor etwa 12.000 Jahren durchgeführt wurde und sich bis mindestens ins 19. Jahrhundert in einem Aborigine-Volk erhalten hat.

Im Zentrum stehen zwei kleine Feuerplätze, die in einer Höhle unweit der australischen Alpen im Südosten des Landes gefunden wurden. Die Höhle befindet sich auf dem Gebiet des GunaiKurnai-Stamms, durchgeführt wurde die Grabung von Archäologinnen und Archäologen der GunaiKurnai Land and Waters Aboriginal Corporation (Glawac) und der Monash University in Melbourne.

Einer der Stöcke beim Auffinden an der Fundstätte. Eine Seite ist leicht verkohlt.
Bruno David / Monash University / GunaiKurnai Land and Waters Aboriginal Corporation

Älteste Holzartefakte

Die Feuerstellen sind ungewöhnlich klein, etwa handtellergroß. Spuren von Essen fehlten, die Feuer brannten nur für relativ kurze Zeit und wurden nicht sonderlich heiß. Die Beweislage wird klarer durch je einen kurzen Stock, die die Gruppe an den beiden kleinen Herden entdeckte. Das Holz, das von Kasuarinenbäumen stammt, wurde von Seitenästen und Rinde befreit und an der Spitze angebrannt. Wie die Fachleute im Journal Nature Human Behaviour schreiben, fanden sie daran Spuren von tierischem oder menschlichem Fett. Und: Die Stätten wurden vor 11.000 bis 12.000 Jahren benutzt, die Stöcke sind die ältesten erhaltenen Holzartefakte Australiens.

Ein grüner Kasuarinenbaum steht an der Küste im Wind.
Kasuarinen sind in Australien heimisch und erinnern mit ihren Zweigen an die urwüchsigen Schachtelhalme.
Getty Images/iStockphoto

Was das Forschungsteam herausfand, passt genau mit einem Bericht über die GunaiKurnai aus dem Jahr 1887 zusammen. Damals beschrieb der Geologe und Ethnograf Alfred Howitt ein Ritual mit Kasuarinenholz, das von Medizinmännern und Medizinfrauen (den "mulla-mullung") durchgeführt wurde, wie es in einer Aussendung der Monash University heißt. Das Ziel war offenbar, Kranke zu heilen oder anderweitig Menschen zu beeinflussen.

Am Ende eines Wurfstocks wurde ein Objekt angebracht, das dem oder der Betroffenen gehörte – "zusammen mit ein paar Adlerfedern und etwas Menschen- oder Kängurufett", wie Howitt festhielt. "Der Wurfstock wird dann vor einem Feuer schräg in den Boden gesteckt und freilich so platziert, dass allmählich umfällt. Der Zauberer hat in dieser Zeit seinen Zauberspruch gesungen; man sagt, er 'singt den Namen des Menschen', und wenn der Stock fällt, ist der Zauber vollendet. Dieser Brauch existiert noch immer."

Heilende Steine

Der Ethnograf beschrieb auch eine wohl weniger wohlgesinnte Anwendung des Rituals. So habe ein Mann mit einer Witwe angebandelt, zu früh nach dem Tod ihres Gatten und ohne Zustimmung der Familie, was die Freunde des Verstorbenen traurig machte. Ein Zauber mit dem Kasuarinenstock sollte daher dem neuen Liebhaber gegenüber angewandt werden.

Abbildung eines Stocks in zwei Ansichten mit Maßstab. Er ist mehr als zehn Zentimeter lang und hellbraun.
Einer der Stöcke, die an den Fundstellen entdeckt wurden.
Steve Morton, Monash University, GunaiKurnai Land and Waters Aboriginal Corporation

Die Praxis, einen Gegenstand des zu Verzaubernden zu nutzen, ist auch aus anderen Kulturen bekannt. Viele mögen an sogenannte Voodoo-Puppen denken, die schaden oder heilen sollen (wobei der Begriff als Verballhornung der karibischen Vodou-Religion oft als rassistisch bewertet wird). Weniger bekannt sind die europäischen Atzmänner, die man aus Wachs oder Holz bilden kann und ähnlich funktionieren sollten. Die Zauberpuppen hatten antike Vorbilder und wurden von den germanischen Völkern verwendet, im Mittelalter und in der Neuzeit.

Beeindruckend am Fund ist aber, dass "nirgendwo sonst auf der Erde bisher archäologische Beweise einer sehr spezifischen kulturellen Praxis so weit in die Vergangenheit zurückverfolgt" wurden, sagt Erstautor Bruno David. Für die rituelle Nutzung spricht auch, dass im Rest der Höhle keine Hinweise auf das Verarbeiten von Tieren oder anderen Nahrungsmitteln entdeckt wurden, dafür aber zerkleinerte Kristalle und Kiesel, die Textquellen zufolge für Aborigines heilende Kräfte haben sollen.

Verbindung zu Vorfahren

Die Nutzung der Feuerstellen liegt laut der Radiokarbondatierung mehrerer Proben bis zu 12.000 Jahre zurück – etwa 500 Generationen Wissenstransfer, der bei den GunaiKurnai mündlich stattfindet.

Für Uncle Russell Mullett, der zu den GunaiKurnai-Ältesten, zur Glawac und der Monash University gehört, ist das Überdauern der Artefakte höchst erstaunlich: "Sie haben hier die ganze Zeit darauf gewartet, dass wir von ihnen lernen." Die Jahrtausende alten Überreste würden eine Geschichte erzählen und daran erinnern, dass die GunaiKurnai als lebendige Kultur mit ihrer weit zurückliegenden Vergangenheit verbunden seien. "Es ist eine einzigartige Gelegenheit, die Erinnerungen unserer Urahnen zu lesen und sie mit unserer Gemeinschaft zu teilen." (sic, 7.7.2024)