Ein Bub schwimmt im Pool auf zwei Frauen zu
Der sechsjährige Sohn unserer Redakteurin soll schwimmen lernen. Das gelingt am besten, wenn es Spaß macht.
Heribert Corn

Die Nachricht traf mich mitten ins Herz: Ein sechsjähriger Bub wurde kürzlich in einem Wiener Freibad aus dem Wasser gezogen. Er trieb regungslos inmitten der Badegäste, ohne dass es jemand bemerkte. Zwar wurde er vor Ort reanimiert und ins Krankenhaus gebracht, er schwebt aber noch immer in Lebensgefahr. Mein Sohn ist auch sechs. Wir sind viel im Freibad. Ich frage mich: Wie konnte das niemand bemerken? "Man darf Kinder, die noch nicht sicher schwimmen können, keine Sekunde aus den Augen lassen", sagt Elisabeth Kellner, Bundesreferentin für Rettungsschwimmen beim Jugendrotkreuz. "Kinder ertrinken lautlos, die gehen einfach unter, und weg sind sie." Zu viele Eltern würden die Gefahr im Wasser völlig unterschätzen.

Doch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Jedes fünfte Kind in Österreich ist ertrinkungsgefährdet, weil es nicht oder nur unzureichend schwimmen kann.

Zu viel Freizeitangebot

Schwimmkurse sind an Österreichs Schulen im Lehrplan verpflichtend. Sie finden in der dritten oder vierten Volksschulklasse statt. "In den Schwimmkursen in Wien kann sich die Hälfte der Achtjährigen keinen Meter über Wasser halten", sagt Kellner. Doch woran liegt das?

Eine neue Untersuchung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit ergab: am sozialen Umfeld und am Engagement der Eltern. Die meisten der Kinder, die schwimmen können, geben in der Untersuchung an, sie hätten es von den Eltern gelernt. Jene Kinder, die nicht oder nur unzureichend schwimmen können, gaben an, dass ihre Familie nie ins Schwimmbad geht. Laut Kellner hat aber auch das große Freizeitangebot Schuld an den mangelnden Schwimmkenntnissen der Kinder: "Früher war es normal, im Sommer ins Freibad zu gehen und schwimmen zu lernen, heute locken viele Alternativen wie Motorikparks, Wasserspielplätze, Trampolinanlagen."

Kein Druck

Während der Pandemie hatten außerdem viele Bäder geschlossen, Kurse sind ausgefallen, und danach waren sie ständig überbucht. In den Bundesländern schließen viele Freibäder. Die Anfängerkursangebote sind rar und teuer, die Wartelisten oft lang. Dass Eltern ihren Kindern das Schwimmen selbst beibringen, ist also für viele die einzige Alternative. Worauf müssen sie dabei achten? Welche Technik ist für Anfänger geeignet? Und wie oft sollten sie mit den Kindern üben? Ich kontaktiere Schwimmtrainerin Hannah Malits. Die 26-Jährige ist ehemalige Profischwimmerin und unterrichtet in Einzelstunden und Gruppenkursen Kinder ab drei Jahre.

"Das Wichtigste überhaupt ist, dass es den Kindern Spaß macht", sagt sie am Telefon. Und: "Schon bevor Kinder den ersten Schwimmkurs machen, sollten sie möglichst früh ans Wasser gewöhnt werden." Das baut Ängste ab. Dazu müssen Eltern nicht unbedingt am Babyschwimmen teilnehmen, die Badewanne zu Hause reicht aus: "Wasser über den Kopf schütten, anspritzen, mit dem Mund im Wasser blubbern lassen."

Nun ja, das alles habe ich gemacht, mein Dreijähriger hat dennoch Angst vorm Pool oder vorm See. Selbst wenn wir alle im Wasser sind, bleibt er am Rand stehen. Was tut man in diesem Fall? "Ängstliche Kinder muss man spielerisch ans Wasser gewöhnen", sagt Malits. Eltern sollten auf keinen Fall Druck machen, Kinder mit Belohnungen locken oder sie zu etwas zwingen. "Besser ist, man bietet dem Kind Wasserspielsachen an und verlagert das Spiel step-by-step zum großen Pool oder zum See." Ist das gelungen, sind Schwimmhilfen wie Schwimmflügel, Schwimmreifen oder Schwimmwesten wichtige Hilfsmittel fürs erste freie Spiel im Wasser. Achtung: Die Kinder müssen dennoch stets beaufsichtigt werden.

Am Rand vom Pool liegen diverse Schwimmhilfen: Schwimmbrett, Schwimmnudel, Schwimmrucksack und bunte Spielsachen.
Was für die ersten Schwimmstunden nicht fehlen darf: Schwimmhilfen und natürlich bunte Spielsachen.
Heribert Corn

Schwimmnudel statt Flügerln

Malits rät, die Schwimmhilfen immer wieder abzunehmen und die Kinder stattdessen am Beckenrand entlanghangeln zu lassen, damit sie das richtige Körpergefühl bekommen. "Schwimmflügerln bringen die Kinder in eine falsche, aufrechte Schwimmhaltung", sagt sie. Schwimmbrett, Schwimmgürtel oder Schwimmnudel sind geeignete Alternativen, wenn Kinder schwimmen lernen sollen. Damit können Eltern und Kinder gemeinsam bereits erste Schwimmübungen machen. Welche sich für Anfänger eignen, steht im Kasten:

Wir treffen Malits in einem Wiener Freibad. Zuerst zeigt sie meinem Sechsjährigen, wie er im Wasser gleitet. Das sei wichtiger als jede andere Schwimmtechnik. Die Schwimmtrainerin erklärt ihm: "Halte dich ohne Schwimmhilfe am Beckenrand fest, stoße dich mit beiden Beinen ab und gleite zu deiner Mama." Das macht er nun einmal in Rückenlage (Bauch hoch!), einmal in Bauchlage (Mund im Wasser, Hände nach vorn strecken, Popo hoch!). Ich stehe zwei Meter entfernt.

Schwimmtrainerin Hannah Malits im Pool
Hannah Malits (26) ist ehemalige Leistungsschwimmerin. In Wien und Umgebung trainiert sie in Einzel- und Gruppenkursen Kinder und Erwachsene.
Heribert Corn

Sprung vom Beckenrand

Die nächste Übung: Tauchen. Das ist für ihn kein Problem. Sein Kopf ist die meiste Zeit unter Wasser. Doch als die Trainerin ihm die Schwimmbrille abnimmt, ändert sich die Situation: Er zappelt plötzlich, ihn brennt das Wasser in den Augen, er geht fast unter. "Fällt ein Kind ins Wasser, hat es auch keine Schwimmbrille an. Es muss lernen, ruhig zu bleiben", sagt Malits. Damit das Tauchen mehr Spaß macht, klebt sie kleine, bunte Figuren an die Wände des Pools. Mein Sohn ist begeistert und holt eines nach dem anderen nach oben.

Bub ist mit Schwimmtrainerin im Pool, sie spritzen sich gegenseitig mit kleinen Spritztieren an
Miteinander im Wasser spielen, einmal den Rand im Pool loslassen, nach Spielzeug tauchen. All das gehört zum Schwimmtraining bei Hannah Malits.
Heribert Corn

Am Schluss lässt sie ihn vom Beckenrand ins Wasser springen. Das klappt. "Den Frühschwimmer würde er locker schaffen", sagt Malits. Obwohl er noch nicht Brustschwimmen kann? Das sei zweitrangig. "Wichtig ist, dass die Kinder keine Angst haben, dass sie sich länger an der Wasseroberfläche halten können und vom Beckenrand springen und tauchen." Die richtige Schwimmtechnik sei das Brustschwimmen ohnehin nicht. Puh, das beruhigt mich. Und dennoch werde ich meine Kinder nicht unbeaufsichtigt ins Wasser lassen, denn Kellner von der Berufsrettung erklärt: "Erst mit acht oder neun Jahren schreien Kinder bei Ertrinkungsgefahr um Hilfe."