Es ist eine sonderbare Gruppe, die sich an einem Abend im Sommer 2018 in einem Lokal an der Alten Donau trifft. Ein bekannter Wiener Bordellbesitzer, der in der Szene einst als "Gürtelkönig" bekannt war. Eine Frau, die behauptet, Informationen über eine große Intrige in der Rotlichtszene zu haben. Und ein Verfassungsschützer, der sich an diesem Abend als Rechtsanwalt des "Gürtelkönigs" ausgibt – und an dem Treffen offenbar aus rein privater Verbundenheit teilnimmt.

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Egisto Ott pflegte auch gute Beziehungen ins Rotlichtmilieu.
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Bei Letzterem handelt es sich um niemand Geringeren als: Egisto Ott. Also um jenen Ex-Staatsschützer, der im Zentrum einer der größten Spionageaffären der vergangenen Jahre steht. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, den Kreml-kritischen Journalisten Christo Grozev und zahlreiche andere Feinde Russlands ausgespäht sowie entwendete Smartphones von Spitzenbeamten an russische Agenten übergeben zu haben. Seit 2017 wird gegen den einstigen Beamten ermittelt.

Ott wurde vergangene Woche aus der Untersuchungshaft entlassen, weil das Oberlandesgericht Wien keine Tatbegehungsgefahr sah. Das führte hinter vorgehaltener Hand zu heftigen Protesten von Ermittlern.

Otts Freundschaftsdienst

Diese haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Vorwürfe gegen Ott zusammengetragen. Eine bislang nicht berichtete Episode führt auch ins Wiener Rotlichtmilieu und zu einem Mann, der in Ermittlungsakten als "ehemaliger Gürtelkönig von Wien" bezeichnet wird, gemünzt auf die Rotlicht-Etablissements an der und rund um die Wiener Hauptverkehrsader.

Die Beziehungen zwischen der Wiener Polizei und dem Rotlichtmilieu sorgten Anfang der 2000er-Jahre für heftige Turbulenzen und Kleinkriege in der Szene. Es ging um korrupte Beamte, die sich in die Konflikte innerhalb des Milieus einmischten.

Ex-BVT-Mitarbeiter Egisto Ott in einem Interview mit "Zackzack".
ZackZack/Youtube

Der "Gürtelkönig" wurde damals quasi demontiert und wegen Vergewaltigung zu einer Haftstrafe verurteilt. Bis heute weist er die Vorwürfe strikt von sich und sagt, es habe sich um eine Intrige gehandelt, er sei quasi von Konkurrenten und der Polizei gelegt worden. Er kämpft für eine Wiederaufnahme des Verfahrens, um seine Unschuld beweisen zu können.

Obstreise nach Italien

Dabei soll ihn Ott unterstützt haben. Er kenne den Ex-Verfassungsschützer schon seit rund dreißig Jahren, es habe sich ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt, sagt der Mann dem STANDARD. Ott habe geholfen, als er in Italien bestohlen wurde, außerdem habe ihm der Polizist hochwertiges Olivenöl vermittelt. Ott sei wie er ein Gourmet, auch deshalb habe man sich verstanden.

Vor diesem Hintergrund sei auch eine Reise von Ott, dem früheren "Gürtelkönig" und einem türkischen Obst- und Gemüsehändler nach Italien zu verstehen. Ott hätte dem Tandler damals, 2018, italienische Gemüseverkäufer vorstellen sollen, die gute und günstige Ware anbieten. Etwa Artischocken und Radicchio. Daraus geworden sei aber nichts.

Kurz davor war es bereits zu einem Freundschaftsdienst von Ott für den Rotlichtmann gekommen. Damals habe sich eine Frau gemeldet, die neue Informationen zur angeblichen Intrige gegen den Rotlicht-Unternehmer liefern wollte. Ott sei zu einem Treffen mit ihr mitgekommen und habe sich dort als Anwalt des Mannes ausgegeben. Bei einer Hausdurchsuchung bei Ott habe man dazu Notizen gefunden.

"Da haben wir blöd geschaut"

Ott soll laut Ermittlern sogar einen Schritt weitergegangen sein und die Frau in Polizeidatenbanken abgefragt haben. Einen Tag nach einem Treffen mit dem "Gürtelkönig", das Ott in seinem Kalender vermerkt hatte, soll er 250 Euro in bar auf sein Konto eingezahlt haben. Deshalb vermuten die Ermittler der AG Fama Geldflüsse zwischen Rotlicht und Ott.

Der Bordellbesitzer bestreitet das vehement. Nie habe er Ott Geld gegeben oder geliehen. Nur das gute Olivenöl habe er bezahlt. Ebenso wenig habe Ott auf seinen Auftrag hin die Informantin abgefragt, die habe sich ja ohnehin bei ihm selbst gemeldet. Warum ihm Ott geholfen hat? Vermutlich weil auch er die Intrigen bei der Polizei satthabe, glaubt der Mann.

Fragezeichen gibt es rund um Otts Verbindung in die Szene trotzdem. So erzählt der "Rotlicht-Consulter" Peter Laskaris, der sich selbst als "Laufhauskönig" bezeichnet, Ott sei ihm als Verbindungsbeamter des Bundeskriminalamts vorgestellt worden. "Wir haben sehr viele Sachen mit ihm erledigt, alles legal", sagt Laskaris zum STANDARD. Erst durch die Einvernahme bei den Ermittlern habe er erfahren, dass Ott gar kein Verbindungsbeamter, sondern im Verfassungsschutz gewesen sei. "Da haben wir blöd geschaut", sagt Laskaris.

Radicchio, Rotlicht, Russland: Ott, der langjährige Verfassungsschützer, der prinzipiell seine Unschuld beteuert, ist wohl ein vielbeschäftigter Mann gewesen. Auf eine Anfrage des STANDARD wollte sich Otts Anwalt nicht äußern. (Fabian Schmid, 7.7.2024)