Ingrid Brodnig.
Plädiert für Empathie in aufgeheizten Zeiten: Autorin Ingrid Brodnig.
Gianmaria Gava

Eines fasziniert mich seit Jahren: wie erfolgreich beleidigende Sprache in vielen Fällen ist. An sich gibt es die gesellschaftliche Norm, dass es nicht in Ordnung ist, aggressiv gegenüber anderen Menschen aufzutreten. Kinder lernen schon von klein auf, dass sie andere nicht beleidigen sollen. Aber in der politischen Praxis kann es geradezu vorteilhaft sein, sich in der öffentlichen Debatte möglichst rüpelhaft aufzuführen. Speziell bei rechtspopulistischen bis rechtsextremen Parteien ist eine zentrale Doppelstrategie ihrer Rhetorik, dass sie sich selbst einerseits gerne als Opfer der anderen politischen Lager darstellen, andererseits selbst hart austeilen und anderen Parteien niedere Motive vorwerfen. Herbert Kickl, Chef der FPÖ, nennt den Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen eine "Mumie in der Hofburg", die sich "seit Jahren im Wachkoma" befände. Er spricht von "roten und schwarzen Politmaden", dabei sind Ungeziefervergleiche – gerade auch aus dem deutschsprachigen historischen Kontext – besonders üble Beleidigungen.

Gezielte Provokationen

Ein solcher Umgangston sollte in der politischen Debatte nichts verloren haben. Natürlich: Man muss in solchen Fällen von einer gezielten Provokation ausgehen, also davon, dass Kickl höhnische oder beleidigende Kommentare liefert, weil das empörte Reaktionen und somit Aufmerksamkeit in Medien und Social Media bringt. Wieso aber funktionieren solche unfreundlichen Aussagen bei den eigenen Fans? Warum werden manche Politikerinnen und Politiker dafür vielleicht sogar gefeiert?

Donald Trump zum Beispiel nutzt häufig die unfaire Methode des "argumentum ad hominem". Das heißt, statt inhaltlich in einer Sachfrage zu antworten, wechselt man die Ebene und attackiert den vermeintlichen Charakter bzw. die Glaubwürdigkeit einer Person. So hat Trump einmal bei einer Wahlkampfveranstaltung einen Reporter mit körperlicher Behinderung nachgeäfft. Trump tat so, als hätte er eine Fehlstellung der Hände, zuckte herum und sagte zu seinem Publikum: "Der arme Kerl, ihr solltet den Typen sehen: ‚Aaaah, ich weiß nicht, was ich sagte, aaah, ich erinnere mich nicht.‘" Ausgangspunkt für Trumps Darbietung war, dass er einen Artikel des Journalisten Serge Kovaleski zitiert, aber in diesem Kontext falsche Behauptungen verbreitet hatte. Als Kovaleski darauf hinwies, wurde Trump persönlich. Kovaleski, der mittlerweile bei der New York Times arbeitet, hat eine angeborene Gelenksteife, seine rechte Hand befindet sich in einer Fehlstellung. Trump tat auf der Bühne nicht nur so, als hätte er ebenfalls eine solche Behinderung, sondern als wäre Kovaleski nicht in der Lage, zu wissen, was er geschrieben hat. Trump blieb also nicht beim bloßen Nachäffen einer Behinderung – was schon schlimm genug wäre –, er hat den Journalisten auch in einer Weise vorgeführt, die dessen Glaubwürdigkeit in Zweifel ziehen sollte.

Ich habe die Kommunikationswissenschafterin Jennifer Mercieca, Autorin des Buchs Demagogue for President, gefragt: Warum funktionieren solche Ad-hominem-Argumente für Trump? Mercieca sagt: "Er versucht nicht, die Person zu überzeugen, die er attackiert. Sondern er performt für ein Publikum. Und für ihn ist das sehr wirkungsvoll. Denn indem er diesen Personen ihre Glaubwürdigkeit abspricht, indem er ihnen die Fähigkeit abspricht, ein Argument einbringen zu können, schiebt er die Aufmerksamkeit weg vom Argument an sich oder von dem Thema, um das es gerade geht, hin zur Person und deren Glaubwürdigkeit. Er muss dafür nicht einmal selbst ein Argument, er muss niemals einen Beweis erbringen. Alles, was er tun muss, ist, dieses ‚Wir gegen die‘ zu verfestigen, dann haben die Betroffenen keine Glaubwürdigkeit mehr."

Zweck erfüllt

Rüpelhaftes Verhalten mag plump und derb erscheinen – nur verfolgt jemand wie Trump in der Politik damit wahrscheinlich einen Zweck. Oft mit Erfolg. Es wäre wichtig, dass Medien in ihrer Berichterstattung solche Mechanismen immer wieder aufzeigen und erklären. Provokative oder beleidigende Aussagen von Politiker:innen sollten nicht einfach nur zitiert werden, weil man sie (zu Recht) für Tabubrüche hält. Es lohnt sich, darüber hinaus herauszuarbeiten, ob eine Beleidigung möglicherweise taktisch eingesetzt wird, um zum Beispiel von Sachfragen abzulenken.

Das tiefergehende Problem ist: Wenn Eliten – sei es aus Politik oder Medien – eine sehr zugespitzte, Wut weckende Sprache benutzen, muss man damit rechnen, dass ein Teil ihrer Fans umso gereizter oder geradezu aggressiv reagiert. Nehmen wir noch einmal das Extrembeispiel Donald Trump. Schon mehrfach kam es vor, dass seine Fans gewalttätig oder bedrohlich auftraten. Der prominenteste Fall war sicher der Sturm auf das Kapitol am 6. Jänner 2021. Es gibt auch andere, weniger bekannte Vorfälle. In Kansas standen drei Männer vor Gericht, denen der Plan vorgeworfen wurde, in einem Wohnkomplex, in dem viele muslimische Menschen leben, eine Bombe zu zünden. Ihre Verteidigung erklärte, dass das Trio besorgt darüber war, was Trump "über das Konzept des islamischen Terrorismus zu sagen hatte".

Wutkampagnen gegen Einzelne können darüber hinaus ein Silencing bewirken: Menschen werden aus der öffentlichen Debatte verdrängt, da sie den Druck nicht mehr aushalten. Speziell bei Frauen besteht die Gefahr, dass sie sich infolge solcher Angriffe zurückziehen.

Buch Ingrid Brodnig
Ingrid Brodnig, "Wider die Verrohung. Strategien & Tipps, um auf Emotionalisierung und Fake News besser antworten zu können". € 22,– / 176 Seiten. Brandstätter-Verlag, Wien 2024
Brandstätter Verlag

Geteilte Sorge

Ich denke, viele teilen mittlerweile die Sorge, dass einige Einschüchterungsversuche gelingen. Das gesellschaftliche Klima ist zum Teil so rau geworden, dass manchen sogar Gewalt als ein adäquates Mittel erscheint. In Deutschland erleben Politikerinnen und Politiker aus allen Parteien Angriffe. Eine große Debatte löste jener Vorfall aus, bei dem vier junge Deutsche den sächsischen SPD-Spitzenkandidaten für die Europawahl, Matthias Ecke, krankenhausreif prügelten. Der CDU-Politiker Walter Lübcke ist 2019 von einem Rechtsextremisten ermordet worden. 2021 erschoss ein Mann in Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz) einen Studenten, der dort an der Tankstelle arbeitete und auf die geltende Maskenpflicht hinwies. Der Täter hat laut Gericht eine rechtsradikale Einstellung und eine feindliche Haltung gegenüber dem Staat. Er habe an dem Studenten "ein Exempel" statuieren wollen.

Hier sind wir als Bürgerinnen und Bürger auf das Funktionieren des Staates angewiesen – darauf, dass Polizei und Justiz Radikalisierung ernst genug verfolgen, dafür ressourcentechnisch gut genug ausgestattet sind. Ich möchte darüber hinaus aber auch Empfehlungen geben, die etwas niederschwelliger ansetzen.

Empfehlung 1: Es braucht Sanktionen

Klagen sind sinnvoll. Wer andere verächtlich macht, kann rechtlich belangt werden – selbst in der Spitzenpolitik. Wir haben ja eigens Straftatbestände, um Menschen vor Diskreditierung zu schützen. In Österreich ist folgendes Beispiel aus dem Jahr 2018 sehr bekannt: Der damalige Parteichef der FPÖ, Heinz-Christian Strache, hat dem ORF-Moderator Armin Wolf Lügen vorgeworfen. Konkret hatte er ein Bild von Wolf gepostet mit der Überschrift:

"Es gibt einen Ort, an dem Lügen zu Nachrichten werden. Das ist der ORF." Strache versah sein Posting mit einem Smiley und dem Hinweis, es handle sich um "Satire". Wolf klagte daraufhin unter anderem wegen übler Nachrede und Ehrenbeleidigung. Es kam zur außergerichtlichen Einigung: Der Politiker verpflichtete sich, diese oder sinngleiche Äußerungen zu unterlassen, und zahlte 10.000 Euro Entschädigung, die das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes erhielt. In der hochprofessionellen Politik sind manche Aussagen so formuliert, dass sie zwar deftig klingen, aber juristische Tatbestände wie Beleidigung gerade noch nicht erfüllen. Umso wichtiger erscheint mir, nach Möglichkeit in jenen Fällen zu klagen, in denen die Formulierung so eindeutig ausfällt, dass man gute Karten vor Gericht hat.

Dazu eine neue Untersuchung aus der Schweiz: Die Soziologin Lea Stahel und der Statistiker Sebastian Weingartner haben rund 70 Personen, die für Online-Kommentare polizeilich angezeigt wurden, kontaktiert und vier davon befragen können. Vier Interviewte klingt nicht nach viel, aber weil die Personen hinter Hasskommentaren oft anonym bleiben wollen und Straftäter:innen generell schwer für Interviews zu rekrutieren sind, ist bereits diese Datenlage eine große Leistung. Bei den Befragten zeigt sich: Der strafrechtliche Prozess hatte eine Wirkung. Die drei Männer und die Frau geben an, deutlich zurückhaltender beim Posten von strafbaren Äußerungen geworden zu sein. Der vorrangige Grund: Sie wollen weitere negative Konsequenzen in Zukunft vermeiden. Auch wenn dieser Befund ernüchternd klingen mag, so ist es besser als nichts.

Empfehlung 2: An Empathie erinnern

Nicht alle Personen, die zum Beispiel etwas Rassistisches posten, müssen gleich stark hinter solchen Aussagen stehen. Der Schweizer Staatswissenschafter Dominik Hangartner hat mit Kolleg:innen untersucht, welche Formen der Gegenrede engagierte Organisationen und ihre ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer anwenden, und getestet, welche Techniken als Antwort auf rassistische Tweets am besten funktionierten. Erstens untersuchten sie humorvolle Antworten, zweitens eine Erinnerung, dass das Geschriebene Konsequenzen haben kann (weil Freundinnen und Freunde oder Familienmitglieder es sehen könnten). Und drittens ein Appell an Empathie, zum Beispiel, dass die verwendete Sprache für die jeweilige Gruppe verletzend sein kann. Lediglich das Erinnern an Empathie führte dazu, dass Menschen ihr Verhalten änderten – zumindest ein kleiner Teil von ihnen. In 8,4 Prozent der Fälle löschten die Personen ihre rassistischen oder fremdenfeindlichen Äußerungen. "Diese empathiebasierten Strategien sind sicher kein Allheilmittel, aber sie können doch einen Beitrag leisten für einen etwas zivilisierteren Diskurs, und es ist ein Mittel, das Sie und ich einsetzen können, also auch Einzelpersonen für sich nutzen können", so Hangartner.

Hangartner hat in der Schweiz eine Folgestudie durchgeführt. Darin wurde genauer ausgewertet, wie häufig Leute Hassrede auf Twitter eingesetzt haben: "Was wir da gesehen haben, ist, dass all diese Gegenrede-Strategien ineffektiv sind bei den Leuten, die sehr häufig Hassrede verwenden."

Es gibt also Grenzen, wie viel der Appell an Empathie bewirkt. Aber Empathie scheint doch ein Stück weit ein Einlenken mitermöglichen zu können. Und das ist schon ein kleiner Erfolg, ein weiterer hilfreicher Ansatz. (Ingrid Brodnig, 6.7.2024)