Flicken am Kleid der Königin der Nacht: Der Doktor (Stefan Jürgens), die Sängerin (Julia Stemberger), ihre Garderobiere (Therese Affolter) und der Vater (Martin Schwab, v. li.) in "Der Ignorant und der Wahnsinnige" Reichenau.
Lalo Jodlbauer

Die Kritiken sind in Reichenau bereits da, aber sich kolossal uneins. Ist sie eine "Koloraturmaschine" oder produziert sie doch nur "Kunstgezwitscher"? Dem Doktor steigt bei der Lektüre solcher "Inkompetenzschmiererei" der süffisante Ärger auf, der Vater greift zur Flasche. Noch nicht da ist nämlich die Rezensierte selbst, die Tochter und Königin der Nacht, gefeiert in den Opernhäusern von Covent Garden bis La Fenice.

Zu Gesicht kriegen wir diese aber nicht, man wartet in der glanzlos weißen Garderobe (Bühne und Kostüme; Christof Cremer). In letzter Zeit passiert das häufiger, und die Sängerin spaziert stattdessen durch den Park und lauscht den Vöglein. Wir werden erfahren: Sie hat das alles satt, hasst gar ihr Publikum. Die schöne Kunst ist ihr eine Hölle ohne Fortschritt, ohne Entrinnen. Zum schon 222. Mal soll sie die Partie singen!

So startet Thomas Bernhards Der Ignorant und der Wahnsinnige als ein langer Zeitvertreib, den der Autor wie üblich mit Monologen zu füllen weiß. Der Doktor offenbart ein Faible für das Prozedere der Leichenöffnung, Darsteller Stefan Jürgens wird ganz euphorisch im Ton und leicht im Schritt, wenn das Messer ins Gehirn eindringt. Den Vater (Martin Schwab als tattriger Greis) interessiert diese Heiterkeit aber merklich weniger als die Flasche Schnaps, egal welcher, Hauptsache billig, die der Gefährte ihm qua Unverständnis seiner Berufserfahrung legitimiert gerade weggenommen hat. Er holt sie sich vom Schminktisch der Tochter wieder. So fast blind kann er gar nicht sein, als dass seine Hand sie nicht zielsicher findet.

Krone auf dem Hutständer

Über Lautsprecher spielt sich das Orchester schon ein. Es geht die Tür an der Bühnenrückwand auf. Und noch immer kommt die Tochter nicht, sondern nur ihre Garderobiere (Therese Affolter), und diese hängt die Krone der Königin der Nacht auf den Hutständer. Sie ist nicht nur ein Ruhepol unter den Fiebrigen, sie hat auch den subtilsten Witz. Im schlichten Arbeitskittel ist sie als Dienerin der Künstlerin ganz beseelt in den heiligen Handgriffen, ohne die das Werkl gewiss nicht liefe. Um die Hierarchie nochmal klarzumachen, hustet sie in ihrer fast stummen Rolle in der Bühnenmitte, wo die andere große Töne spuckt.

1972 wurde das Stück von Thomas Bernhard bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt und ging mit einem Skandal in deren Annalen ein. Regisseur Claus Peymann nämlich wollte an Ende den gesamten Raum in Dunkelheit tauchen, auch die Notbeleuchtung im Zuschauerraum sollte ausgeschaltet werden. Als das bei der Premiere nicht gelang, bestreikte das Ensemble kurzfristig eine Folgevorstellung. In Reichenau steht ein Skandal nicht zur Debatte.

Künstler vs. Normalos

Dunkel wird auch hier aber den Regieanweisungen entsprechend am Schluss die Bühne. Hermann Beil inszeniert mit Pause zwei Stunden lang mit den Figuren im Fokus. Schwab, der „Ignorant“, wirft vor allem auf seine Tochter gemünzte Enttäuschungsbekundungen ("rücksichtlos“) ein und fällt bei Tisch in den Schlaf – psychologisch stecken die beiden in einer ungesunden Abhängigkeit voneinander. Jürgens, der „Wahnsinnige“, ist der Motor der Szenen. Das „künstlerische Geschöpf" stellt er, sich selbst gern reden hörend, dem "gewöhnlichen Menschen" gegenüber und lässt nebenbei Weisheiten springen. Dass man immer nur Wirkungen sehe, aber nie die Ursachen: Da fallen Arzt und Hobbyphilosoph in eins.

Und dann taucht sie (Julia Stemberger) auf, schon beim Gang durch die Garderobentür im schicken Sixties-Kostüm bis in die behandschuhten Fingerspitzen ganz Maria-Callas-Diva (die aber einen Zwiebelrostbraten zu schätzen weiß!). Es wird umgekleidet und geschminkt, heute weiße statt rote Wangen, schießt es ihr ein. Für mehr Künstlichkeit! Es wird sich zu Medizinkauderwelsch eingesungen, und wenn sie die Arme probeweise hochreißt, ihre Bühnenangst vor einem zerrissenen Kleid demonstrierend, macht es ratsch.

Ständiger Umschlag

Bernhards Bewunderung für die Musik (die Zauberflöte war Bernhards Lieblingsoper) und seine Hypochondrie geben sich in diesem ersten seiner Künstlerdramen die Hand. 1960 hatte er schon ein Dramolett mit einem Arzt und einer Sängerin über deren psychischen Druck geschrieben (Frühling). "Alles absagen!", lautet nun hier ihre Lösung. Dass aber alles in dem Stück ständig vom einen ins andere umschlägt, Abneigung in Stolz, Abgrenzung in neurotische Nähe, hält den Witz und die Spannung – und den Fortgang offen. Dem Publikum gefiel das sehr. Gediegen aus der Zeit gefallen ist diese Produktion. Oder wie die anderslautende Kritik loben würde: gelungen zeitlos! (Michael Wurmitzer, 7.7.2024)