Frank Stronach
Frank Stronach wuchs in einem steirischen Dorf auf und wanderte in jungen Jahren nach Kanada aus.
AP/Matthias Schrader

Niemals. Ich kann mir das einfach nicht vorstellen", sagt Helmut Kienreich. Der Weizer Altbürgermeister kennt seinen Freund Frank Stronach seit jungen Jahren. Aber all diese schweren Vergehen, die dem Milliardär jetzt in dessen Wahlheimat Kanada zur Last gelegt werden, "das glaub ich einfach nicht. Das ist wirklich unfassbar", sagt Kienreich im Gespräch mit dem STANDARD.

Der in der Ansiedlung Kleinsemmering bei Weiz geborene, spätere Industriemagnat und Ex-Politiker Frank Stronach muss sich am 8. Juli wegen Missbrauchsvorwürfen von zehn Frauen in Kanada vor Gericht verantworten. Wie aus Gerichtsprotokollen hervorgeht, wird der bald 92-Jährige wegen 13 Straftaten angeklagt. Stronach war bereits zweimal festgenommen und unter Auflagen wieder freigelassen worden.

Frank will sich "energisch" wehren

Den Dokumenten zufolge sollen die Anschuldigungen bis ins Jahr 1977 zurückreichen. Frauen werfen dem Milliardär versuchte Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe in den 1980er, 1990er- und frühen 2000er-Jahren vor. Selbst im April 2023 und im Februar dieses Jahres soll der Milliardär sexuelle Übergriffe verübt haben, berichten kanadische Medien. Stronach ließ durch seinen Anwalt Brian Greenspan ausrichten, er weise alle Vorwürfe zurück und werde sich vor Gericht "energisch" dagegen verteidigen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

In seiner Heimatstadt Weiz ist Stronach wieder Tagesgespräch. "Gerade vorher haben wir in der Runde drüber gesprochen, es sind alle sehr betroffen. Und keiner kann sich das vorstellen. Er war immer souverän, alle hatten großen Respekt", sagt Kienreich.

In den vergangenen Jahren war es still geworden um den berühmten Steirer. "Er war das letzte Mal vor vielleicht fünf Jahren hier", erinnert sich Oswin Donnerer, Kulturreferent der Stadt. Natürlich sei Stronach nach wie vor im Gedächtnis der Stadt, aber die Erinnerung an seine Person sei in den Jahren langsam verschwunden. Man hatte kaum noch Interesse an ihm und auch Stronach nicht an seiner Stadt. Der Austrokanadier hatte sich allmählich aus Weiz zurückgezogen. Die Unterstützung für den Fußballklub hat Stronach schon vor acht Jahren gecancelt und auch sein Anwesen verkauft.

Große Augen

Irgendwann Mitte der 1980er-Jahre war er zurückgekehrt aus der großen weiten Welt, mit einem Haufen Geld in der Tasche. "Boah, alle haben große Augen bekommen, wie er da mit seinem großen Ami-Schlitten durch die Stadt kutschierte", erinnert sich Kienreich. Ein kultiger Chevrolet war’s, glaubt er sich zu erinnern. So etwas habe man in Weiz zuvor noch nie gesehen.

Stronach hatte auch seine "goldene Regel", die er immer wieder jedem vorbetete, im Gepäck. Wer das Gold hat, macht die Regel. That’s it. Er wollte, so schien es, ganz Österreich daran teilhaben lassen. Es allen zeigen, dass er, der Werkzeugmacher Franz Strohsack von damals, der 1954 mit 22 Jahren von Kleinsemmering weggezogen war, um sein Glück in Kanada zu finden, es zu einem Global Player der Autobranche mit weltweit mehr als 100.000 Mitarbeitern gebracht hatte.

Die Welt im Griff

Es war in der Tat symbolhaft: So als habe er die ganze Welt im Griff, präsentierte er nach seiner Rückkehr in Österreich als sein erstes großes Projekt eine überdimensionale Erlebnis-Weltkugel, die er in der Nähe von Wien aufstellen wollte. Er musste aber bald erkennen, dass hier in Austria, in diesem kleinen Universum der begrenzten Möglichkeiten, die Uhren anders gingen. Bürokratie und Anrainer drehten ihm das Ding einfach ab.

Dabei hatte noch der junge ehemalige Vizelandeshauptmann von Kärnten und spätere Finanzminister Karl-Heinz Grasser, den er zu sich geholt hatte, in bester Autoverkäufermanier für das Erdkugelprojekt die Werbetrommel gerührt.

Frank ließ sich aber nicht weiter beirren, die paar Millionen "stranded costs" verdaute er locker, und er besann sich rasch auf das, was er konnte: Industrien aufbauen. Er kaufte das Joint Venture "Eurostar" der Chrysler Corporation mit der Steyr-Daimler-Puch Fahrzeugtechnik in Graz. Dies wurde der Kernbereich der späteren Magna-Produktion in Österreich.

Frank Stronach
Am Ende seiner Weltkarriere steht der 92-jährige Milliardär Stronach jetzt wegen schwerer Vorwürfe vor Gericht.
APA/ERWIN SCHERIAU

Wunsch nach Anerkennung

In Oberwaltersdorf richtete Stronach seine Magna-Europazentrale ein, zumal er nun europaweit Werke zukaufte. Etliche Betriebe siedelte er auch rund um seinen Geburtsort Weiz an. Magna International performte nicht nur als Automobilzulieferer und -entwickler. Magna baute auch fertige Fahrzeuge – nicht unter einer eigenen Marke, sondern für andere Hersteller wie Mercedes-Benz, Chrysler, Saab oder BMW. Seinen Traum eines eigenen Magna-Autos wollte er mit der Übernahme der angeschlagenen Konzerne Opel und Chrysler verwirklichen – was epochal fehlschlug.

2010 zog sich Stronach aus seinem Konzern zurück und ließ sich den Ausstieg mit einer Milliarde Dollar abgelten.

Wichtiger Arbeitgeber

Der steirische Milliardär, der immer wieder zwischen Kanada und Oberwaltersdorf hin und her pendelte, war jedenfalls zu einem wichtigen Arbeitgeber in seiner alten Heimat geworden. Dennoch schien es ihm weiter an Anerkennung durch seine alten Landsleute zu fehlen. Nicht zufällig engagierte er sich darauf auch breitenwirksam in Entertainment und Sport. Er kaufte eine Pferderennbahn, versuchte sich als Fußballmäzen bei der Wiener Austria, ließ ein Koffeingetränk mit dem Namen "Frank’s Energy Drink" entwickeln – aber alles mit sehr überschaubarem Erfolg.

Stronach holte österreichische Politiker aller Couleur zu sich, vom ehemaligen SPÖ-Kanzler Franz Vranitzky, der Aufsichtsratsmitglied wurde, bis zur steirischen Ex-Landeshauptfrau Waltraud Klasnic (ÖVP). Dennoch blieb er irgendwie immer der "zuagraste" Kanadier mit diesem seltsamen steirisch-kanadischen Idiom.

Das Desaster in der Politik

Schließlich versuchte sich Stronach in der Politik und gründete das Team Stronach. Damit hatte er ja schon seine Erfahrungen. Ende der 1980er-Jahre hatte Stronach für die kanadische Liberal Party unter dem Slogan "Let’s be Frank" kandidiert. Sein damaliger Gegenspieler John Cole sagte daraufhin nur, man solle "Frank" in der Öffentlichkeit reden lassen, sooft wie möglich. Stronach war rhetorisch tatsächlich ein Desaster. Er scheiterte grandios. Wie Jahre später in Österreich mit seinem Team Stronach. Im Wahlkampf sprach er vom "Euro als Missgeburt", wetterte gegen die EU und vermeinte, die Todesstrafe sei für "Berufskiller" schon ganz okay. Wie zu erwarten mussten sich die anderen Parteien gar nicht groß abplagen. Stronach war in Live-TV-Formaten zum "fränkschämen".

Er ließ keinen Fettnapf aus, verlor den Faden und offenbarte, dass er zum Teil völlig ahnungslos war. Anfangs wurde seine Partei noch auf zweistellige Höhen getaktet, bei der Wahl 2013 kamen dann gerade noch 5,7 Prozent heraus. Ein Jahr später lag er in Umfragen bei nur mehr einem Prozent. Stronach war in der Politik abermals famos gescheitert. Er zog sich wenig später nach Kanada zurück.

Im Weizer Kunsthaus hatte man zu seinen Ehren einen Saal nach ihm benannt. Für den Stadtpolitiker Donnerer ist das jetzt aber eine Überlegung wert: "Sollte er tatsächlich verurteilt werden, müssen wir natürlich nachdenken." (Walter Müller, 7.7.2024)